Wiederaufbau mit Hindernissen in Syrien
Fehlende Dokumente sind ein häufiges Problem für Kinder, die während des Bürgerkriegs in Syrien (2011-2024) geboren wurden. Eine Registrierung der Geburt erfolgte oft nicht, da die Menschen auf der Flucht waren. Zudem sind die sehr hohen Gebühren für viele Familien unerschwinglich.
Ahmed und seine neun Geschwister leben mit ihren Eltern in einem kleinen, halbfertigen Haus in einer verfallenen Wohnsiedlung außerhalb von Damaskus. In einem kargen Raum liegen auf dem Boden ein Teppich und einige Matratzen zum Sitzen. In der Mitte steht ein kleiner Ölofen zum Heizen. Die Familie konnte ihn erst kürzlich erwerben, seit sie durch das Projekt CARMA der Caritas Syrien, das von der Caritas in Österreich unterstützt wird, Unterstützung in bar erhält. Während des Winters, der heuer ungewöhnlich kalt ausfiel, verheizten sie zuvor das auf den Straßen überall herumliegende Plastik, um sich zu wärmen.
Auch mehrere Töchter von Zekiyeh aus der nördlichen Großstadt Aleppo haben bis vor kurzem auf der Straße Plastik gesammelt, um die Familie zu versorgen. Die Frau, deren Ehemann schwere Diabetes hat und damit arbeitsunfähig ist, ist Mutter von 13 Kindern, das jüngste ist erst ein Baby. Durch die Unterstützung der Caritas können ihre Töchter jetzt in die Schule gehen. Als Lieblingsfächer geben die Mädchen Mathematik und Arabisch an. Wie die 42-Jährige weiter erzählt, haben ihr erst die Betreuerinnen von der Caritas klargemacht, welchen Gefahren ihre Kinder beim Müllsammeln ausgesetzt waren.
Wie den Familien von Ahmed und Zekiyeh geht es vielen Syrerinnen und Syrern, die oft mehrfach vor der Zerstörung durch den Krieg flüchten mussten. Viele können heute bloß in einem notdürftig hergerichteten Zimmer eines Ruinenhauses unterkommen - in der Großstadt oft zu Wuchermieten. Die kontinuierliche Rückkehr der innerhalb des Landes Vertriebenen (Internally Displaced People, IDPs) in ihre Heimatorte macht zusätzlich Druck auf das Wohnraumangebot und treibt die Mieten in die Höhe. Die Infrastruktur und die Schulen sind außerdem vielerorts zerstört.
Inflation und knappe Stromversorgung
Strom gibt es in Syrien auch für die besser situierten Bewohnerinnen und Bewohner meist nur zwei bis drei Stunden am Tag - selbst in der Großstadt. Geduscht wird daher in der Regel kalt. Wer es sich leisten kann, montiert eine - aus China importierte - Photovoltaik-Anlage auf das Dach. Die Inflation im Land ist hoch, viele Güter für den Großteil der Bevölkerung unerschwinglich. Größere Beträge werden mit dicken Geldbündeln beglichen.
Die Übergangsregierung von Präsident Ahmed al-Sharaa, die seit dem Sturz der Regimes von Bashar al-Assad im Dezember 2024 durch islamistische Milizen das Land führt, will die Wirtschaft wieder ankurbeln und sich als verlässlicher Partner präsentieren. Ein Hochglanzvideo auf einem Bildschirm am Grenzübergang zum Libanon wirbt mit Bildern von Häfen, Fabriken und Flughäfen um Investitionen in Syrien. Durch den fast 14 Jahre dauernden Bürgerkrieg und die langjährigen internationalen Sanktionen liegt das Land wirtschaftlich am Boden.
Als Besucher aus dem westlichen Ausland in Damaskus merkt man von den schwierigen Lebensumständen der syrischen Bevölkerung auf den ersten Blick wenig. In der malerischen Altstadt, die von den Kämpfen unberührt blieb, pulsiert das Leben, als wäre man in einem Tourismusort der Türkei oder Südeuropas. In den Geschäften werden allerlei Waren angeboten, in den Restaurants biegen sich die Tische von köstlichen Speisen, in den Hotels ist die Strom- und Wasserversorgung verlässlich - dank Generatoren.
Es ist indes augenscheinlich, dass es im Land derzeit praktisch keine Ausländer gibt. Fremde fallen auf - und werden immer wieder mit "welcome to Syria" begrüßt, sei es von einem Kind auf der Straße oder einem jungen Bewaffneten an einem der zahlreichen Checkpoints.
Zerstörung und Wiederaufbau
Die Autofahrt nach Norden gestaltet sich unkompliziert, die Autobahn ist in einem relativ guten Zustand. Nördlich der im Krieg weitgehend intakt gebliebenen Stadt Hama - wo vor allem die Luxusviertel mit ihren neu gebauten, protzigen Palästen ins Auge stechen - ändert sich das Landschaftsbild allerdings radikal.
Zerstörte Dörfer, viele, viele Kilometer lang. Kein einziges Haus ist unbeschädigt geblieben. Selbst Hütten, die alleine mitten auf einem Feld stehen, sind völlig zerschossen worden. Viele größere Gebäude sind wie Kartenhäuser eingestürzt. "Irgendwann erreicht man den Punkt, wo man schon genug zerstörte Gebäude gesehen hat", merkt ein Mitreisender nach mehreren Stunden Fahrt durch die Ruinenlandschaft an.
In die Ruinen zieht indes nach und nach wieder Leben ein - wenn auch weitgehend aus eigener Kraft. Die Rückkehrer richten sich häufig ein einzelnes Zimmer eines zerstörten Hauses notdürftig als Wohnraum her. Manche eröffnen ein Geschäftslokal in einer reparierten Garage. Überall herrscht Geschäftigkeit, es wird gebaut. Die Felder in den Provinzen Hama und Idlib mit ihren fruchtbaren roten Böden werden wieder bestellt, überall sprießt grün der Weizen.
Im Vergleich zum Ausmaß der Zerstörung erscheinen die heroischen Bemühungen der Dorfbevölkerung freilich wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Caritas-Projekt KAMEH (das Akronym bedeutet "Weizen") will Bauern beim wirtschaftlichen Neustart unterstützen. Der Fischzüchter Nasrallah, der jahrelang mit seiner Familie auf der Flucht war, konnte mit dieser Hilfe die Karpfenzucht in seinem Heimatdorf in der Provinz Hama wiederaufnehmen. Der heute 60-jährige Vater von acht Kindern hatte vor dem Krieg gemeinsam mit seinem Bruder auf dem Markt in Aleppo Fisch verkauft; nun handelt er vorerst lokal mit seiner Ware.
Wille zum Wiederaufbau in Aleppo
Aleppo, die größte Stadt Syriens, war erst kürzlich in den Schlagzeilen, als sich Anfang Jänner die Truppen der offiziellen Regierung und die kurdischen Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) zehn Tage lang bekämpften. Nun ist es offenbar wieder ruhig; Ende Jänner erzielten die Kurden und die Übergangsregierung in Damaskus eine Einigung.
"Diese Kämpfe waren schlimmer als vor mehr als zehn Jahren", erinnert sich der Familienvater Sako. "Damals wurde die Stadt meist von außen beschossen - aber jetzt waren die Kämpfe in den Straßen." Spürbar ist die Sorge der Menschen, zumindest die kleinen Kinder, soweit möglich, vor seelischen Verletzungen zu bewahren. Sako und seine Frau zogen sich in jenen Tagen mit der vierjährigen Tochter in ein Zimmer der Wohnung zurück und spielten ihr Kinderlieder vor, um sie abzulenken.
Auch eine junge Mutter berichtet über die Tage der Kämpfe: "Wir haben meiner Dreijährigen erzählt, dass da draußen gefeiert wird - Feuerwerk und solche Sachen." Im pädagogischen Zentrum SHINE der Caritas Syrien können Kinder im Rahmen psychosozialer Gruppen über ihre Gefühle, Ängste und Sorgen sprechen.
Das aktuelle Stadtbild von Aleppo erinnert Besucher aus Österreich am ehesten an Wien nach dem Zweiten Weltkrieg: oft stehen intakte und beschädigte Gebäude direkt nebeneinander. Die Metropole war während der Schlacht von Aleppo 2012-16 zwischen Rebellen und der Armee des Regimes von Bashar al-Assad heftig umkämpft. Dem Beschuss fiel ein bedeutender Teil der Altstadt - UNESCO-Weltkulturerbe - zum Opfer, insbesondere große Teile des berühmten Souks (überdachter Basar). Er gleicht bis heute einem Trümmerfeld, auch wenn Wiederherstellungsarbeiten im Gange sind. Das 2013 zerstörte Minarett der Großen Moschee in der Altstadt ist bereits wiederaufgebaut worden.
Weitere schwere Schäden in der vielgeprüften Stadt verursachte das schwere Erdbeben im Februar 2023, das neben der Türkei auch den Norden Syriens traf. Die berühmte Zitadelle von Aleppo mit ihren eindrucksvollen Befestigungsanlagen wirkt auf den ersten Blick fast unberührt, hat allerdings durch Kämpfe und Erdbeben ebenfalls Schäden erlitten.
Den Willen der Stadtbevölkerung können die Schwierigkeiten nicht brechen. Auf den Straßen Aleppos ist viel los; überall wird repariert oder gebaut. Selbst die Smog-Glocke, die in diesen Wintertagen wie eine Wolke über der Großstadt hängt und kaum Sonnenlicht durchlässt, zeigt an, dass die vielgeprüfte Großstadt weiterhin lebendig ist.
(Von Petra Edlbacher/APA aus Syrien)
(S E R V I C E: Caritas-Spendenkonto: Caritas Erste Bank: IBAN AT23 2011 1000 0123 4560 BIC GIBAATWWXXX Kennwort: Kinder in Not Online-Spenden: www.caritas.at/kinder )
Zusammenfassung
- Viele syrische Kinder wie der achtjährige Ahmed konnten wegen fehlender Geburtsurkunden und hoher Gebühren lange keine Schule besuchen.
- Familien leben oft in notdürftig hergerichteten Zimmern von Ruinenhäusern, während die Stromversorgung meist nur 2 bis 3 Stunden am Tag gewährleistet ist.
- Die Inflation im Land ist extrem hoch, viele Güter sind für den Großteil der Bevölkerung unerschwinglich und größere Beträge werden mit dicken Geldbündeln bezahlt.
- Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 regiert eine Übergangsregierung, die versucht, die Wirtschaft wiederzubeleben und Investoren anzulocken.
- Internationale Hilfsprojekte wie die Caritas unterstützen mit Bildungs-, Landwirtschafts- und psychosozialen Angeboten, etwa für Binnenvertriebene und vom Krieg traumatisierte Kinder.
