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Warum will die Ukraine unbedingt den Leopard 2?

20. Jan. 2023 · Lesedauer 8 min

Am Freitag treffen sich die Verteidigungsminister der Ukraine-Kontaktgruppe auf der US-Militärbasis Ramstein in Rheinland-Pfalz, um über Waffenlieferungen an die Ukraine zu sprechen. Das wohl größte Thema wird die Lieferung von deutschen "Leopard 2"-Kampfpanzern sein. Warum die Ukraine unbedingt diesen Panzer möchte und was den Leopard 2 von anderen Modellen unterscheidet, hat sich PULS 24 angeschaut.

Bisher zeigt sich die deutsche Regierung rund um Kanzler Olaf Scholz zögerlich. Sie wolle keine Panzer schicken, solange die USA nicht zustimmt, ihre US-Kampfpanzer Typ "M1 Abrams" zu liefern, hieß es zunächst. Der neue deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius dementiert eine solche Bedienung: "Ein solches Junktim ist mir nicht bekannt".

Während andere NATO-Staaten, unter anderem Polen, bereits zugestimmt haben, Leopard-2-Kampfpanzer aus ihrem Bestand abzugeben, blockiert Deutschland eine Lieferung. Das benötigt nämlich die Exporterlaubnis des Herstellerlandes, also der deutschen Regierung. Diese Vorgehensweise ist international üblich, wenn Panzer an eine dritte Macht übergeben werden soll, erklärt Militärexperte Gerhard Karner bei PULS 24.

Während Deutschland bremst, will Großbritannien 14 Kampfpanzer vom Typ "Challenger 2" an die Ukraine liefern. Dazu würden noch "Leclerc"-Kampfpanzer aus Frankreich kommen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj pocht jedoch auf die Lieferung des Leopard 2. Im ARD-Interview gab er klar zu verstehen: "Kannst du Leoparden liefern oder nicht? Dann gib' sie her!"

Warum will die Ukraine den Leopard 2?

Der Leopard 2 hat in der ganzen Welt einen ausgezeichneten Ruf für seine Robustheit, Schnellig- und Wendigkeit. Konstruiert wurde er in Zeiten des Kalten Krieges. Über die letzten 50 Jahre wurde er stetig modernisiert und gilt als Vorzeigestück des deutschen Panzerbaus. Der Kampfpanzer verfügt über zuverlässige Systeme, kann schnell instandgesetzt und gewartet werden.

Bei voller Fahrt kann der Leopard 2 sowohl schießen als auch treffen. Er verfügt über eine maximale Kampfentfernung von bis zu fünf Kilometern und kann auch rückwärtsfahrend eingesetzt werden. Der Panzer ist mit einem 120-Millimeter-Glattrohrkanone ausgerüstet, wiegt 55 bis 60 Tonnen und erreicht eine Geschwindigkeit von 68 bis 72 Stundenkilometer.

Der wohl größte Vorteil ist sein Dieselmotor, der es ihn ermöglicht, länger im Einsatz zu sein. Da die Ukraine zumeist auch immer über Diesel verfügt, ist das ebenfalls ein Plus gegenüber des Abrams-Panzers (siehe unten). Auf 100 Kilometern verbraucht der Leopard 2 bis zu 530 Liter Treibstoff. Mit 1.500 PS gelingt es dem Leopard 2, auch durch Schlamm zu fahren. Er punktet also mit Feuerkraft, Mobilität und Panzer-Schutz.

Einheitliche Munitions- und Ersatzteil-Lieferung

Des Weiteren spricht für den Leopard 2, dass etwa 20 Nationen, darunter viele europäische NATO-Länder wie Polen, Dänemark, Norwegen, Griechenland, Slowakei aber auch Österreich Panzer dieser Art besitzen. In der Slowakei wurde zudem ein Instandsetzungszentrum gebaut, das von der Ukraine für die Reparatur und Überholung von Waffensystemen genutzt werden kann. Beschädigte Leopard 2 könnten damit auch dort wieder einsatzbereit gemacht werden.

Derzeit kämpft die Ukraine mit vielen verschiedenen Waffensystemen aus dem Westen. Diese benötigen verschiedene Munition und Ersatzteile, was logistisch ein "Albtraum ist", sagt Wolfgang Richter, Oberst außer Dienst und Militärexperte in "Der Zeit". Viele Panzer vom selben Typen könnten die Instandsetzung und die Logistik erheblich erleichtern, da Partnerländer genügend Munition und Ersatzteile besitzen.

Die aus Deutschland stammenden Schützenpanzer "Marder" und Flakpanzer "Gepard" sind bereits in der Ukraine im Einsatz. Eine Erweiterung um den Leopard 2 wäre damit vorteilhaft.

Wie viele Leopard 2 gibt es?

Weltweit ausgeliefert wurden etwa 3.000 Leopard-2-Kampfpanzer, die sich im Besitz verschiedener Armeen befinden. Deutschland verfügt über mehr als 300 Stück - 225 Stück der Serien A5/A6, 59 der Serien A7/A7V und 55 Leopard 2A4. Die meisten Panzermodelle sind vom Typ A4, davon existieren rund 1.000. Von den über 300 Panzer in Deutschland werden derzeit 104 Stück modernisiert. Sie sollen zu A7 gemacht werden. Geplant sind diese Modelle für die Einsatzgruppe der NATO, Very High Readiness Joint Task Force (VJTF), wo Deutschland im Jänner die Führung übernommen hat.

Der ukrainische Oberkommandierende, Walerij Saluschnyj bat um mindestens 300 zusätzliche Kampf- und Schützenpanzer.

Der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall gab bekannt, dass es bis zu drei Jahren dauern könnte, neue Panzer zu bauen und auszuliefern. Das könnte ein weiterer Grund für Deutschlands Zögern sein, bestehende Leopard 2 abzugeben. Derzeit verfüge Rheinmetall über rund 20 alte Exemplare. Diese müssten jedoch komplett überholt werden. Dafür braucht es wiederum einen verbindlichen Auftrag der deutschen Regierung, der bisher nicht eingelangt ist.

Panzer aus Frankreich, USA, und Großbritannien

Stückmäßig übersteigt der Abrams mit etwa 9.000 Fahrzeugen den Leopard 2 bei weitem. Die USA wollen den Abrams derzeit allerdings nicht liefern, da er auf dem Schlachtfeld nicht helfen würde, sagte US-Verteidigungsstaatssekretär Colin Kahl. Der US-Kampfpanzer sei ein sehr kompliziertes Rüstungsgut, erfordere eine schwierige Ausbildung und sei zudem teuer. Im Gegensatz zum Leopard 2 ist der Abrams auch schwerer und weniger agil.

Der Abrams gleicht dem Leopard 2 in seiner Konzeption. Der größte Unterschied ist jedoch der Antrieb. Während der deutsche Panzer einen Vielstoffmotor für Diesel besitzt, ist im US-Panzer eine Gasturbine verbaut, die mit Kerson angetrieben wird. Der Kerosinverbrauch sei dabei so hoch, dass es schwierig wäre, in der derzeitigen Kriegsversorgungslage Sprit dafür zu erhalten.

Der britische "Challenger"

Hinsichtlich der Munition punktet der Leopard 2 damit, dass Nachschub von vielen NATO-Ländern geordert werden kann. Das Kanonenrohr des "Challengers" können nur die Briten laden. Sowohl beim Leopard 2 als auch beim Challenger wird der Panzer von vier Personen gesteuert: Fahrer, Ladeschütze, Richtschütze und Kommandant

Die beiden Panzer, die derzeit in der Ukraine verwendet werden – die in sowjetischer Zeit entwickelten T-72 und T-80 – verzichten auf einen Ladeschützen und verwenden stattdessen ein automatisches Ladesystem. Damit befinden sich nur drei Personen im Panzer. Der Challenger ist außerdem langsamer als der Leopard 2, da er nur über einen 1.200-PS-Motor angetrieben wird. Damit kann eine Maximalgeschwindigkeit von 59 km/h erreicht werden.

Der französische "Leclerc"

Der Kampfpanzer Leclerc ist mit 56 Tonnen etwas leichter als der Leopard 2. Im Gegensatz zu den drei anderen Panzern besteht die Besatzung beim Leclerc aus drei Personen, da auch hier mit einem automatischen Ladesystem wie beim T-72 und T-80 gearbeitet wird.

Die Panzerung der Waffensysteme ist geheim. Bekannt ist jedoch, dass es sich um eine sogenannte Verbundpanzerung, also Schichten unterschiedlicher Materialien, handelt.

Russlands neueste Kampfpanzer

Die Ukraine sieht sich derzeit mit dem Problem konfrontiert, Munition und Ersatzteile für die T-72 und T-80 zu bekommen. Teilweise stammen diese aus dem Bestand der Ukraine selbst, teilweise konnten auch Panzer von russischer Seite gewonnen werden.

Britischen Militärexperten zufolge erwägt Moskau auf Kampfpanzer des Typ T-14 Armata umzusteigen. "Wenn Russland den T-14 einsetzten sollte, wird das vorrangig für Propagandazwecke sein. Die Produktion liegt wahrscheinlich nur bei einer niedrigen zweistelligen Zahl und Kommandeure dürften dem Fahrzeug auf dem Schlachtfeld nicht trauen", heißt es im Geheimdienst-Update des britischen Verteidigungsministeriums.

Leopard 2 keine "Wunderwaffe"

Die Lieferung des Leopard 2 bringt allerdings nicht automatisch das schnell erhoffte Kriegsende. Franz-Stefan Gady, Politikberater und Analyst am Institute for International Strategic Studies (IISS) in London, schreibt auf Twitter, dass es sich beim Leopard 2 nicht um eine "Wunderwaffe" handle. Um eine größere Wirkung auf dem Schlachtfeld zu erzielen, müsse die Ukraine ihre Panzerkriegsdoktrin anpassen. Es müsse in der Lage sein, eine kritische Anzahl von Kampfpanzern über einen längeren Zeitraum im Einsatz zu halten.

Politische Erwägungen würden in dieser Debatte echte militärische Notwendigkeit und gesunden militärischen Menschenverstand übertrumpfen. Dadurch entstehe das Risiko von Überoptimismus und einer möglichen Fehleinschätzung der militärischen Situation vor Ort, so Gady.

Falls die Leopard-2-Kampfpanzer geliefert werden, sollten die militärischen Erwartungen realistisch gehalten werden. Auch sollte sichergestellt werden, dass Lieferungen westlicher Lieferketten nicht auf Kosten missionskritischerer Systeme/Lieferungen überlasten werden.

Karner: Deutschland muss "klare Entscheidung" treffen

Militärexperte Gerald Karner sagt im PULS 24 Interview, dass Kampfpanzer für die Rückeroberung von ukrainischem Territorium "essenziell und unverzichtbar" sei. Deutschland stehe unter Druck, da es in einer zentralen Position sei. Es wäre allerdings an der Zeit, dass Deutschland eine "klare Entscheidung" treffe, so wie es andere Länder bereits getan hätten.

Bisher hat man von der Lieferung von Kampfpanzern abgesehen, um Russlands Präsidenten Wladimir Putin nicht zu provozieren. Der Kreml habe sich bisher jedoch gelassen gegeben. Sprecher Dmitri Peskow meinte am Montag: "Diese Panzer brennen und werden brennen".

Karner zu Streit um Panzer-Lieferungen an Ukraine

Die deutsche Zurückhaltung beruhe auf dem Beschluss, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen solle, sagt Karner. Aber auch die alte Gegnerschaft zwischen Deutschland und Russland als Mächte in Europa, würde das Zögern der deutschen Regierung erklären. Während Selenskyj die Panzernutzung als Verteidigung darstellt, wäre es laut Karner trotzdem der Angriff eines deutschen Kriegsgerätes auf ein russisches.

Karner geht davon aus, dass Deutschland nach dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe zumindest Lieferung von Leopard-2-Panzern aus anderen Ländern zustimmen werde, möglicherweise auch solchen, die in Deutschland nicht mehr benötigt werden.

Kontaktgruppe

Zu der Ukraine-Kontaktgruppe gehören neben Deutschland noch die USA und Großbritannien. Es ist das bereits dritte Treffen der Verbündeten. Beim ersten Treffen im April 2022 wurde die Lieferung der Gepard-Luftabwehrpanzer beschlossen. Beim zweiten Treffen einigte man sich auf militärische Hilfe für die Ukraine in der Höhe von 676 Millionen Euro.

Astrid PozarekQuelle: Redaktion / poz