APA/ROLAND SCHLAGER

Ukrainische Offizierin: Atomwaffeneinsatz wäre "das Ende"

30. Sept. 2022 · Lesedauer 5 min

Ein Einsatz russischer Atomwaffen im Krieg gegen die Ukraine wäre nach Ansicht der ukrainischen Oberstin Valerija Romanowa "das Ende".

Es wäre das "Ende der bestehenden Verteidigungs- und Sicherheitsordnung der Welt", sagte Romanowa in einem Interview mit der APA in Wien. Die Ukraine sei "auf alles vorbereitet". Die Offizierin war am Mittwoch zu einem Sicherheitsforum der OSZE in Wien eingeladen, bei dem es um die Rolle von Frauen in der Sicherheitspolitik ging.

"Nukleare Erpressung" der Ukraine

Auch wenn die ukrainische Bevölkerung in sozialen Netzwerken über russische Atom-Drohungen scherze, müsse ihr Land damit umgehen, sagte Romanowa. Die Ukraine sei bereits zweimal mit "nuklearer Erpressung" konfrontiert gewesen, verwies die Soldatin am Donnerstag auf die Angriffe auf das AKW Tschernobyl und das AKW Saporischschja. Die Drohungen mit dem Einsatz von Atomwaffen seien auch eine "Botschaft an die westlichen Länder".

Der russische Staatschef Wladimir Putin hatte erklärt, alle Mittel zur Verteidigung der Regionen Donezk und Luhansk, Cherson und Saporischschja, die er am Freitag annektieren will, anzuwenden. Doch diesmal sei die Situation anders als bei der Einverleibung der Krim 2014 durch Russland, betonte Romanowa. Diesmal hätten die Menschen verstanden, warum es gehe. Die sogenannten Referenden in den "temporär besetzten Gebieten" seien "eine weitere Waffe". "Das ist kein Referendum, wenn jemand an deiner Tür klopft und begleitet von zwei bewaffneten Tschetschenen fragt, ob du eh die richtige Meinung hast", erklärte Romanowa. Nach offiziellen russischen Zahlen hätten etwas mehr als 5.000 Menschen in der Saporischschja-Region gewählt. Das sei jedoch nur ein Bruchteil der Einwohnerzahl, die vor dem Krieg rund eine Million betragen habe. "Niemand glaubt diese Ergebnisse." Die Ukraine würde diese Gebiete selbstverständlich zurückholen, betonte die Offizierin, die von 2016 bis 2019 Militärattachée in Moskau war.

Romanowa arbeitet im Generalstab der ukrainischen Armee in Kiew und beschäftigt sich mit Fragen der ukrainischen Gefangenen und die Rückholung getöteter ukrainischer Soldaten. Die Torturen, die die Menschen in russischer Gefangenschaft erleben müssen, bezeichnete sie als "grausam". Ukrainische Kämpfer hätten 60 bis 70 Kilogramm an Gewicht verloren. "Das heißt, sie wurden durch Hunger gefoltert." Zusätzlich seien sie körperlicher und mentaler Gewalt ausgesetzt. Auch berichtete die Soldatin von sexuellem Missbrauch von Frauen, Kindern, aber auch Männern. Einige der Frauen seien nun schwanger.

Wenig Verständnis für Mobilmachungs-Flucht

Die Grausamkeit sieht Romanow auch bei der Teil-Mobilmachung, die nicht nur Russland, sondern etwa auch die Bewohner der Krim betreffe. Die Menschen würden kaum oder gar nicht ausgebildet und schlecht bzw. mit alten Waffen ausgestattet in den Krieg geschickt. Sie verstehe die Einstellung der russischen Armee gegenüber ihren Soldaten nicht: "Das ist Mord am eigenen Volk." Romanowa erzählte von einem Russen, der völlig unvorbereitet nach drei Tagen Einsatz froh war, von den Ukrainern gefangen genommen worden zu sein.

Wenig Verständnis hat Romanowa für Russen, die vor der Mobilmachung flüchten. Sie sollten sich nach Ansicht der Offizierin für Veränderung in Russland einsetzen. "Sie sollten für ihre Rechte kämpfen." Viele von ihnen hätten zuvor den Krieg gegen die Ukraine sowie auch die Kriegsverbrechen gutgeheißen. Dass sie jetzt flüchten, findet Romanowa "sehr unfair".

Karner: Russlands Teilmobilmachung entwickelt sich zu "Fiasko"

Die Ukraine arbeite seit 2014 an der Entwicklung ihrer militärischen Fähigkeiten, zusätzlich würden viele Zivilisten den Soldaten helfen wollen. Auch Frauen gingen zur Armee. Zu Kriegsausbruch im Februar seien es 31.000 Frauen gewesen, mehr als 7.000 hätten sich seither den Streitkräften angeschlossen. Nicht alle sind an der Frontlinie. "Ich habe viele Freunde in diesem Krieg verloren", sagte Romanowa mit Tränen in den Augen.

Neutralität bringe keine Sicherheit

Die Ukraine benötige derzeit am dringendsten Raketenabwehrsysteme verschiedener Reichweiten, um ihren Luftraum, ihre Städte und ihre Bevölkerung zu schützen, erklärte Romanowa. Russische Raketen hätten eine Reichweite von bis zu rund 3.000 Kilometern und auch zivile Objekte wie Einkaufszentren und Bahnstationen seien das Ziel der Russen. Da sei die Verteidigung sehr schwer. Dankbar äußerte sie sich für die Unterstützung des Westens durch Waffenlieferungen, humanitäre Hilfe, die Behandlung von Verletzten und die Schutzgewährung von Flüchtlingen in Ländern wie Österreich.

Stravrou: Neutralität hat noch nie vorm Angriff der Angriffslustigen geschützt

An Österreich hat Romanowa aber auch eine klare Botschaft. Sie respektiere die österreichische Neutralität und verstehe auch, warum sie Österreich wichtig sei. "Aber: Die Ukraine war in ihrer Geschichte auch eine gewisse Zeit neutral. Das hat uns keine Sicherheit gebracht". Europa müsse sich des hybriden Krieges Russlands gegen die westliche Welt bewusst sein. Dazu zählte sie Methoden wie die russische Propaganda oder Gas- und Öllieferungen, die als eine Art Waffe benutzt würden. "Die Ukraine ist ein Beispiel, was passieren könnte, wenn man sich in irgendeiner Weise gegen die russischen Intentionen wehrt." Sie hoffe nicht, dass dies noch ein anderes Land so erleben müsse, sagte Romanowa.

Quelle: Agenturen