Russische Presse: Nehammer als "Erpresser" und "globaler Verhandler"

12. Apr. 2022 · Lesedauer 4 min

Fotos und Videos gibt es zwar keine, dennoch instrumentalisiert die russische Propaganda den Besuch von Karl Nehammer bei Wladimir Putin. Ein russisches Medium bezeichnet Nehammer als "Erpresser", andere nennen ihn "globalen Verhandler".

Es sei ein hartes, direktes Gespräch gewesen, erklärte Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) am Montag nach seinem 75-minütigen Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Moskau. Er habe "generell keine positiven Eindrücke" gewonnen, erklärte er weiter.

Vor dem Treffen sahen Experten die Gefahr, dass Russland das erste Treffen mit einem EU-Staatschef seit Beginn der Invasion zu Propaganda-Zwecken nutzen wird. Das Gespräch fand aus diesem Grund hinter verschlossenen Türen statt. Fotos und Videos gab es keine. Ein Blick in die russischen Medien zeigt, Propaganda gibt es dennoch.

Dubowy: "War deutlich Schlimmeres zu erwarten"

Als "ziemlich zurückhaltend" fasst Politikanalyst und Osteuropaexperte Alexander Dubowy die Berichterstattung der zentralen russischen Staatsmedien zusammen. Man habe im Westen zwar zurecht eine Instrumentalisierung des Besuchs befürchtet, doch sei diese schlussendlich "rar", meint Dubowy gegenüber PULS 24. Er selbst habe Schlimmeres erwartet.

Bis auf die russische Nachrichtenagentur "Interfax" hätten die Staatsmedien sich laut Dubowy in erster Linie auf die Statements von Kanzler Nehammer und des Kremlsprechers Dmitrij Peskov berufen. Bis zur offiziellen Stellungnahme aus Österreich habe man sogar aus österreichischen Medien zitiert, meint der Osteuropaexperte. Auch wurde der Begriff "Krieg" übernommen.

Von russischer Seite her, habe Peskov mitgeteilt, dass das Gespräch kurz gewesen sei und man weitere Kommentare dazu nicht plane. "Grundsätzlich ist das ein positives Zeichen", kommentiert Dubowy die Reaktion Russlands. Für den Politikanalyst bedeute dies, dass Russland den Gesprächskanal zur EU "nicht komplett schließen" wolle. Seiner Einschätzung nach sei es im Interesse Russlands, eine weitere Eskalation und ein Gasembargo nicht zu riskieren.

"Prawda": Nehammer, der Erpresser

Beispielsweise in der "Prawda",  die auch eine englischsprachige Ausgabe hat. Demnach sei Nehammer gekommen, um mit Putin über das "Geschäft" bezüglich der Gaslieferungen zu sprechen. Putin habe Nehammer nicht die Antworten gegeben, die dieser erwartet hätte. "Karl Nehammer hat offen versucht, den russischen Präsidenten zu erpressen, indem er den Weltmedien bestätigen würde, dass die Russen Schlächter sind." Putin sei auf die Erpressung nicht eingegangen. Der Kanzler habe daraufhin seine Drohungen wahrgemacht und alle führenden Medien in den westlichen Ländern hätten diese verbreitet, schreibt die "Prawda" weiter. Es sei schwer zu sagen, wie Nehammer reagiert hätte, wenn Putin für Österreich spezielle Gas-Lieferverträge unterzeichnet hätte.

"Komsomolskaja Prawda": Wahl des Unterhändlers interessant

Die zweitgrößte Tageszeitung "Komsomolskaja Prawda" zitierte die Aussagen Nehammers recht akkurat. Allerdings findet der Redakteur die Wahl Nehammers als "Unterhändler aus der EU" interessant. Besonders, da Frankreich oder Deutschland in Europa mächtiger seien. Allerdings hätten Macron und Scholz schon so viel antirussisches Zeug gesagt, dass ein Moskau-Besuch - wenn nicht befohlen - nicht angebracht sei.

"Izvestia": Österreich beansprucht Rolle eines globalen Vermittlers

Die "Izvestia" lässt angebliche Experten zu Wort kommen: "Die Österreicher verfolgen einen ausgewogeneren Ansatz als selbst die Deutschen und beanspruchen die Rolle eines globalen Vermittlers und einer Verhandlungsplattform. Deshalb haben sie sich trotz ihrer EU-Mitgliedschaft geweigert, Waffen an die Ukraine zu liefern". Auch sie betonen, dass Österreich sehr vom russischen Gas abhängig ist - sie sind sich sicher, dass diesem Thema ein besonderer Platz im Gespräch eingeräumt wurde.

"Moskowski Komsomolez": Nehammer keine "dauerhafte Figur"

"Das war die erste Reise des Vertreters eines unfreundlichen europäischen Staats in die Russische Föderation nach Beginn der Spezialoperation in der Ukraine", schrieb die Tageszeitung "Moskowski Komsomolez" (MK) am Montagabend auf ihrer Homepage. Obwohl Nehammer bisher nie mit dem russischen Präsidenten gesprochen hatte, gebe es keinen Grund, sich über den plötzlichen Besuch des Kanzlers zu wundern. Der österreichische Bundeskanzler sei keine "dauerhafte Figur", schrieb die Zeitung mit Verweis auf elf Bundeskanzler seit Putins Machtübernahme im Jahr 2000.

"Kommersant"

Die Tageszeitung "Kommersant" spielte indes mit der Bedeutung von "Wena", das nicht nur die russische Bezeichnung der österreichischen Hauptstadt ist, sondern gleichzeitig auch Vene bedeutet. Die Schlagzeile "In Nowo-Orgarjowo wurde Wien geöffnet" ließ auch verstehen, dass in der Putin-Residenz außerhalb von Moskau eine Vene aufgeschlitzt worden wäre. Neben der Geschichte der bilateralen Beziehungen und der Rolle russischer Gasimporte aus Österreich referierte die Zeitung ausführlicher als andere Medien aus der Aussendung des Bundeskanzleramts. Trotz Zensur, die die Verwendung des Begriffs "Krieg" praktisch kriminalisierte, war dabei vom "unermesslichen Leid" die Rede, dass durch den "russischen Angriffskrieg" entstanden sei.

Staatsfernsehen

Auch im russischen Staatsfernsehen wird über die Gründe für den Besuch spekuliert. Auch dort werden die Gas-Lieferungen als Grund genannt, zudem soll Nehammer ein Ultimatum aus dem Westen für ein Ende des Krieges mitgebracht haben.

Quelle: Agenturen / Redaktion / moe