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Guillaume Leclerc: Der ICE-Topscorer unter der Lupe

10. Dez 2021 · Lesedauer 5 min

Auch wenn Olimpija Ljubljana ein wenig von der Dominanz des Saisonbeginns eingebüßt hat, stehen sie immer noch an der Spitze der ICE Hockey League. Ähnliches gilt für Guillaume Leclerc, der weiterhin die Scorerliste anführt. Grund genug für Bernd Freimüller seinen Scouting-Report zu Leclerc auszupacken.

Leclercs Karriere

Nach Jahren im Nachwuchs von Amiens wechselte der Center/Flügel nach Übersee, wo er sich nach zwei Jahren ein College-Engagement (University of Mass-Lowell) erspielte.

Diese dauerte aber nicht einmal zwei der eigentlich vorgesehenen vier Jahre, schon während der Saison 2017/18 kehrte er nach Frankreich zurück. Nach zwei Spielzeiten in Grenoble und dem Liga-Scorertitel im zweiten Jahr begannen seine Wanderjahre: Poprad (Slowakei), Bietigheim (DEL2) und - nach einer kurzen Rückkehr nach Grenoble - Rödovre (Dänemark). Mehr als 25 Partien spielte er bei keiner seiner Auslandsstationen, war dabei aber fast immer ein Point-Per-Game-Scorer.

Sein Engagement in Ljubljana im Sommer verdankt er dem neuen Olimpija-Coach Mitja Sivic, der ihn aus seiner Trainertätigkeit in Frankreich kennt.

Ältere Reports

Leclerc ist ein Spieler, der zwar öfters beim Nationalteam dabei ist, es aber nur auf zwei A-WMs brachte, die letzte davon 2018/19. Mein einziger Report über ihn datiert aus dem letzten Mai vom "Beat-Covid19-Turnier" in Laibach. Dabei stach er mir durchaus ins Auge: "Guter Speed, kann die Scheibe nach vorne tragen, verbreitet Unruhe, setzt sich in engen Lagen durch. Kein Top-Notch-Scorer, aber ein durchaus offensiv talentierter Spieler."

In einem sommerlichen Gespräch mit einem Manager eines österreichischen ICE-Teams, der sich über die Jahre auch für ihn interessiert hat, kamen wir zum gleichen Schluss: "Guter Spieler, kann sicher in unserer Liga spielen, aber wahrscheinlich nicht in einer Top-Rolle."

Scouting Report

Nicht nur durch seine Scorerzahlen (9 Tore und 22 Assists in 31 Spielen) belehrte uns der 25-Jährige eines Besseren. Am Flügel der Topreihe mit dem umtriebigen Center Nik Simsic und Wade Murphy punktete er von Beginn an, stellte sich sofort als der offensive Antriebsmonitor der Slowenen vor.

Allerdings braucht er seine Freiheiten: Defensiv ist er zwar kein Bruder Leichtfuß, aber wenn sich eine Gelegenheit ergibt, sucht er den Weg ins Mitteldrittel. Da kann es durchaus vorkommen, dass er in einem Drittel – wie bei einem Spiel in Znojmo – gleich zu drei Breakaways kommt. Er kommt auch nicht im PK zum Einsatz und als Left Wing braucht er sich natürlich weniger defensiv aufzureiben als als Center – eine Position, die er auch spielen kann und für die er als sehr guter Playmaker auch geboren wäre.

In einem Team, wo alle Spieler stets hinter dem Puck sein müssen – etwa der KAC – würde Leclerc sicherlich einiges von seiner Effektivität einbüßen. Aber wer ihm einige Freiheiten – weit weniger als etwa Anthony Luciani in Znojmo – gewährt, wird wie Coach Sivic reich belohnt.

Leclerc hat nicht nur guten Speed auf der kurzen und langen Distanz, sondern agiert fast schlangengleich. Er kann sich durch dichten Verkehr winden, ist agil und entgeht Körperattacken sehr gut. Groß ist er nicht (1,73 Meter), aber mit 82 kg sehr kräftig – "sturdy", wie ich ihn in meinem Report beschrieben habe. Er initiiert keinen Körperkontakt, kann aber diesem sehr gut ausweichen oder mit ihm umgehen.

Leclerc verfügt über sehr gute "Core Strength", steht stabil auf den Eisen und kommt kaum zu Fall. Er erinnert mich ein bisschen an russische Spieler mit überschaubarer Körpergröße, aber einem stark trainierten Fahrgestell. So scheut er auch nicht Zweikämpfe an den Banden und vor dem Tor, wo er allerdings keine Dauerpräsenz einnimmt, sondern im Drive-By-Modus vorbeischaut. Seine Treffer kommen auch aus der Nahdistanz, keinesfalls kernige Schüsse von außen, sondern eher von der Türschwelle.

Seine für mich größte Stärke: Er ist äußerst "sneaky", schleicht sich oft über die Schulter an Gegner heran, "picks pockets", stiehlt ihnen die Scheiben, wenn sie nicht damit rechnen. Takeways gehören zu seinem Spiel, er agiert mit einem sehr aktiven Stock und ist dadurch in Zweikämpfen überraschend effektiv.

Ebenfalls auffallend: Er dreht seinen Motor nie ab, bleibt stets auf Standgas. Er hetzt Pucks sicher nicht aufgeregt nach, aber selbst bei Aktionen, die eigentlich schon abgeschlossen scheinen, bleibt er im Geschehen und kommt zu Pucks, die er sofort wieder weiterleitet. Als Passgeber gehört er zu den Top-Spielern der Liga – seine zwei Assists im Spiel gegen Graz sind bezeichnend: Ein Pass hinter dem Rücken in den Slot und noch sensationeller: Alleine vor dem Tor stehend passte er zurück – Simsic und Piche waren die Profiteure dieser außergewöhnlichen Zuspiele. Seine Pässe sind scharf, genau aufs Blatt und kommen aus Lagen, wo man nicht unbedingt mit (erfolgreichen) Vorarbeiten rechnen kann.

Speed, eine gewisse Resilienz in Zweikämpfen, sehr gute Passqualitäten und guter Hockey Sense – so würde ich seine Stärken beschreiben, Abstriche muss man im Spiel gegen den Puck machen, wo er aber im Offensivbereich trotzdem Turnovers kreieren kann.

Seine Zukunft

Wenn seine Saison nicht völlig in sich zusammenbricht oder er eine langwierige Verletzung erleidet, kann Leclerc sicher mit einem guten Angebot im Sommer rechnen – entweder innerhalb der Liga oder außerhalb. DEL-Teams wie Bremerhaven oder Krefeld, die gerne Spieler aus kleineren Eishockeyländern verpflichten und der ICE gegenüber durchaus aufgeschlossen sind, könnten hier Interesse zeigen. Allerdings muss er dann eventuell mit einem kleineren Gehalt auskommen, als wenn ein tschechischer, slowakischer oder ICE-Spitzenklub auf den Plan tritt.

Leclerc hat schon einige Teams und Länder in seiner Vita stehen. Eine weitere neue Destination im Sommer würde nicht überraschen, aber Interessenten sollten sich bezüglich seiner Stärken und Schwächen absichern. Trotz der Spitzenränge in der Liga sind Teams wie Ljubljana oder Fehervar von TV-Übertragungen in Österreich praktisch ausgeschlossen, sodass der eine oder andere Besuch eines Vereinsmanagers am Tivoli oder bei einem Auswärtsspiel nicht überraschen würde.

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst auf laola1.at erschienen

Quelle: Redaktion / Laola1.at, Bernd Freimüller