APA - Austria Presse Agentur

Historischer Boykott im US-Sport: Was wir bisher wissen

27. Aug 2020 · Lesedauer 4 min

Am Jahrestag des ersten Anti-Rassismus-Protests von Colin Kaepernick haben US-Sportler ihre Wut und Enttäuschung über die Polizeigewalt im Land deutlich gemacht. Ausgelöst von einem historischen Playoff-Boykott der Milwaukee Bucks verzichteten am Mittwoch (Ortszeit) Teams und Spieler in der NBA, MLB, MLS und WNBA auf ihre Wettkämpfe.

Die Suspendierung von Profisportligen in den USA ist äußerst selten – die Terroranschläge vom 9. September 2001, Naturkatastrophen, der jüngste COVID-19-Ausbruch - und Boykotte sind beispiellos. Am Mittwoch wurde das Beispiellose Realität, als das NBA-Team Milwaukee Bucks sich weigerte, das Parkett für Spiel 5 ihrer Playoff-Serie gegen die Orlando Magic zu betreten.

Die Magic zeigten sich solidarisch und schlossen sich dem Boykott an. Die NBA verschob daraufhin die Spiele für alle Teams, die später am Tag spielen sollten: Oklahoma City Thunder, Houston Rockets, Portland Trail Blazers und Los Angeles Lakers. Mehrere WNBA-, MLB- und MLS-Spiele wurden ebenfalls verschoben.

Warum protestieren die Bucks?

Als Vertreter von Wisconsin - wie die Spieler in ihrer Erklärung verdeutlichten - glauben die Bucks, dass das Parlament in der Bundeshauptstadt Madison keine ausreichenden Maßnahmen ergriffen hat, um die Reform der Strafjustiz und die Brutalität der Polizei zu bekämpfen. In der Erklärung fordern die Bucks-Spielern die politischen Amtsträger zum Handeln auf, um die an der Schießerei auf den Afroamerikaner Jacob Blake beteiligten Polizisten zur Rechenschaft zu ziehen.

Gibt es einen historischen Präzedenzfall für einen NBA-Boykott?

So einen Fall gab es in der Geschichte der nordamerikanischen Basketballliga bisher noch nicht.

Die LA Clippers und Golden State Warriors diskutierten 2014 über den Boykott der Spiele 4 und 5 ihrer Playoff-Serie, nachdem rassistische Äußerungen von Clippers-Besitzer Donald Sterling publik gemacht wurden. Die Spieler beider Teams waren dazu bereit, entschieden sich aber letztendlich dagegen, da NBA-Kommissar Adam Silver eine lebenslange Sperre gegen Sterling aussprach.

Was bedeutet der Boykott für die verschobenen Spiele? Wie werden sie gewertet?

Hier gibt es mehr Fragen als Antworten. Das NBA-Regelbuch wertet das Nicht-Antreten eines Teams als "Nichterscheinen". Die dafür vorgesehene Strafe ist eine automatische Niederlage und eine Geldstrafe von bis zu 5 Millionen US-Dollar. Da sich jedoch alle Teams einig waren, nicht zu spielen, handelt es sich um keine Niederlage durch Aufgabe.

Laut NBA-Erklärung werden alle drei Spiele, die für Mittwoch geplant waren, verschoben und nicht abgesagt.

Werden die Spieler für den Boykott bestraft?

Die drei Spiele werden vorerst verschoben. Technisch gesehen könnte dies jedoch finanzielle Auswirkungen für die Spieler haben, die sich noch in den Playoffs befinden, da sie nicht die Leistungen erbringen, die im Tarifvertrags der NBA vorgeschrieben sind.

Im Rahmen der von der NBA und der Spielervertretung vereinbarten Regelung des Liga-Neustarts nach Corona vom 20. Juni kann ein Spieler, der sich weigert, ohne angemessenen Grund oder Entschuldigung zu spielen, sein Gehalt um 1/92,6 senken. Die Anzahl der Spiele, die ausgesetzt werden können, ist jedoch auf 14 begrenzt - einschließlich der Seeding- und Playoff-Spiele.

Zum Beispiel haben Spieler der Los Angeles Lakers 12 Spiele gespielt und würden im Szenario nur zwei Spiele verlieren, wenn die Saison abgesagt wird. LeBron James würde 667.178 Dollar seines Gehalts von 37,4 Millionen Dollar verlieren.

Was passiert, wenn die Playoffs abgesagt werden?

Natürlich gibt es neben dem Verlust von Spielergehältern noch größere finanzielle Auswirkungen. Wie der Journalist Adrian Wojnarowski von "ESPN" berichtet, haben die NBA und der Spielerverband kürzlich vereinbart, das 60-Tage-Fenster zur Kündigung des Tarifvertrags zu verschieben. Das neue Zeitfenster soll beiden Seiten ausreichend Zeit geben, um über die künftige Gehaltsobergrenze auf der Grundlage der durch die Coronavirus-Pandemie verlorenen Einnahmen zu verhandeln.

Die Absage der Saison aufgrund eines Spielerboykotts wäre aus wirtschaftlicher Sicht ein schwerer Schlag für die Liga. 

Werden die Playoffs fortgesetzt?

Das ist noch unklar. Am Mittwochabend trafen sich Spieler und Trainer in der Corona-Bubble in Orlando, um ihre nächsten Schritte zu besprechen und zu diskutieren, ob die Saison fortgesetzt werden soll. Die Teams wurden nach ihrer Präferenz befragt und die Lakers und Clippers stimmten laut Insidern beide dafür, die Saison zu beenden. Es soll aber noch keine endgültige Entscheidung darüber gegeben haben, was mit dem Rest der Saison passieren würde.

Es soll aber sehr unwahrscheinlich sein, dass am Donnerstag Spiele ausgetragen werden.

Quelle: Agenturen / Redaktion / apb