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Ukraine-Krieg: Zeugen berichten in Wien von Folter und Strafkolonien

27. Juli 2022 · Lesedauer 5 min

Betroffene Ukrainer haben am Mittwoch bei der OSZE in Wien jene Verhöre, unmenschliche Behandlung sowie Folter beschrieben, die seit dem 24. Februar Zivilisten in von Russland neu besetzten Gebieten ihres Landes drohen.

Die Rede war von der "Filtration", der angeblich alle Ukrainerinnen und Ukrainer über 14 Jahre aus betreffenden Regionen unterworfen werden sollen. In russisch kontrollierten Teilen der Ostukraine soll es zumindest 18 Orte für diesen Zweck geben.

"Filtration" ist neues Phänomen 

"Dieses Phänomen ist auch für unsere Diskussionen in der OSZE neu. Die Delegationen sagten, dass wir der 'Filtration' größere Aufmerksamkeit schenkten sollten, um den Opfern zu helfen und die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen", erläuterte der ukrainische Vertreter bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, Jewhenij Zymbaljuk, auf APA-Nachfrage.

In der derzeit praktizierten "Filtration" gebe es drei Stufen, erklärte am Mittwoch Stanislaw Miroschnytschenko von der ukrainischen NGO "Medieninitiative für Menschenrechte" (MIPL). Nach einer vorläufigen "Filtration" auf Checkpoints oder in Wohnungen, kämen manche in einer zweiten Stufe für einige Wochen in "Filtrationslager". Dort würde es zu Leibesvisitationen kommen, sie würden fotografiert, es würden Fingerabdrücke abgenommen sowie Personendaten gesammelt. An diesen Orten würde psychologischer sowie physischer Druck auf die Insassen ausgeübt und es käme während Verhören auch zu Folter. Bekannt seien zudem einzelne Fälle von Tötungen.

Gefängnisse und Strafkolonien

All jene, die nach der zweiten Stufe nicht freigelassen würden, würden schließlich in Gefängnisse und Strafkolonien in besetzten Gebieten der Ukraine transferiert. Hier herrschten äußerst schlechte Haftbedingungen, fehlte eine medizinische Versorgung und seien Fälle von Tötungen häufiger, sagte Miroschnytschenko. Konkrete Angaben, wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer in den letzten Monaten bereits dieser "Filtration" unterworfen gewesen sein könnten, konnte er keine machen.

"Was passiert ist, kann nicht mit Worten wiedergegeben werden", schilderte der 25-jährige Ex-Fußballer Ihor Talalaj, der im März als Freiwilliger geholfen hatte, Zivilisten aus Charkiw und anschließend auch aus Mariupol in sicherere Regionen der Ukraine zu evakuieren. Nachdem schon die Anreise mit Kontrollen an Checkpoints schwierig gewesen sei, habe am 19. März auf der Rückreise aus Mariupol einem Soldaten der von Russland kontrollierten "Donezker Volksrepublik" (DNR) sein Gesicht oder seine Kleidung nicht gepasst. Er sei dann im Manhusch, einem Vorort im Westen von Mariupol, zu dreißig weiteren Personen in einem drei Mal drei Meter großen Kellerraum gesteckt worden.

Bei Verhören sei er geschlagen worden und in Folge in ein Gefängnis in Oleniwka außerhalb von Donezk überstellt worden, wo die Folter noch brutaler geworden sei. Insbesondere sprach Talalaj von der Anwendung von Stromstößen, die als "Lügendetektor der DNR" bezeichnet würden. Ich würde das niemandem wünschen, sagte der Freiwillige aus Dnipro, dessen Martyrium nach 88 Tagen mit seiner Freilassung endete.

Stundenlange Verhöre und Drohungen

Vergleichsweise Glück hatte indes der Musiklehrer und Bibliothekar Jurij Beresowskyj aus Starobilsk in der Region Luhansk, der nach der Besetzung seiner Heimatstadt einige Wochen lang in Furcht auf seine eigene "Filtration" wartete. Nach einer Festnahme vor seinem Haus erfolgten schließlich zahlreiche Verhöre, wobei ihm auch mit der "Flasche" gedroht worden sei. Gemeint damit ist eine in Russland bekannte Foltermethode, bei der eine Flasche in den After eingeführt wird. Da in seinem Mobiltelefon jedoch nichts Belastendes gefunden worden sei und in Starobilsk auch bekannt gewesen sei, dass er keine Kontakte zum ukrainischen Militär habe, sei er schließlich jedoch wieder freigelassen worden.

Einer weiteren "Filtration" wurde Beresowskyj jedoch in Russland unterzogen. Da das Überschreiten der Frontlinie in der Ostukraine lebensgefährlich war, hatte er entschieden, das russisch okkupierte Gebiet der Ukraine über Russland zu verlassen. Dabei wurde er zunächst an der russischen Grenze stundenlang aufgehalten und von Geheimdienstlern verhört. Beim Verlassen des Grenzpostens sei ihm eine "Prozedur" angekündigt worden, die eine Woche dauern würde. Dabei sei er von der Polizei verhaftet worden, weil er angeblich deren Anordnungen nicht befolgt hätte, und wegen dieser erfundenen Verwaltungsübertretung zu acht Tagen Verwaltungsarrest verurteilt worden. In dieser Zeit sei er auf russischem Territorium wiederholt verhört, schließlich jedoch erneut freigelassen worden. In Folge konnte Beresowskyj vergleichsweise problemlos aus Russland in die EU ausreisen.

Erinnerung an Sowjetzeiten

Mit der "Filtration" greifen russische Geheimdienste eine Arbeitsweise auf, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg von ihren sowjetischen Vorläufern praktiziert worden war. Damals wurden Sowjetbürger, die auf von Deutschland okkupierten Gebieten oder im Ausland gewohnt hatten, einer politischen Kontrolle unterworfen und anschließend in vielen Fällen in den Osten der Sowjetunion deportiert. Akten zu dieser historischen "Filtration" finden sich in vielen ukrainischen Archiven. Die 2022 abgefragten Informationen entsprächen weitgehend jenen Angaben, für die sich seinerzeit auch der sowjetische Geheimdienst interessiert habe, kommentierte Beresowskyj auf APA-Nachfrage eine konkrete historische Karteikarte.

Quelle: Agenturen / Redaktion / koa