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Frauenfußball: Rekordboom trotz ewigem Kampf um Anerkennung

13. Sept. 2022 · Lesedauer 5 min

Mit der Fußballeuropameisterschaft in England ist der Frauenfußball einmal mehr in neue Sphären vorgestoßen. Das ist beachtlich, wirft man einen Blick zurück auf die zahlreichen Steine, die den Protagonistinnen in den Weg gelegt wurden und werden.

Vor 87.192 Zuschauer:innen ging am 31. Juli die Europameisterschaft der Frauen mit dem Final-Sieg der Engländerinnen über Deutschland zu Ende. Die Endrunde war auf vielen Ebenen historisch und hat zahlreiche Rekorde pulverisiert.

63,5 Millionen Euro betrug die Wertschöpfung in den Ausrichterstädten. 574.875 Fans verfolgten die Spiele in den Stadien. 17,9 Millionen Menschen waren allein bei der Final-Übertragung der "ARD" mit dabei. Dass der Frauenfußball bereits auf einem so hohen Level ist, ist durchaus bemerkenswert, wenn man einen Blick auf die Entwicklung wirft.

Kurzfristiger Boom in den 1920er-Jahren

Die Anfänge der Sportart gehen auf das Mutterland des Fußballs, England, zurück, wo 1894 mit den British Ladies das erste Frauen-Team der Welt gegründet wurde. Der erste Fußball-Verein der Männer, Sheffield United, ist 37 Jahre älter.

Während und nach dem ersten Weltkrieg erhielt der Sport im Damen-Bereich einen großen Aufschwung, da der Männer-Betrieb aufgrund des ersten Weltkriegs stark beeinträchtigt war. So verfolgten in den 1920er-Jahren in England bis zu 50.000 Zuschauer:innen die Spiele. In vielen weiteren Ländern wurden Vereine gegründet.  

Verbote von FA, DFB und ÖFB

Dieser kurze Boom wurde 1921 gleich wieder im Keim erstickt, als die FA in England Frauen die Benutzung der Stadien untersagte. Fußball sei für Frauen "nicht geeignet und sollte deshalb nicht gefördert werden", so die Erklärung.

In Deutschland untersagte der DFB den Frauen 1955 das Fußballspielen offiziell mit der Begründung: "Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand." Zwei Jahre darauf verbot der ÖFB hierzulande Frauenabteilungen. Die 1972 dennoch gegründete Damenliga wurde seitens des Verbands erst zehn Jahre später offiziell anerkannt.

Wiederbelebung in den 1970er-Jahren

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Erst vor circa 50 Jahren konnte sich der Sport im Damen-Bereich entwickeln, wie man ihn in der heutigen Form kennt. 1970 hob der DFB das Frauenfußballverbot wieder auf, allerdings unter strengen Auflagen. Frauen mussten "wegen ihrer schwächeren Natur" eine halbjährige Winterpause einhalten, Stollenschuhe waren verboten, die Bälle waren kleiner und die Spielzeit kürzer.

Nachdem die UEFA 1971 empfahl den Frauenfußball wieder aufzunehmen, entwickelten sich nicht nur auf nationaler Ebene erste richtige Wettbewerbe. 1975 fand in Hongkong die erste Asienmeisterschaft statt, ehe 1984 zum ersten Mal eine Europameisterschaft der Frauen über die Bühne ging.

Seitdem hat sich international einiges getan. Die Europameisterschaft wird in der Folge alle zwei bzw. seit 1997 alle vier Jahre ausgetragen. Heuer fand bereits die 13. Ausgabe statt. Seit 1991 finden Weltmeisterschaften statt. 1996 wurde Frauenfußball in das olympische Programm integriert und seit 2001 gibt es eine UEFA Women´s Champions League (vormals UEFA Women´s Cup).

Nachzügler Österreich

In Österreich ging die Entwicklung des Frauenfußballs anfangs recht schleppend voran. Die Anerkennung erfolgte erst 1982 und somit zwölf Jahre nach Nachbarland Deutschland. Das ÖFB-Nationalteam wurde 1990 gegründet, nahm jedoch erst 1997 erstmals an einer EM-Qualifikation teil. Dem Team wurde in den Anfangsjahren wenig Beachtung geschenkt.

Erst in den 2000er-Jahren gelang der Umschwung. 2005 wurde die österreichische Frauen-Liga in den ÖFB integriert. 2009 startete die österreichische Schülerinnen-Liga. 2010 zeigte ORF Sport Plus das erste Frauen-Spiel live im Fernsehen.

Durchbruch dank Sommermärchen

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Mit der Gründung der Akademie (2011) und der Teilnahme bei der U17-EM (2013) legte man hierzulande den Grundstein für den sensationellen Halbfinaleinzug bei der EM 2017 in den Niederlanden. Das Turnier gilt bis heute als der Durchbruch des Frauen-Nationalteams. Die Namen Zinsberger, Schnaderbeck, Zadrazil, Burger und Co. waren in diesem Sommer in aller Munde. Frauenfußball war plötzlich in. Das Nationalteam wurde sogar zum "Team des Jahres" gewählt.

Die Team und die Verantwortlichen rundherum wusste den Boom in den Folgejahren zu nutzen. Die erste WM-Qualifikation der Geschichte ist für die Mannschaft von Irene Fuhrmann immer noch in Reichweite. Für die EM 2022 qualifizierte man sich souverän und scheiterte nach überstandener Gruppenphase erst im Viertelfinale an Deutschland. Auf Club-Ebene spielen die Österreicherinnen mittlerweile bei den besten Mannschaften der Welt in Deutschland, England, Frankreich und Co.

Prämien: Männer-EM in anderer Dimension

Von den finanziellen Dimensionen des Männer-Sports können die österreichischen Fußballerinnen dennoch nur träumen. Bei der Endrunde in England wurden insgesamt 16 Millionen Euro ausgeschüttet. Bei der Männer-EM im Jahr zuvor waren es 331 Millionen Euro. Die Gehälter der Top-Spielerinnen sind nicht zu vergleichen mit jenen von Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Co.

Der Fußballverband der USA sorgte vor wenigen Monaten mit einer historischen Neuerung für Aufsehen. Die Nationalspielerinnen erreichten in ihren Verhandlungen vor Gericht einen Tarifvertrag, der ihnen die gleiche Bezahlung wie den Männern garantiert. Der spanische Verband geht einen ähnlichen Weg. In Österreich gebe das "die Erlösstruktur aktuell nicht", so ÖFB-Geschäftsführer Bernhard Neuhold in einer Pressekonferenz.

Dennoch ist der Aufschwung im Frauenfußball nicht von der Hand zu weisen. Erst im März fand das "Clasico" zwischen Barcelona und Real Madrid vor 91.000 Zuschauer:innen statt. Auch hierzulande ist das ÖFB-Team – spätestens seit dem sensationellen Halbfinal-Einzug bei der EM 2017 – in aller Munde. In den anstehenden Playoffs für die Weltmeisterschaft 2023 in Australien und Neuseeland können die ÖFB-Damen erneut Geschichte schreiben. Noch nie hat sich eine Nationalmannschaft für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. 

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Maximilian PatakQuelle: Redaktion