APA/APA/AFP/MAHMOUD ZAYYAT

Rotes Kreuz ortet massive Notlage im Iran

Heute, 05:28 · Lesedauer 5 min

Der Krieg im Nahen Osten hat nach Einschätzung des Österreichischen Roten Kreuzes eine schwere humanitäre Krise ausgelöst. Im Iran und im Libanon sind hunderttausende Menschen auf der Flucht. Jürgen Högl vom Österreichischen Roten Kreuz (ÖRK) appellierte im Gespräch mit der APA an die Einhaltung des humanitären Völkerrechts und bat um Unterstützung für die Hilfsarbeit.

Er stünde im engen Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort, sagte Högl, Leiter der Abteilung für Internationale Katastrophen und Krisen beim Österreichischen Roten Kreuz. Trotzdem sei es nicht immer leicht, die Lage umfassend einzuschätzen. Auch, weil ein Großteil des Kommunikationsnetzes im Iran ausgefallen ist.

Die zivile Bevölkerung in den Städten wie Teheran, Shiraz, Tel Aviv, Beirut, sei direkt und indirekt vom Konflikt betroffen. Die Städte befänden sich im Ausnahmezustand, der Schulbetrieb sei eingestellt. Der ständige Luftalarm und die Unsicherheit sind für die Bevölkerung eine enorme Belastung. "Du musst nicht in einem beschossenen Haus leben, um vom Krieg betroffen zu sein", betont Högl.

Die Hilfe des ÖRK konzentriere sich derzeit auf drei Bereiche: Erstens, die Rettung von Menschen aus Trümmern und ihre Erstversorgung. Zweitens, die Bereitstellung von Notunterkünften für Menschen auf der Flucht in Schulen oder anderen öffentlichen Gebäuden, die behelfsmäßig adaptiert werden. Hier gehe es vor allem um die Basisversorgung der Menschen sowie ihre psychosoziale Betreuung. Und drittens, die Versorgung von Basisgütern wie Lebensmitteln und Wasser in Bereichen, wo die Versorgung durch Supermärkte nicht mehr gewährleistet werden kann. Die Helferinnen und Helfer stünden rund um die Uhr im Einsatz, aber "auch uns sind die Hände gebunden, wo es wirklich Raketen vom Himmel regnet", so der ÖRK-Krisenmanager.

Hunderttausende Binnenflüchtlinge

Mittlerweile zeichnen sich auch große Fluchtbewegungen in der Region ab, der Großteil davon noch innerhalb der betroffenen Länder. Im Iran hätten 100.000 Menschen die Hauptstadt Teheran verlassen und suchten Schutz in ruhigeren Bereichen des Landes. "Im Iran haben wir definitiv eine humanitäre Notlage", warnt Högl. Während sich die Angriffe zuvor vor allem auf den Westen und Süden des Landes konzentriert hätten, lasse sich mittlerweile auch eine Ausweitung der Angriffe im Osten beobachten.

Nicht nur im Iran, auch im Libanon sind hunderttausende Menschen auf der Flucht. Mehr als 400.000 Menschen stünden unter einer Evakuierungsorder der israelischen Verteidigungskräfte. Die 39.000 Helfer des Roten Kreuzes im Libanon unterstützen mit mehr als 320 Notunterkünften all jene, die nicht bei Freunden oder Verwandten untergekommen sind. Die Unsicherheit sei groß, betont Högl: "Die Leute fragen sich: 'Gibt es mein Haus noch? Was passiert mit mir? Was wird nächste Woche sein?'". Hier sei "die Erste Hilfe für die Seele", wie Högl die psychosoziale Betreuung auch nennt, essenziell.

Große internationale Fluchtbewegung zu erwarten

Ein besonderer Fokus liege außerdem auf der Vorbereitung auf Fluchtbewegungen über Grenzen hinweg. "Je länger der Konflikt dauert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit sein, dass Iraner und Iranerinnen das Land verlassen müssen", erklärt Högl. Momentan sei die Lage diesbezüglich aber noch relativ ruhig.

Eine besondere Entwicklung beobachtet Högl im Libanon. "Das ist für mich fast eine paradoxe Situation", sagt der erfahrene Krisenmanager. Nach einem Jahrzehnt des Konflikts in Syrien habe die Fluchtbewegung nun umgekehrt. Anstatt der Millionen Syrer, die in der Vergangenheit in den Libanon geflohen sind, suchen nun Libanesen in Syrien Schutz.

Auch Israel ist direkt von den Angriffen betroffen. Der Israelische Rote Davidstern - Magen David Adom - stelle in Israel den Rettungsdienst sicher. Er unterstütze außerdem bei der Verbringung von Patientinnen und Patienten aus oberirdischen Krankenhäusern in speziell dafür vorgesehene Schutzräume.

Wahrung des humanitären Völkerrechts: "Mir fehlen die Worte"

Mit großer Sorge beobachten Högl und das Österreichische Rote Kreuz außerdem, wie das humanitäre Völkerrecht bei bewaffneten Konflikten zunehmend in den Hintergrund gerate: "Auch der Krieg hat Regeln und wir möchten alle Akteure dazu auffordern, sich an diese zu halten". Sexualisierte Gewalt werde gezielt als Kriegsmittel eingesetzt: "Mir fehlen die Worte. Das geht einfach nicht." Zivilisten und Zivilistinnen sind keine Kriegsziele und sind zu schützen, genauso wie humanitäre Helfer und medizinische Einrichtungen zu schützen sind", betont er. Im Jahr 2025 habe allein die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung mehr als 30 Kolleginnen und Kollegen verloren: "Das ist ein Warnzeichen, dass auch unsere Arbeit für Menschen zunehmend schwieriger wird."

"Eine Vielzahl von Krisen bringt eine Vielzahl von Herausforderungen", so Högl. Es könne nicht die eine Krise über die andere priorisiert werden. Daher sei das Rote Kreuz weiterhin auf Unterstützung angewiesen, um Menschen in Not helfen zu können. In vielen europäischen Ländern werde aktuell die Militarisierung priorisiert, weswegen die Sicherung von Finanzmitteln eine Herausforderung darstellt. "Ich glaube, die Österreicherinnen und Österreicher haben nach wie vor ein goldenes Herz", hofft Högl weiterhin auf die Unterstützung aus der Bevölkerung.

(Das Gespräch führte Maria Mayböck/APA)

Zusammenfassung
  • Der Krieg im Nahen Osten hat laut Österreichischem Roten Kreuz zu einer schweren humanitären Krise im Iran und Libanon geführt.
  • Im Iran sind 100.000 Menschen aus Teheran geflohen, während im Libanon über 400.000 Menschen evakuiert werden mussten.
  • Das Rote Kreuz konzentriert seine Hilfe auf Rettung, Notunterkünfte und die Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser, wobei 39.000 Helfer im Libanon über 320 Notunterkünfte betreiben.
  • Die Versorgungslage ist angespannt, Kommunikationsnetze sind teilweise ausgefallen, und die Bevölkerung leidet unter ständiger Unsicherheit und Angst.
  • Das humanitäre Völkerrecht wird zunehmend missachtet, sexualisierte Gewalt als Kriegsmittel eingesetzt und 2025 wurden über 30 Rotkreuz-Helfer getötet.