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Fünf Thesen, warum Deutschland bei der WM scheiterte

03. Dez. 2022 · Lesedauer 6 min

Das Doha-Debakel: Wie bei der Fußball-WM 2018 ist für die deutsche Auswahl auch in Katar nach drei Spielen bereits Schluss. Ein Erklärungsversuch.

Es gab schon deutsche Nationalmannschaften, die trotz bescheidenen Potenzials bei Turnieren sehr weit kamen. Bei der WM in Japan und Südkorea 2002 zum Beispiel rumpelte man sich regelrecht ins Finale. Auch die Europameister von 1996 waren keine Über-Mannschaft, aber ein guter Mix aus Kreativen und fleißigen Arbeitern sowie ein eingeschweißtes Team.

Die deutsche Nationalmannschaft, die in Katar ihr Glück versuchte, war gespickt mit internationalen Stars wie Ilkay Gündogan (Manchester City), Jamal Musiala (Bayern München) und Antonio Rüdiger (Real Madrid). Dennoch verabschiedet sich die DFB-Elf nach nur drei Spielen mit einem Kater aus Katar.

PULS 24 spürt den Gründen für das frühe Aus nach und hat fünf Thesen, woran es (wieder einmal) gelegen ist.

These 1: Defensive kein sicherer Rückhalt mehr

Die Verteidigung Deutschlands war bei der WM schlichtweg kein sicherer Rückhalt. Genau dieses defensive Rückgrat war es nämlich, das bei der WM 2014 zum Erfolg führte. Auf dem Weg zum WM-Titel in Brasilien spielte die deutsche Elf viermal zu null - gegen Portugal, die USA, Frankreich und Argentinien. Im gesamten Turnier ließ Deutschland damals nur vier Gegentreffer zu.

Davon konnte die DFB-Elf in Katar nur träumen. In drei Spielen hat die Mannschaft fünf Gegentore bekommen, vier davon gegen die Außenseiter Japan und Costa Rica. Spieler wie Mats Hummels und Jérôme Boateng in Bestform hat Deutschland, abgesehen vielleicht von Antonio Rüdiger, nicht mehr. Der WM-Kader Hansi Flicks sorgte bei den Fans im Vorfeld der Weltmeisterschaft ohnehin für Unmut. Für viele war es unerklärlich, warum Hummels und Robin Gosens zuhause bleiben mussten.

Gerade auf den Außenverteidiger-Positionen war Deutschland am schlechtesten besetzt. Mit Joshua Kimmich, Niklas Süle und Thilo Kehrer standen in drei Spielen drei verschiedene Rechtsverteidiger in der Startaufstellung - wobei Kimmich eigentlich defensiver Mittelfeldspieler ist und Süle und Kehrer Innenverteidiger sind. Das dürfte auch der Hauptgrund für das frühe Ausscheiden gewesen sein - über die Seiten gelang den Deutschen viel zu wenig.

These 2: Viele Chancen, kaum Treffer

Deutschland kann die höchste Expected-Goals-Rate aller 32 WM-Teilnehmer aufweisen. 10,4 Mal hätte der Ball in den drei Spielen der Deutschen den Weg ins gegnerische Tor finden sollen, sechs tatsächlich erzielte Tore standen am Ende zu Buche. Wenn man rein nach der sogenannten xGoals-Statistik geht, hätten die Deutschen also in jedem der drei Gruppenspiele als Sieger vom Platz gehen müssen.Die DFB-Elf ist demnach Opfer ihrer eigenen Ineffektivität geworden, auch wenn man oft nur sehr knapp am Torerfolg scheiterte. Allein Musiala traf im letzten Gruppenspiel gegen Costa Rica (die Partie hätte laut Expected-Goals 5:1 ausgehen sollen) zweimal die Latte.

These 3: Der Knipser fehlt

Verlässliche Angreifer sind bei dieser WM Gold wert. Ein wuchtiger Mittelstürmer verschafft seinem Team gleich mehrere Vorteile: Er kann Bälle abschirmen und Innenverteidiger binden sowie natürlich im Idealfall auch Tore schießen. Diese WM zeige schnellere Spieleröffnungen und eine Absage an das extreme Ballbesitzspiel, analysierte der deutsche Trainer Ernst Middendorp kürzlich in der Tageszeitung "Die Welt". Das spricht für die nun wieder größere Bedeutung eines klassischen Mittelstürmers, einer "echten Neun".

Olivier Giroud ist zum Beispiel nicht der eleganteste Spieler Frankreichs und Alvaro Morata hat nicht den feinsten Fuß Spaniens - den Wert für ihre Teams haben die beiden dennoch schon bewiesen. In Deutschland war man sich des "Neuner-Problems" durchaus bewusst - bloß konnte Trainer Flick seit seinem Antritt im August 2021 auch keinen Neuner herbeizaubern. Erst am 10. November wurde Werder-Bremen-Stürmer Niclas Füllkrug, Spitzname "Lücke" (wegen seiner Zahnlücke), offiziell Teil des WM-Kaders.

Flick bewies Mut zu "Lücke", aber zu wenig? Gegen Japan, Spanien und Costa Rica kam Füllkrug jeweils erst in der zweiten Halbzeit von der Bank. Fußball-Deutschland diskutiert, ob der technisch limitierte, aber in Top-Form spielende Füllkrug nicht in die Startelf gehört hätte.

Tatsache ist, dass die Fußballnation, für die einst Gerd Müller, Jürgen Klinsmann und Miroslav Klose auf Torjagd gingen, an akuter Knappheit an Mittelstürmern auf internationalem Niveau leidet.

These 4: Keine Sieger-Mentalität

Diese These ist heikel, denn dass die deutsche Mannschaft wollte, kann man ihr weder gegen Japan (25 Torschüsse), gegen Spanien (57% gewonnene Zweikämpfe) noch gegen Costa Rica (29 Torschüsse) absprechen. Und doch scheint dieser deutschen Elf etwas zu fehlen, was frühere Generationen ausmachte. Ein Indiz dafür lieferte Real-Verteidiger Rüdiger selbst nach dem Ausscheiden am Donnerstag. "Die letzte Gier, dieses etwas Dreckige - das fehlt uns", sagte der 29-Jährige. "Viel Talent, alles schön und gut. Aber da gehört mehr dazu als einfach nur Talent, da spielen auch andere Faktoren eine Rolle."

Nach der verspielten 1:0-Führung gegen Japan schimpfte Joshua Kimmich: "Wir hätten den Gegner killen müssen." Der Konjunktiv verrät, dass der Killer-Instinkt offenkundig fehlte.

Der Journalist Max Dinkelaker vom deutschen Fußballmagazin "Elf Freunde" analysierte nach dem verhängnisvollen Japan-Spiel: "Was mich aufregt, ist die Haltung der Leute auf dem Platz zu dem Spiel. Das war teilweise extrem schlampig. Meiner Meinung nach ist das nicht Unvermögen, sondern ein arroganter Touch." Leichte Fehler und unnötige Ballverluste passierten schließlich immer gegen Gegner, die auf dem Papier schlechter erschienen, ärgerte sich Dinkelaker.

Fest steht: Bundestrainer Flick sprach vor und während des Turniers wiederholt von "Mentalität" und "Entschlossenheit". Zentrale Spieler ließen aber Kaltschnäuzigkeit und Killer-Instinkt in den wichtigen Momenten vermissen.

These 5: Es war auch Pech dabei

Diese Erklärung liest man bei unseren deutschen Nachbarn nur ungern. Vielmehr drängen Sportjournalisten und TV-Experten auf eine schonungslose Analyse, um es möglichst schon bei der Heim-EM in zwei Jahren deutlich besser zu machen.

Und doch lag es unbestritten auch an Kleinigkeiten, dass nun die ganz große Krisendebatte über den deutschen Fußball losgebrochen ist. Ein Indiz von vielen für den Faktor Pech: Die DFB-Elf traf nicht weniger als fünfmal Aluminium.

Ein kurzer Exkurs zum Faktor Glück und Pech im Profi-Fußball: Die Rolle des Zufalls werde im Fußball oftmals vernachlässigt, schrieb die Deutsche Sporthochschule Köln im Jahr 2021 über ihre hauseigene Big-Data-Studie. Die Wissenschaftler analysierten insgesamt 7.263 Tore der englischen Premier League in den Saisons 2012/13 bis 2018/19 und veröffentlichten ihre Studie in der Zeitschrift "Journal of Sports Sciences". Die Forscher identifizierten dafür sechs Variablen für zufällige Einflüsse auf das Spiel - zum Beispiel Abstaubertore, Distanzschüsse, abgefälschte Schüsse oder Tore, die aufgrund eines Fehlers in der Abwehr entstehen (u. a. Eigentore). Zusätzlich berücksichtigten die Wissenschaftler weitere neun situative Variablen des Zufalls.

Die Ergebnisse: Bei fast jedem zweiten Tor (46%) gab es einen Zufallseinfluss. Allerdings sei der Anteil an Zufallstoren über die sieben Premier-League-Saisons von 50 Prozent auf 44 Prozent gesunken.

Ein passender Spruch des legendären DFB-Trainers Sepp Herberger wird die deutschen Nationalspieler trotzdem kaum trösten: "Fußball ist deshalb spannend, weil niemand weiß, wie das Spiel ausgeht."

Thomas Golavcnik, Lukas KapellerQuelle: Redaktion / kap