Ukraine: Kämpfe in Charkiw, Cherson umzingelt

02. März 2022 · Lesedauer 4 min

Die russische Armee hat ihre Angriffe auf zahlreiche ukrainische Städte in der Nacht auf Mittwoch fortgesetzt. Die Ukraine berichtete, dass russische Luftlandetruppen die zweitgrößte Stadt Charkiw angegriffen hätten.

In den vergangenen 24 Stunden sollen in der Stadt mindestens 21 Menschen getötet und mehr als 100 verletzt worden sein. Unklarheit herrscht über die Lage in Cherson, die Stadt soll vollständig umzingelt sein. Kämpfe gibt es auch in Schytomyr und Mariupol.

Cherson umzingelt

Die russische Armee hatte bereits die Einnahme der Hafenstadt Cherson im Süden der Ukraine gemeldet. "Einheiten der russischen Streitkräfte haben die Regionalhauptstadt Cherson vollständig unter ihre Kontrolle gebracht", sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums in der Früh in einer im Fernsehen übertragenen Erklärung. Die "zivile Infrastruktur" und die öffentlichen Verkehrsmittel funktionierten weiterhin normal.

Von ukrainischer Seite gab es für die Einnahme von Cherson jedoch keine Bestätigung. Nach Angaben lokaler Behörden ist die Stadt vollständig umzingelt.

Ukrainische Medien hatten zuvor von Kämpfen in der Stadt mit etwa 280.000 Einwohnern berichtet. Der Berater des Innenministeriums, Anton Heraschtschenko, sprach von zahlreichen toten Zivilisten, die Cherson unter anderem mit sogenannten Molotow-Cocktails verteidigt hätten. Es wäre die erste ukrainische Gebietshauptstadt, die russische Truppen seit Ausbruch des Krieges am vergangenen Donnerstag unter ihre Kontrolle gebracht haben.

Luftangriffe auch in anderen Städten

In Schytomyr sollen Marschflugkörper des russischen Typs Kalibr zahlreiche Wohngebäude und ein Krankenhaus beschädigt haben, meldete die Agentur Unian. Auf Videos, die in sozialen Netzwerken geteilt wurden, waren brennende Häuser und Rettungskräfte zu sehen. Schytomyr liegt rund 140 Kilometer westlich der Hauptstadt Kiew.

In Mariupol, einer Hafenstadt am Asowschen Meer, wurden am Dienstag mehr als 100 Menschen durch russischen Beschuss verletzt, sagte der Bürgermeister der Stadt, Wadim Bojtschenko, ukrainischen Medien zufolge.

In Borodjanka, 50 Kilometer von Kiew entfernt, zerstörten russische Luftangriffe der ukrainischen stellvertretenden Außenministerin Emine Dscheppar zufolge am Dienstag zwei Wohngebäude. Sie teilte dazu ein Video der teilweise zerstörten Häuser mit brennenden Wohnungen. Die Angaben ließen sich nicht von unabhängiger Seite überprüfen.

In einer Video-Botschaft warf Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj den russischen Truppen vor, sie wollten das Land und seine Geschichte zerstören. Auslöser für die Aussage ist der russische Angriff auf die Holocaust-Gedenkstätte Babyn Jar auf dem Gebiet der Hauptstadt Kiew. In Babyn Jar hatten im Zweiten Weltkrieg deutsche Besatzungstruppen und ihre ukrainischen Helfer ein Massaker an der jüdischen Bevölkerung verübt. "Dieser Angriff zeigt, dass für viele Menschen in Russland unser Kiew absolut fremd ist", sagt Selenskyj. "Sie wissen gar nichts über Kiew, über unsere Geschichte. Aber sie alle haben den Befehl, unsere Geschichte, unser Land, uns alle auszulöschen."

Sorge um Angriff aus Belarus

Das ukrainische Verteidigungsministerium gab in der Nacht an, einen Angriff aus Belarus zu befürchten. "Die belarussischen Truppen wurden in Alarmbereitschaft versetzt und befinden sich in den Konzentrationszonen, die der ukrainischen Grenze am nächsten liegen", erklärte das Ministerium auf Facebook. Im Laufe des Dienstags habe der ukrainische Geheimdienst "erhebliche Aktivitäten" von Flugzeugen im Grenzgebiet festgestellt. Es wurden Fahrzeugkonvois mit Lebensmitteln und Munition beobachtet, hieß es in der Erklärung.

Angesichts dieser Bewegungen könnte Belarus "in Zukunft wahrscheinlich die russischen Invasoren im russisch-ukrainischen Krieg unterstützen", warnte das Ministerium. Seit Beginn der russischen Invasion am vergangenen Donnerstag würden zudem von belarussischem Territorium aus "systematische" Raketenangriffe auf militärische und zivile Ziele in der Ukraine gestartet, hieß es weiter.

Brunner: "Lukaschenko ist nicht zu trauen"

PULS 24 spricht mit "Die Zeit"-Journalistin Simone Brunner über die Rolle von Belarus im russischen Krieg gegen die Ukraine.

Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko hatte am Dienstag die Entsendung weiterer Truppen an die Grenze zur Ukraine angeordnet. Der staatlichen Nachrichtenagentur Belta zufolge sollen "fünf taktische Bataillonsgruppen" zusätzlich zum "Schutz" der Grenzregion im Süden entsandt werden. Solche Einheiten bestehen in der Regel aus Hunderten Soldaten mit gepanzerten Fahrzeugen und Artilleriewaffen.

Militärhubschrauber und Flugzeuge seien bereits in den Regionen Gomel, Baranowitschi und Luninez stationiert. Der Verbündete des russischen Präsidenten Wladimir Putin versicherte jedoch, dass sich sein Land nicht an der Offensive in der Ukraine beteiligen werde. "Das ist nicht unsere Aufgabe", bekräftigte er.

Quelle: Agenturen