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Ukraine: Experten fordern regionale Unterstützung

19. Juli 2022 · Lesedauer 3 min

Vertreter der ukrainischen Thinktank- und NGO-Verbunds "Nationale Plattform für Widerstandsfähigkeit und soziale Kohäsion" haben bei Gesprächen in Wien auf die Notwendigkeit von internationaler Unterstützung auf regionaler Ebene hingewiesen.

Humanitäre Hilfe und die Unterstützung des Wiederaufbaus würden nicht reichen, um das Land nach dem massiven Wirtschaftseinbruch wieder zum Laufen zu bringen, erklärten die Politologen Wolodymyr Lupazij und Oleh Saakjan am Montag der APA.

Mehr Wirtschaftshilfen notwendig

Die Funktionsfähigkeit staatlicher Strukturen und der Infrastruktur sei nicht genug, um die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit zu erhalten, erläuterte Plattform-Mitbegründer Lupazij am Rande von Gesprächen mit westlichen Diplomaten in Wien. Er verwies auf den prognostizierten Einbruch des ukrainischen Bruttoinlandsprodukts um 45 Prozent. In einem Krieg, in dem es um das Überleben gehe, brauche man eine derartige Widerstandsfähigkeit nicht nur auf der Makro-, sondern auch auf der Mikroebene, betonte er.

Unterstützung von Klein- und Mittelbetrieben

"Die Europäische Union sollte sich abgesehen vom Wiederaufbau mit einem Programm engagieren, das zur Belebung der regionalen wirtschaftlichen Entwicklung beiträgt", erläuterte der Politologe. Insbesondere sollten dabei auch vom Frontgebiet entfernte Regionen unterstützt werden, um die dortige Selbstversorgung zu verbessern und Möglichkeiten der Integration von Millionen von Binnenflüchtlingen zu schaffen. Lupazij schlug vor, in unterschiedlichen Oblasten der Ukraine europäischen Zentren zur Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen zu eröffnen. Dabei sollten insbesondere jene Firmen gefördert werden, die zur wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit der betreffenden Region beitrügen.

Diskriminierung von ukrainischen Unternehmen

Sein Kollege Oleh Saakjan nannte im Gespräch mit der APA weitere konkrete Unterstützungsmöglichkeiten. Da ukrainische Unternehmen mit Sitz auch abseits des Frontgebiets bei internationalen Geschäftsbeziehungen diskriminiert und teils gezwungen würden, sich ins Ausland zu verlegen, sollte hier etwa mit internationalen Instrumenten zur Versicherung von Risken gegengesteuert werden. Wichtig seien zudem symbolische politische Entscheidungen des Auslands sowie die Unterstützung von ukrainischen Konzernen durch ihre Berücksichtigung in Produktionsketten internationaler Partnerkonzerne, erläuterte er. Relevant sei aber auch der Transfer von Know-how insbesondere auf regionaler und städtischer Ebene.

"Europäische Rückständigkeit im digitalen Bereich"

Verwundert zeigte sich Saakjan darüber, dass bei der Lugano-Wiederaufbaukonferenz Anfang Juli auch von einer europäischen Unterstützung im Bereich der digitalisierten Verwaltung die Rede war. Sollten ukrainische Entwicklungen von internationalen Partnern finanziert werden, wäre das freilich in Ordnung, kommentierte er. Bei praktischen Fragen erwarte man jedoch weniger Support. "Die Ukrainerinnen und Ukrainer, die zuletzt nach Europa kamen, waren über die europäische Rückständigkeit im digitalen Bereich verwundert", berichtete er.

"Terror in Cherson und Saporischschja"

In den von Russland zuletzt besetzten Gebieten ist an Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung derzeit indes nicht zu denken, verdeutlichte der APA die auf die betreffenden Regionen spezialisierte Vertreterin der Plattform, Julija Tyschtschenko. "In den Regionen Cherson und Saporischschja herrscht Terror", sagte sie. Sehr viele Menschen würden verhaftet und entführt. Hätte dies zu Beginn der Besetzung im März vor allem aktive Teilnehmer an Protesten betroffen, würden mittlerweile auch "harmlose" Bewohner verhaftet, klagte Tyschtschenko.

Quelle: Agenturen / Redaktion / msp