Zeiten des Unfriedens: Wolfgang Petritsch bilanziert
In einer Neuerscheinung hat der gefragte Redner, Berater und Autor nun eine Auswahl von Beiträgen aus den Jahren 2013 bis 2025 vorgelegt. Unter dem Titel "Diplomatic Interventions in Times of Unpeace" bildet der Sammelband in 43 Kapiteln die facettenreiche Tätigkeit des früheren Spitzendiplomaten, Bosnien-Beauftragten und EU-Chefverhandlers im Kosovo-Krieg ab. Von Meinungsartikeln für die "Huffington Post" bis zu Interviews mit Radio Free Europe, von Auftritten bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), beim Westbalkan-Gipfel in Triest oder an der britischen Eliteuniversität Cambridge, von Afghanistan bis Syrien - Petritsch hat zu vielen internationalen Themen etwas zu sagen.
500 Seiten diplomatischer Expertise, garniert mit einem Vorwort des scharfzüngigen bulgarischen Politikwissenschafters Ivan Krastev, der nicht einmal einen ganzen Satz braucht, um die Tragik von Petritsch' Berufsstand auf den Punkt zu bringen: "Diplomaten sind ständig hin- und hergerissen zwischen dem Glaubenssatz, dass es ohne Gerechtigkeit keinen Frieden gibt und der Einsicht, dass man im Leben die meiste Zeit zwischen Frieden und Gerechtigkeit wählen muss."
Während er die transatlantischen Beziehungen nicht nur wegen Trump in einem grundlegenden Wandel sieht, hat der frühere Sekretär von Ex-Kanzler Bruno Kreisky (SPÖ) die europäische Einigung keineswegs abgeschrieben. Er sieht sie als einen dialektischen Prozess, in dem die EU-Kompetenzen und jene der Regionen und Gemeinden auf Kosten der Nationalstaaten wachsen werden. Der Aufschwung rechtspopulistischer Bewegungen sei ein Beleg für das Voranschreiten dieses Prozesses. Nur als Oppositionskräfte könnten sie den Nationalstaat hochhalten. Wo sie regierten, müssten sie hingegen stillschweigend eingestehen, dass es ohne gemeinsames europäisches Handeln nicht gehe, so Petritsch, der mit seiner außenpolitischen Expertise mehrere SPÖ-Chefs beraten hat.
Woraus sich das politische Engagement des im Grenzgebiet aufgewachsenen Kärntner Slowenen speist, wird im Beitrag "My Srebrenica" deutlich. "Wenn ich über 40 Jahre diplomatischer Tätigkeit nachdenke, dann hat nichts in meinem Leben einen größeren Eindruck hinterlassen als Srebrenica", schrieb er im Jahr 2015 in einem Beitrag anlässlich des 20. Jahrestags des Völkermordes an bosniakischen Buben und Männern in der ostbosnischen Stadt.
S E R V I C E: Wolfgang Petritsch: Diplomatic interventions in Times of Unpeace, Nomos Verlag, Baden-Baden, 514 Seiten, ISBN 978756001033, 91,50 Euro)
Zusammenfassung
- Wolfgang Petritsch veröffentlicht nach fünf Jahrzehnten diplomatischer Erfahrung einen 500-seitigen Sammelband mit 43 Beiträgen aus den Jahren 2013 bis 2025.
- Im Oktober 2023 warnte Petritsch in einem Vortrag in Berkeley, dass Europa bei einem erneuten US-Regimewechsel angesichts der Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine "verloren sein" könnte.
- Das Buch "Diplomatic Interventions in Times of Unpeace" erscheint beim Nomos Verlag, kostet 91,50 Euro und wird durch ein Vorwort des Politikwissenschafters Ivan Krastev eingeleitet.
