US-Professor Galloway: "Ohne Covid 19 hätte Trump einen Erdrutschsieg eingefahren"

14. Nov 2020 · Lesedauer 4 min

US-Präsident Donald Trump hat nach wie vor eine breite Anhängerschaft hinter sich. Scott Galloway, Professor an der NYU, spricht mit PULS-24-Infochefin Corinna Milborn über die aktuelle Situation in den USA.

Scott Galloway, Bestseller-Autor und Professor an der New York University, spricht im Interview mit Infochefin Corinna Milborn über die Situation in den USA nach dem Wahlsieg des Demokraten Joe Biden. "Die Nation ist gespalten", sagt er. In den vergangenen 20 Jahren habe die Polarisierung der Gesellschaft stark zugenommen.

Der republikanische Amtsinhaber habe nach wie vor eine breite Unterstützung in der Bevölkerung. Mehr als 71 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner gaben Trump ihre Stimme. 

"Ein großer Teil der Amerikaner denkt, dass das weiße Patriarchat in Amerika funktioniert hat. Sie sind unzufrieden mit dem kulturellen und demographischen Wandel der im Gang ist", sagt der 56-Jährige. "Ohne Covid 19 hätte Trump einen Erdrutschsieg eingefahren."

Dass der umstrittene US-Präsident das Wahlergebnis nicht anerkennt, ist laut Galloway aber nicht überraschend, sondern enttäuschend. Schockierend sei vielmehr, dass viele republikanische Senatoren es verabsäumten, Trumps Standpunkt zu verurteilen und den Sieg von Biden anzuerkennen. 

Biden steht vor mehreren Herausforderungen

Joe Biden stehe nun vor der Aufgabe, ein gespaltenes Land zu einen. Der US-Professor glaubt, dass der Kampf gegen das Coronavirus nun zentrales Anliegen der neuen US-Administration sein müsste. "Die Wirtschaft ist davon abhängig und auch die Herstellung von Arbeitsplätzen hängt daran."

Biden: Einige Hürden bis zum Amtsantritt

Biden müsse sich auch darum bemühen, transatlantische Beziehungen zu stärken und internationalen Organisationen wieder beizutreten. "Er ist dafür bekannt, anderen die Hand zu reichen", sagt der Ökonom und Marketingberater.

Soziale Medien sind "gefährlich für die Demokratie"

Die Rolle von Sozialen Medien im Wahlkampf sieht Galloway als gefährlich an: "Sobald man weiß, dass ein böser Akteur die sozialen Medien als Waffe verwendet, ist die Wahl schon vorbei." Das habe man 2016 gesehen, als Russland Falschinformationen auf sozialen Medien verbreitete, um den Wahlsieg von Donald Trump zu forcieren.

"Fake-News verbreitet sich sechs Mal schneller als Fakten, weil sie interessanter und aufregender ist", sagt der Ökonom. Je öfter Menschen falsche Informationen lesen würden, desto eher würden sie an deren Wahrheit glauben. Desinformation und Polarisierung würde aufgrund wirtschaftlicher Interessen vorangetrieben werden. "Diese Plattformen sind besonders gefährlich für die Demokratie", argumentiert Galloway.

"Zu wenig, zu spät"

Zu den Versuchen von Twitter und Facebook, Manipulationen vor der Wahl zu stoppen, meint Galloway: "Es ist zu wenig und zu spät". Die Plattformen würden damit versuchen, sich in letzter Minute als verantwortungsvoll zu positionieren. Es bräuchte mehre Anbieter, die im Wettbewerb zueinanderstehen. "Nehmen wir an, es gebe zwei große Videoplattformen. Eine würde versuchen, sich von der anderen abzugrenzen und sich als 'guten Bürger' zu positionieren", vermutet Galloway. Die andere Plattform müsste nachziehen. 

Eine weitere Möglichkeit sieht der US-Professor in der Gesetzgebung. Wenn Social Media für die Inhalte auf ihren Seiten zur Verantwortung gezogen würden, reduziere sich auch der ökonomische Anreiz von Fake-News.  "Es beginnt schon: Plattformen kennzeichnen bereits Tweets von Trump und von Verschwörungsplattformen als Falschinformationen", sagt der Marketing-Professor. Mit der Biden-Harris-Regierung bestehe die Hoffnung, dass auch Strafzahlungen für die Betreiber von sozialen Netzwerken höher werden könnten.

Twitter und Facebook hätten sich über zweite Amtszeit von Trump gefreut

Galloway glaubt, Facebook-Chef Mark Zuckerburg und Twitter-Mitgründer Jack Dorsey wären mit einer Wiederwahl Trumps zufriedener gewesen. "Wenn man kontroverse Inhalte an neun Millionen Follower sendet, kreiert das massive Viralität", erklärt der Autor. In weitere Folge würden die Umsätze der Social-Media-Plattformen steigern.

Aber eigentlich müsste Twitter Trumps Account sperren, zumindest wenn die Plattform ihre Nutzungsbedingungen konsistent anwenden würde. Dass es dazu kommt, glaubt der Ökonom aber nicht. 

Es werde auch spannend zu beobachten, wie Trump ohne Macht agiert. "Donald Trump ist noch immer die mächtigste Stimme in der republikanischen Partei", sagt Galloway. Es gibt sogar bereits Spekulationen, dass Trump 2024 erneut kandidieren wird. 

Scott Galloway ist Professor für Marketing an der New York University. Er forderte mehrmals Verschärfungen der Kartellrechtsbestimmungen bei Apple, Facebook, Amazon und Google und kämpfte für einen besseren Schutz der Privatsphäre von Social-Media-Nutzern.

In seinem 2017 erschienenen Buch "The Four: The Hidden DNA of Amazon, Apple, Facebook, and Google" beschreibt er die Strategie der vier Online-Riesen.

Quelle: Redaktion / spe