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Ukrainische Gegenoffensive in Cherson scheint Fahrt aufzunehmen

28. Juli 2022 · Lesedauer 5 min

Die Ukraine macht nach eigenen Angaben und nach Einschätzung des britischen Geheimdienstes Fortschritte bei ihren Bemühungen um die Rückeroberung von Teilen der Südukraine.

Im Gebiet Cherson sei es dem ukrainischen Militär dank vom Westen gelieferter Artilleriegeschütze gelungen, mindestens drei Brücken über den Dnipro zu beschädigen. Das erschwere Moskau die Versorgung der besetzten Gebiete und mache die russische 49. Armee am Westufer des Dnipro äußerst verwundbar.

Wie ein hochrangiger Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in der Nacht auf Donnerstag mitteilte, unternimmt Russland eine "massive Verlegung" von Truppen in Richtung der drei südlichen Regionen Cherson, Melitopol und Saporischschja. Oleksyj Arestowytsch bestätigte zudem Angaben prorussischer Kräfte, wonach das zweitgrößte Kraftwerk des Landes in russischer Hand ist.

Kämpfe bei den Städten Bachmut und Soleda

Im östlichen Kriegsgebiet Donezk nähern sich die Kämpfe zwischen den Truppen Kiews und Moskau weiter den Städten Bachmut und Soledar. Bei Werschyna, südöstlich von Bachmut, habe der Gegner Teilerfolge erzielt, teilte der ukrainische Generalstab mit. Andere Angriffe im Raum Bachmut und auch beim benachbarten Soledar seien hingegen abgewehrt worden. Auch nördlich von Slowjansk seien russische Attacken gescheitert. Im Donezker und im angrenzenden Gebiet Charkiw seien erneut ukrainische Stellungen in Dutzenden Orten durch Artillerie beschossen worden. Zudem habe es Luftangriffe gegeben.

In der Nacht zum Donnerstag wurden nach Angaben der ukrainischen Luftstreitkräfte zudem mehr als 20 Raketen auf Ziele in der Ukraine abgefeuert, unter anderem aus dem benachbarten Belarus. Dabei wurden demnach Infrastrukturobjekte im Kreis Wyschhorod nördlich der Hauptstadt Kiew und im anliegenden Gebiet Tschernihiw getroffen. Die Angaben der Ukraine ließen sich nicht unabhängig prüfen.

Kiew: Raketen trafen Militärstützpunkt

Bei einem Raketenangriff auf das zentralukrainische Gebiet Kropywnyzkyj südlich von Kiew wurden der Gebietsverwaltung zufolge am Donnerstag mindestens fünf Menschen getötet und 25 weiter verletzt. Nahe Kiew trafen Raketen einen Militärstützpunkt. Der Militärstützpunkt in Ljutisch rund 30 Kilometer nördlich der Hauptstadt Kiew sei am frühen Morgen von sechs Marschflugkörpern vom Typ Kalibr beschossen worden, sagte der ranghohe Vertreter des ukrainischen Generalstabs, Oleksij Gromow, vor Journalisten. Die Raketen wurden demnach on der 2014 von Russland annektierten Krim-Halbinsel aus abgefeuert, eine sei von der ukrainischen Luftabwehr abgefangen worden.

Selenskyj: 20 Prozent Landverlust

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in einer Videoansprache mit Blick auf die von ukrainischen Streitkräften bombardierte Brücke über dem Fluss Dnipro im Gebiet Cherson, dass nach der Rückeroberung alles wieder aufgebaut werde. "Wir werden unser ganzes Land mit militärischen, diplomatischen und allen anderen zugänglichen Instrumenten befreien." Die Ukraine hat Selenskyj zufolge bisher die Kontrolle über rund 20 Prozent ihres Staatsgebietes verloren. Er forderte vom Westen mehr schwere Waffen, um russische Angriffe zu stoppen und besetzte Gebiete zu befreien.

Russische Nachschubrouten beschädigt 

Bereits am Mittwoch war aus westlichen Sicherheitskreisen verlautet, die Ukraine mache bei ihrer Gegenoffensive im Gebiet Cherson Fortschritte. Angesichts der zerstörten oder beschädigten Brücken, verliere Moskau wichtige Nachschubrouten. Auf russischer Seite gebe es ernsthafte Probleme bei der Versorgung und der Moral der Streitkräfte. "Unserer Ansicht nach ist eine operative Pause unausweichlich", sagte ein hochrangiger westlicher Beamter.

66 russische Soldaten bei Angriff getötet

Die ukrainische Armee teilte am Donnerstag in der Früh mit, dass am Vortag bei Angriffen in der Südukraine 66 russische Soldaten, drei Panzer und weitere militärische Ausrüstung zerstört worden seien. Die ukrainische Luftwaffe habe fünf Angriffe gegen russische Stellungen in den Gebieten Beryslaw und Cherson durchgeführt, russische Artillerieangriffe hätten "keinen Erfolg" gehabt.

Bisher 75.000 Verluste auf russischer Seite

Nach Schätzungen aus den USA gehen die Opferzahlen auf russischer Seite längst in die Zehntausende. "Wir wurden darüber informiert, dass mehr als 75.000 Russen entweder getötet oder verletzt wurden, was enorm ist", zitierte der Sender CNN Elissa Slotkin, eine demokratische Abgeordnete aus dem Repräsentantenhaus, die zuvor an einem geheimen Briefing der US-Regierung teilgenommen hatte. Der Kreml in Moskau wies die in den USA genannten Zahlen als "Fake" zurück. Dies seien auch keine Angaben der US-Regierung, sondern lediglich Medienberichte, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

Selenskyj bietet Hilfe beim Strom an

Mit Blick auf die Energiekrise in Europa bot Selenskyj der EU eine Unterstützung mit Strom aus seinem Land an. "Wir bereiten uns auf die Erhöhung unseres Stromexports für die Verbraucher in der Europäischen Union vor", sagte er. "Unser Export erlaubt es uns nicht nur, Devisen einzunehmen, sondern auch unseren Partnern, dem russischen Energiedruck zu widerstehen", sagte er mit Blick auf die von Russland deutlich reduzierten Gaslieferungen.

"Wir wurden darüber informiert, dass mehr als 75. 000 Russen entweder getötet oder verletzt wurden, was enorm ist", zitierte der Sender die demokratische Abgeordnete Elissa Slotkin, die zuvor an einem geheimen Briefing der US-Regierung teilgenommen hatte. Der US-Auslandsgeheimdienst CIA hatte zuletzt geschätzt, dass auf russischer Seite bereits 15.000 Menschen ums Leben gekommen seien. Aktuelle Angaben der offiziellen Stellen in Russland zu Totenzahlen gibt es nicht.

 

Quelle: Agenturen / Redaktion / msp