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"An den Ton werden sich die Kirchen gewöhnen müssen"

02. Jan. 2023 · Lesedauer 3 min

In der internationalen Presse wird die Rolle des verstorbenen emeritierten Papstes Benedikt XVI. durchaus kritisch bilanziert.

Am Samstag ist Papst Benedikt XVI. im Vatikan im Alter von 95 Jahren gestorben. Über sein Pontifikat von 2005 bis 2013 fällen internationale Medien sehr unterschiedliche Urteile.

Pressespiegel

"Tygodnik Powszechny" (Krakau), 31. 12. 2022: "Nach den Worten des Vatikan-Experten Marco Politi war die Wahl von Kardinal Joseph Ratzinger zum Papst im April 2005 Ausdruck der Überzeugung, dass die Kirche 'einen Moment der Ruhe nach einem gigantischen Pontifikat' brauche. Und der neue Bischof von Rom suchte Ruhe. Erfolglos. Er wollte eine Kirche bremsen, die durch das Zweite Vatikanische Konzil in Aufruhr geraten war, inmitten von Kontroversen, im Dunkeln, auf der Suche nach neuen Wegen für sich und die Welt.

"Der Standard" (Wien), 1. 1. 2023: "Inhaltlich hat der nun verstorbene Benedikt XVI. geliefert, was man von dem zu Lebzeiten wenig schmeichelhaft 'Panzerkardinal' genannten Theologen erwartete. Mit aller Kraft stemmte sich Joseph Ratzinger in seiner Amtszeit gegen eine Modernisierung der Kirche. Weltkirchlich wurde das Klima für den deutschen Papst damit rau, der Gegenwind aus vielen katholischen Reformecken massiv. Wenn während einer achtjährigen Amtszeit der Rücktritt der prägendste Moment ist, dann spricht das nicht für ein gelungenes Pontifikat. Aber mit seinem überraschenden Pensionsantritt 2013 hat Benedikt XVI. die katholische Kirche verändert. Das Papstamt ist auf ewig entzaubert, das Amtsverständnis neu definiert. Die Unfehlbarkeit Geschichte."

"Lidové noviny" (Prag), 31. 12. 2022: "Ein Prophet gilt nichts im eigenen Land, sagt ein altes Sprichwort. Das traf wohl auf niemanden so sehr zu wie auf Joseph Ratzinger, den späteren Papst Benedikt XVI. Noch bevor er im Jahr 2005 zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt wurde, hatte er als Kardinal fast ein Vierteljahrhundert der römischen Kurie gedient und die einflussreiche Glaubenskongregation geleitet. Dabei kam es mit niemandem sonst so oft zu Konflikten wie mit der Kirchengemeinde in seinem Heimatland Deutschland. Ob es nun um die Haltung zur Abtreibung ging, um die Frage einer größeren Beteiligung der Laien am Kirchenleben oder um die Zukunft des Zölibats: Immer wenn deutsche Katholiken den Wunsch äußerten, die bisherigen Positionen zu überdenken, war aus Rom ein klares Nein zu vernehmen."

"Weser-Kurier" (Bremen), 1. 1. 2023: "Von einer Papstbegeisterung ist nichts mehr zu spüren. Ein Beispiel: Die Kondolenzadresse von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Er bleibt diplomatisch, würdigt Benedikt als Theologen und Gelehrten. Doch dann äußert sich Steinmeier zum Missbrauch in der Kirche: 'Benedikt wusste um das große Leid der Opfer und den immensen Schaden für die Glaubwürdigkeit der Kirche.' Kein Wort dazu, was der Papst aus Deutschland unternahm. Ein ohrenbetäubendes Schweigen. Noch vor einigen Jahren wäre so ein Schreiben undenkbar gewesen. Doch an diesen Ton werden sich die Kirchen gewöhnen müssen. Es gibt in Politik und Gesellschaft viele, die mit ihnen sympathisieren. Aber alles lässt man ihnen nicht mehr durchgehen. Und das ist auch gut so."

Quelle: Agenturen / Redaktion / kap