APA - Austria Presse Agentur

Vom Regisseur zum Hauptdarsteller: Wer ist Herbert Kickl?

07. Juni 2021 · Lesedauer 5 min

Nach mehr als einem Jahrzehnt als Chefstratege im Hintergrund unter Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und zuletzt Norbert Hofer tritt Herbert Kickl nun vor den Vorhang und wird FPÖ-Bundesparteiobmann.

Die FPÖ sucht ihr Heil in Herbert Kickl. Das Parteipräsidium hat den streitbaren Klubchef als neuen Obmann der Freiheitlichen designiert. Für den Kärntner, der die Partei wie kaum jemand kennt, ist es ein später Sprung an die Spitze. Viele Jahre galt er als der Mann im Hintergrund. Erst mit seinem Kurzzeit-Job als Innenminister fand Kickl Gefallen am Rampenlicht.

Das musste auch Vorgänger Norbert Hofer erfahren. Da Kickl dessen gemäßigter Kurs mit Schielen in Richtung ÖVP missfiel, untergrub er die Autorität des Parteichefs bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Als Hofer klein beigab, schaffte er rasch Fakten. Der Disput mit dem weniger konfrontativen Lager um Oberösterreichs Landeschef Manfred Haimbuchner wird Kickl wohl bleiben. Versöhnlichkeit ist nicht die erste Eigenschaft, die dem neuen Chef-Blauen zugeschrieben wird.

PULS 24 Politik-Chefreporterin Manuela Raidl analysiert im Interview mit Bianca Ambros die FPÖ-Wahl Herbert Kickls zum Nachfolger Norbert Hofers.

Im Gegenteil hat sich Kickl in den vergangenen Monaten als populistisch-angehauchter Hardliner positioniert, der die Coronakrise für sich und seine Partei zu nutzen versuchte. Die Pandemie wurde kleingeredet, bis in die Impfgegner-Szene hinein hallten seine Signale, an Masken im Hohen Haus war bei Kickl nicht zu denken. Viel lieber ließ er sich bei einer Demonstration der Maßnahmengegner blicken - das ganze Auftreten immer gepaart mit dem Slogan "Kurz muss weg".

Die Gegnerschaft mit ÖVP-Chef Kurz und den Türkisen

Das hat eine Vorgeschichte und zwar eine persönliche: Als die FPÖ sich von Sebastian Kurz' ÖVP in eine Koalition bitten ließ, war der geeichte Sozialpolitiker Kickl von Anfang an der Außenseiter. Schon damals waren die Kontakte des am 19. Oktober 1968 in eine Kärntner Arbeiterfamilie geborenen Kickl zur SPÖ die deutlich tragfähigeren. Der unter Türkis-Blau herrschenden Message Control entzog er sich als einziger Freiheitlicher und setzte dazu an, das über Jahre von der ÖVP geprägte Innenministerium ordentlich durchzuwirbeln.

Freilich ging es Kickl ein wenig gar radikal an. Neben eigenwilligen Postenbesetzungen und seinem Hang zur berittenen Polizei setzte er sein Vorgehen gegen den Verfassungsschutz in den Sand. Die Razzia dort, bei der sich auch die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft nicht auszeichnete, führte zu nachhaltigem internationalen Image-Schaden für das zuständige Bundesamt, in dem sich allerdings auch allerlei Merkwürdigkeiten zugetragen hatten. In der Fremdenpolitik war vor allem die Rhetorik brachial, man erinnere sich etwa an die "Ausreisezentren", das tatsächliche Handeln unterschied sich aber nur mäßig von dem seiner VP-Vorgänger.

Als Kickl schließlich auf Wunsch von Kurz aus der Regierung abberufen wurde, konnte man schon ahnen, dass dieser das nicht so einfach auf sich sitzen lassen würde. Nur zwei Tage später erklomm er die Klubspitze, damals noch geschäftsführend und gab den Job bis heute nicht mehr ab. Bei der zwischenzeitlichen Abwahl der Regierung Kurz durch den Nationalrat saß Kickl quasi im Regiestuhl.

Profilierung als Dichter von FPÖ-Wahlkampf-Slogans

Er, der sich über viele Jahre als Schreiber von mäßig stilsicheren Gags der Parteichefs Jörg Haider und Heinz-Christian Strache und umstrittener Wahlkampfslogans wie "Daham statt Islam" vor allem intern profiliert hatte, war aber plötzlich auch zu einer Fanschaft in Partei und Bevölkerung gekommen. Mit seinem Vorzugsstimmen-Ergebnis ließ Kickl, der intern nie einem Lager angehörte und dem ein distanziertes Verhältnis zu den schlagenden Burschenschaftern nachgesagt wird, bei der vergangenen Nationalratswahl den Rest der blauen Kandidaten meilenweit hinter sich.

Dies plus tendenziell steigende Umfragewerte ließen in Teilen der FPÖ Kickl zum Hoffnungsträger werden. Freilich macht sein Kurs es den Freiheitlichen schwer, wieder in eine Regierung zu kommen. Auch wenn er gerne eine Anti-Kurz-Koalition nach israelischem Vorbild zimmern würde, ist diese eher unwahrscheinlich, würde das doch eine Zerreißprobe vor allem für Grün und Rot bedeuten. Eine Regierung mit Kanzler Kurz und Vizekanzler Kickl ist wiederum de facto auszuschließen.

Der Stratege hinter Strache

Ob sich Kickl, der im harten Kontrast zu seinen simplen Wahlkampf-Sprüchen zum ausschweifenden Philosophieren neigt, neu erfinden kann, bleibt abzuwarten. Bis sich Haider mit dem BZÖ abspaltete, war der scharfe Formulierer nur Insidern bekannt. Unter Strache ging es dann einen größeren Schritt nach vorne. 2005 übernahm Kickl das Generalsekretariat und trug in dieser Rolle über zwölf Jahre lang führend zur Etablierung der HC-Marke und so manchem Wahlerfolg bei.

Da er sich nicht vordrängte, wusste man über Kickl lange auch nicht recht viel. Mit der vormaligen Grünen-Chefin Eva Glawischnig drückte er die Schulbank, studierte unter anderem Geschichte und Philosophie, in Niederösterreich lebt er, hat Frau und Sohn, läuft gern, klettert mit Begeisterung, beides intensiv. Von letzteren Aktivitäten gibt es jetzt übrigens in den sozialen Medien gerne und oft Bild-Beweise, nicht der einzige Beleg, dass es Kickl vor den Vorhang gezogen hat.

Quelle: Agenturen / Redaktion / APA/hos