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Wie aus iranischen Drohnen russische werden

20. Okt. 2022 · Lesedauer 7 min

Russland setzt seit dieser Woche bei seinem Angriffskrieg in der Ukraine verstärkt auf Kampfdrohnen. Die USA und die EU werfen dem Iran vor, diese an Russland zu liefern. Russlands stellvertretender UNO-Botschafter Dmitri Poljanski erklärte am Mittwoch im UNO-Sicherheitsrat, die Drohnen seien in Russland hergestellt worden. Es gibt allerdings zahlreiche Hinweise, dass dies zumindest unter iranischer Anleitung geschehen ist. Auch Rotax-Motoren aus Österreich werden verwendet.

Auf Überresten von in der Ukraine zerstörten Drohnen ist manchmal noch auf kyrillisch die Inschrift "Geran-2" zu lesen. "Wir haben unsere eigene Drohnenindustrie, die die Dinge produziert, die wir für diese Kampagne benötigen", sagte Poljanski laut der Nachrichtenagentur dpa vor der UNO. Recherchen zahlreicher internationaler Medien ergeben jedoch ein anderes Gesamtbild.

Bereits im Juli sei eine russische Delegation "auf Einkaufstour" im Iran gewesen und habe eine Drohnen-Vorführung besucht, berichtete der US-Nachrichtensender CNN. Am 19. August sollen die ersten iranischen Drohnen vom Typ Shahed-136 geliefert worden sein, berichtete die Zeitung "Washington Post" am 29. August. Die Ukraine schätzt das Auftragsvolumen auf 2.400 Stück. Am 5. August gab es auch Gespräche zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan über den Erwerb von türkischen Bayraktar-Drohnen oder der Errichtung einer lizenzierten Produktionsstätte. Diese dürften aber ergebnislos verlaufen sein.

Die "New York Times" (NYT) berichtete am 18. Oktober mit Verweis auf US-Geheimdienstkreise, dass die iranischen Drohnen auf der von Russland annektierten Krim stationiert seien. Einheiten der Iranischen Revolutionsgarden seien dorthin entsendet worden, um russische Truppen für den Einsatz einzuschulen. Satellitenbilder vom September zeigten demnach ein iranisches Frachtflugzeug der Saha Arlines, das vom Militärflughafen Mashhad in Nordost-Iran nach Moskau flog. Zwar ist nicht bekannt, was das Flugzeug geladen hatte, doch die USA haben laut NYT den Verdacht, dass hier gegen die Russland-Sanktionen verstoßen worden sein könnte.

Die in der Ukraine eingesetzten Drohnen würden zumeist "von Süden" her gestartet, manchmal aber auch aus Belarus und aus der russischen Region Kursk, sagte der Sprecher der ukrainischen Luftwaffe, Jurij Ihnat, am Dienstag gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Bei der ersten großen Drohnen-Angriffswelle auf Kiew am 17. und 18. Oktober habe man 51 Stück abgeschossen, so Ihnat. Laut dem ukrainischen Militär-Analysten Oleg Zhdanov sei nicht hundertprozentig sicher, ob die Drohnen im Iran zusammengebaut würden. Es handelt sich zwar um dasselbe Modell, aber sie könnten auch in Syrien oder Tadschikistan gefertigt worden sein, so Zhdanov gegenüber Reuters.

"Wir haben sie komplett zerlegt und wissen nun genau, dass sie aus zwei Teilen besteht - ein Teil aus China und ein Teil direkt aus dem Iran", so Zhdanov. Nach Recherchen der ARD-Tagesschau wäre es auch denkbar, dass der Iran Bauteile und Konstrukteure zur Herstellung von Drohnen nach dem Vorbild der Shahed-136 nach Russland liefere und diese dort als "Geran-2" endgefertigt werden. Dabei wird auch der Chefredakteur des ukrainischen Infoportals "Defense Express", Oleg Katkow, interviewt. Dieser erklärt, dass einige Bestandteile, wie der Motor oder der Steuerungssensor, auch im Internet auf dem freien Markt erhältlich seien. Laut dem russischen Portal "Signal" gebe es bereits drei Produktionsstätten in Russland, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtete.

Shahed-136-Drohnen sind sogenannte lauernde Waffen (loitering weapons). Sie wurden vom iranischen Rüstungsunternehmen Iran Aircraft Manufacturing Industrial Company entwickelt. Sie werden üblicherweise von Lastwägen abgefeuert und kreisen dann mittels Propeller-Antrieb einige Zeit über dem Zielgebiet, bevor sie im Sturzflug auf ihr Ziel gelenkt werden. Ihr Gefechtskopf trägt eine Sprengladung von rund 40 Kilogramm. Das sei mehr als Dreifache der Sprengkraft eines typischen 155mm-Artilleriegeschoßes, wie der US-Experte Brett Friedmann von der Organisation The Strategy Bridge im Kurznachrichtendienst Twitter vorrechnete. Mit Herstellungskosten von 15.000 bis 20.000 US-Dollar sind sie vergleichsweise billig. Zum Vergleich: Eine türkische Bayraktar-Drohne kostet zwei Millionen US-Dollar.

Laut Ihnat haben die in der Ukraine eingesetzten Drohnen aufgrund ihrer Größe nur eine Reichweite von rund 1.000 Kilometern statt bis zu 2.500 Kilometern laut Herstellerangaben. Sie bewegen sich mit rund 120 km/h in der Luft, haben eine Flügelspannweite von 2,5 Metern und wiegen 200 Kilogramm. Wenn sie in Schwärmen von fünf Stück dicht nebeneinander fliegen erscheinen sie auf dem Radarschirm nur als ein einziger Punkt - sofern sie aufgrund ihrer niedrigen Flughöhe überhaupt entdeckt werden. Deswegen und aufgrund ihrer geringen Größe sei es "leider nicht möglich", 100 Prozent von ihnen zu zerstören, so Ihnat.

Die Ukraine hat mittlerweile dutzende Drohnen abgeschossen. Zum Einsatz kommen dabei Anti-Drohnen-Gewehre wie der SkyWiper EDM4S des litauischen Herstellers NT Service. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg kündigte am 18. Oktober die Lieferung von Drohnen-Abwehrsystemen an die Ukraine "in den kommenden Tagen" an. Im Gespräch sind dabei auch die amerikanischen Drohnen-Abwehrsysteme Titan C-UAS des Herstellers BlueHalo, von denen die USA bereits im letzten Hilfspaket 12 Stück an die Ukraine geliefert haben, sowie das System "Vampire" (Vehicle-Agnostic Modular Palletized ISR Rocket Equipment) des Herstellers L3Harris, von denen die Ukraine ebenfalls bereits eine unbestimmte Stückzahl aus den USA erhalten hat.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj lobte auch das deutsche Luftabwehrsystem Iris-T als "sehr effektives System". Das System ist jedoch auch sehr teuer - eine Rakete soll hunderttausende Euro kosten. Im Einsatz gegen massenhaft Billig-Drohnen wäre das Kosten-Nutzen-Verhältnis sehr ungünstig. Effizienter ist da schon der deutsche Luftabwehr-Panzer "Gepard", der jedoch angesichts der geringen vorhandenen Stückzahl an der Front gebraucht werde. Selenskyj ging Mittwochabend in seiner täglichen Ansprache davon aus, "dass der russische Terror so lange auf Energieanlagen gerichtet sein wird, bis wir mit Hilfe unserer Partner in der Lage sind, 100 Prozent der feindlichen Raketen und Drohnen abzuschießen".

Die "Washington Post" berichtete am 16. Oktober von Vorbereitungen des Iran, künftig auch Drohnen des Typs Mohajer-6 sowie Arash-2 an Russland zu liefern. Sie bezog sich dabei auf namentlich nicht genannte Quellen in US-Geheimdienstkreisen. Während Mohajer-6 auch Raketen oder Bomben tragen kann, handelt es sich bei Arash-2 (auch als Kian-2 bezeichnet) um eine Weiterentwicklung der "Kamikaze-Drohne" Shahed-136. Auch die Lieferung von Kurzstreckenraketen des Typs Fateh-110 (300 Kilometer Reichweite) und Zolfaghar (700 Kilometer) an Russland sei in Vorbereitung, so die "Washington Post".

Ein CNN-Bericht von Dienstagabend lässt allerdings aufhorchen. Eine CNN-Reporterin bekam Zugang zu einer kürzlich vom ukrainischen Militär nahezu unbeschädigt aus dem Schwarzen Meer geborgenen iranischen Drohne. Dabei handelt es sich um das Modell Mohajer-6, die vom Iran seit 2018 in Massenproduktion hergestellt wird. Auf den Bildern ist auch die Aufschrift "Rotax" auf dem Motor der Drohne zu erkennen. Dabei soll es sich um das Modell 912iS der Rotax-Werke im oberösterreichischen Gunskirchen handeln, wie die Tageszeitung "Der Standard" am Donnerstag berichtete. Demnach seien auch in den irakischen Kurdengebieten bereits Rotax-Motoren in abgestürzten iranischen Drohnen entdeckt und dokumentiert worden - ebenso in den syrischen Kurdengebieten im Jahr 2020.

Die Rotax-Werke wurden 1970 an den kanadischen Bombardier-Konzern verkauft und gehören seit 2003 zum aus dem Konzern herausgelösten Fahrzeug- und Motorenhersteller BRP Rotax. In einer schriftlichen Stellungnahme von BRP Rotax gegenüber dem "Standard" heißt es, man stelle "ausschließlich für die zivile Nutzung" her und liefere keine Motoren "direkt an Hersteller von unbemannten Luftfahrzeugen". Rotax-Flugmotoren würden über ein unabhängiges, weltweites Händlernetz verkauft, wobei "alle Exporte von Motoren und Teilen nach Russland" schon seit längerem "bis auf weiteres gestoppt" seien. Man nehme diese Situation jedoch "sehr ernst" und habe bereits eine Untersuchung mit einem Partner in der Ukraine eingeleitet, "um die Quelle der Motoren zu ermitteln."

Quelle: Agenturen