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Selenskyj: Russland griff Geburtsklinik in Mariupol an

09. März 2022 · Lesedauer 5 min

Die Ukraine hat Russland einen Angriff auf eine Geburtsklinik in der umkämpften Hafenstadt Mariupol vorgeworfen.

Präsident Wolodymyr Selenskyj postete am Mittwoch im Kurznachrichtendienst Twitter ein Video, das völlig verwüstete Räume der Klinik zeigen soll. Demnach müssen eines oder mehrere Geschoße oder Bomben im Hof des Klinikkomplexes eingeschlagen sein. Von russischer Seite lag zunächst keine Stellungnahme vor. Moskau betont stets, keine zivilen Ziele zu attackieren.

"Angriff russischer Truppen auf die Entbindungsstation. Menschen, Kinder sind unter den Trümmern", schrieb Selenskyj. Die strategisch wichtige Hafenstadt wird seit Tagen von russischen Truppen belagert. Mehrere vereinbarte Versuche, Menschen über Fluchtkorridore in Sicherheit zu bringen, scheiterten. Beide Seiten gaben sich dafür gegenseitig die Schuld.

"Die Zerstörung ist enorm"

Nach Angaben der lokalen Behörden wurden mehrere Bomben abgeworfen. Das ließ sich nicht überprüfen. "Die Zerstörung ist enorm", teilte der Stadtrat mit. Angaben zu möglichen Opfern wurden zunächst nicht gemacht. In der Klinik seien kürzlich noch Kinder behandelt worden. Selenskyj forderte als Konsequenz aus dem Angriff einmal mehr eine Flugverbotszone über der Ukraine. Die NATO hat das aber abgelehnt.

Bei dem Angriff seien 17 Schwangere und Mitarbeiter verletzt worden, sagte der Chef der Militärverwaltung des Gebiets Donezk, Pawlo Kyrylenko. Die Druckwelle zerstörte Scheiben, Möbel und Türen, wie im Video zu sehen ist. Das Gelände rund um das Gebäude am Asowschen Meer im Südosten des Landes war mit Trümmern übersät. Nach Kyrylenkos Angaben wurden allein in Mariupol seit Beginn der Kämpfe 1207 Zivilisten getötet.

UN: Mindestens 516 tote Zivilisten 

Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) hat in der Ukraine seit dem Einmarsch Russlands am 24. Februar und bis Mittwoch, 00.00 Uhr, den Tod von 516 Zivilisten dokumentiert. Darunter waren 37 Minderjährige, wie das Büro in Genf berichtete. Dem Büro lagen zudem verifizierte Informationen über 908 Verletzte vor, darunter 50 Minderjährige. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, betont aber stets, dass die tatsächlichen Zahlen mit Sicherheit deutlich höher lägen.

Johnson verurteilt Angriff 

Die britische Regierung verurteilte den mutmaßlichen Angriff auf die Klinik in der Ukraine auf Schärfste. "Es gibt wenige Dinge, die verkommener sind, als die Verletzlichen und Hilflosen ins Visier zu nehmen", schrieb Premierminister Boris Johnson am Mittwoch als Reaktion auf einen entsprechenden Bericht der ukrainischen Regierung auf Twitter. Die britische Außenministerin Liz Truss sprach bei einer Pressekonferenz im Anschluss an ein Gespräch mit ihrem US-Kollegen Antony Blinken von einem "abscheulichen, skrupellosen und entsetzlichen" Angriff.

Nach Einschätzung von Blinken kann Kremlchef Wladimir Putin im Ukraine-Krieg nur verlieren. "Letztlich bin ich fest davon überzeugt, dass Putin scheitern wird und Russland eine strategische Niederlage erleiden wird - ganz gleich, welche kurzfristigen taktischen Gewinne es in der Ukraine erzielen mag", sagte Blinken bei dem gemeinsamen Presseauftritt mit seiner britischen Kollegin Truss. "Man kann eine Stadt einnehmen, aber nicht die Herzen und Köpfe der Menschen." Putin sei bereits mit bisherigen taktischen Zielen gescheitert, sagte Blinken weiter. Russland habe es bisher nicht geschafft, die Ukraine einzunehmen, und werde das Land auch nicht auf Dauer halten können.

Fronten bleiben statisch 

Die militärischen Fronten in der Ukraine scheinen derzeit weitgehend statisch. Nach ukrainischen Angaben gab es wieder Angriffe auf mehrere Städte und dabei Tote und viele Verletzte. Ukrainische Kräfte hätten die Angreifer zurückgeschlagen, hieß es im ukrainischen Lagebericht am Mittwoch. Laut US-Berichten wurden unter anderem aus Malyn, Mykolajiw und Isjum Kämpfe gemeldet. Die Angaben der Kriegsparteien sind nicht unabhängig zu überprüfen.

Seiten des Ukraine war in der Früh vielfach von einer vergleichsweise ruhigen Nacht die Rede, etwa rund um die Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer sowie in den Gebieten Poltawa und Sumy - dort wurden Fluchtkorridore eingerichtet. Im Gebiet Saporischschja im Südosten der Ukraine hätten russische Truppen ihre Offensive wieder aufgenommen, das Tempo des Vormarsches habe sich aber verlangsamt. In Tschernihiw habe es Luftalarme gegeben. Zehn Wohnhäuser am Stadtrand seien beschossen worden.

Kein Durchbruch in Kiew 

Das britische Verteidigungsministerium erklärte auf Twitter, nordwestlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew werde weiter gekämpft, doch hätten die russischen Truppen dort keinen entscheidenden Durchbruch erreicht. Die ukrainische Luftabwehr habe offenbar Erfolge. Die Städte Charkiw, Tschernihiw, Sumy und Mariupol seien weiter eingeschlossen. Das US-Verteidigungsministerium berichtete zudem von einer neuen russischen Militärkolonne, die von Nordosten her auf Kiew vorrückte. Die Hauptkolonne aus dem Norden war vor mehreren Tagen zum Stillstand gekommen.

Russische Wehrpflichtige im Krieg 

Russland räumte den Einsatz von Wehrpflichtigen im Krieg ein. Das Moskauer Verteidigungsministerium betonte am Mittwoch allerdings, dass dies nicht von der Führung genehmigt worden sei. Auf Befehl von Präsident Wladimir Putin werde die Militärstaatsanwaltschaft diese Fälle untersuchen und die Verantwortlichen bestrafen. Putin hatte mehrmals bestritten, dass Wehrpflichtige in der Ukraine kämpfen.

Verhandlungen am Donnerstag 

Am Donnerstag wollen der russische Außenminister Sergej Lawrow und sein ukrainischer Kollege Dmytro Kuleba zu Gesprächen im türkischen Antalya zusammenkommen. Angekündigt sind Verhandlungen gemeinsam mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu. Selenskyj zeigte im Vorfeld Kompromissbereitschaft. "In jeder Verhandlung ist mein Ziel, den Krieg mit Russland zu beenden. Und ich bin auch bereit zu bestimmten Schritten", sagte Selenskyj der deutschen "Bild"-Zeitung (Donnerstag). "Man kann Kompromisse eingehen, aber diese dürfen nicht der Verrat meines Landes sein", betonte Selenskyj, ohne Details zu nennen. Allerdings müsse auch die Gegenseite zu Kompromissen bereit sein.

Selenskyj warnt Europa vor Putin 

In einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" meinte Selenskyj hingegen, dass ganz Europa wegen Russland besorgt sein sollte. "Tatsächlich ist der gesamte Kontinent in Gefahr, solange Russland die Möglichkeit hat, einen anderen Staat anzugreifen. Er will Europa auseinanderreißen, genau wie die Ukraine", so Selenskyj. "Ich bin sicher, dass auch Polen bedroht ist." Zudem habe Putin auch die Republik Moldau, Georgien und das Baltikum im Visier.

Quelle: Agenturen