Segenreich: Russland ist "unmittelbar vor Israels Haustür"

22. März 2022 · Lesedauer 3 min

Ben Segenreich, Nahost-Experte und ehemaliger Korrespondent in Israel, spricht bei PULS 24 Anchorman Thomas Mohr über die Rolle Israels im Russland-Ukraine-Krieg. Für Israel ist es eine "geostrategisch heikle Lage".

"Es ist wirklich irgendwie überraschend", meint Ben Segenreich auf die Frage, warum sich Israel bisher bei Sanktionen gegen Russland zurückhält. Das Land beteiligt sich bisher nicht an den Wirtschaftssanktionen der USA oder der Europäischen Union. "Israel gehört von seinem politischen System, seinen Werten und seiner Tradition her, von seinem Selbstverständnis klar zur westlich demokratischen Welt", erklärt Segenreich.

Außerdem seien die USA – welche sich in dem Konflikt klar gegen die Russische Föderation positionieren – ein wichtiger Partner Israels. Der Nahost-Experte gibt allerdings zu bedenken, dass auch in Israel "die Menschen, die Medien wie überall in der Welt" von den kriegerischen Plänen und Handlungen Wladimir Putins "entsetzt" sind. Die Regierung versucht allerdings einen "Balanceakt", führt Segenreich aus. Man ist vorsichtig gegenüber dem russischen Präsidenten. "Israel ist in einer besonderen Situation mit Russland", meint der ehemalige Korrespondent. Es handelt sich "um eine geostrategisch heikle Lage".

Die Zusammenarbeit mit Russland

"Israel grenzt an Russland – das klingt komisch, das hat allerdings mit Syrien zu tun", führt Segenreich aus. In Syrien, einem Staat im Nahen Osten, herrscht seit 2011 ein Bürgerkrieg, welcher "noch immer nicht beendet ist". Russland hat in diesem Krieg ab 2015 in diesen Konflikt eingegriffen, erklärt der Autor, die russischen Truppen haben das "Regime des syrischen Präsidenten Assad gerettet".

"Seitdem ist Russland in Syrien der Hausherr" und das "unmittelbar vor Israels Haustür". Segenreich führt an, dass hier auch die Hisbollah – eine Miliz mit sehr viel Macht im Iran – um Einfluss buhlen. Deswegen hat Israel auch "hunderte Luftangriffe gegen iranische Ziele in Syrien getätigt", meint der Nahost-Experte. Er erklärt allerdings, dass dies nur mit "einer Koordination mit Russland" gelinden würde damit sich russische und israelische Truppen "nicht in die Quere kommen". Für Segenreich befürchtet Israel also, dass man keinen Zugriff mehr auf den syrischen Luftraum erhalten könnte, was im politischen Israel "als existenzbedrohend gesehen wird". Es handelt sich bei den aktuellen Handlungen Israels auch um sicherheitspolitische Abwägungen.

"Scharfe Rede" vor der Knesset 

Angesprochen auf die Rede des ukrainischen Präsidenten Selenskyj vor den Abgeordneten des israelischen Parlaments – der Knesset – meint Segenreich, dass Selenskyj eine "sehr scharfe Rede gehalten" habe. So habe er sich auch über fehlende Solidarität und Hilfe Israels beklagt. Laut dem Autor wurde dies in Israel auch verstanden. "Dann hat er allerdings eine Karte gespielt und einen Vergleich gemacht, der gar nicht gut angekommen ist", führt der ehemalige Korrespondent aus, "er hat das Wort Endlösung gebraucht". So schlimm die Situation in der Ukraine auch sei, meint Segenreich, eine Endlösung der Nationalsozialisten im zweiten Weltkrieg "gegen die Juden war etwas anderes" – ein geplanter, industriell ausgeführter Völkermord.

"Das wurde Selenskyj übel genommen", erklärt der Autor – auch wenn es einige gibt, die meinen man dürfe "das Wort nicht auf die Waagschale legen". So hat sich Selenskj auch "gewisse Sympatien in Israel verspielt", meint Segenreich abschließend.

Jan ForoboskoQuelle: Redaktion / foj