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Robert Misik analysiert das "Verhängnis" Wladimir Putin

11. Juli 2022 · Lesedauer 3 min

Der Wiener Publizist möchte auf 175 kleinformatigen Seiten beschreiben, "wie Wladimir Putin Russland in eine Despotie verwandelte und jetzt Europa bedroht".

"Ein Verhängnis" nennt Robert Misik den russischen Präsidenten Wladimir Putin gleich im Titel seines heute erscheinenden neuen Buches. Der Wiener Publizist ist Partei. Er möchte auf 175 kleinformatigen Seiten beschreiben, "wie Wladimir Putin Russland in eine Despotie verwandelte und jetzt Europa bedroht". Wem seine Ausführungen bekannt vorkommen: Er folgt dabei weitgehend seiner zehnteiligen Blog-Reihe "Putin verstehen". Ein Putin-Versteher wird aus ihm dennoch nicht.

Trotz der einen oder anderen Reise in den europäischen Osten und dem einen oder anderen Treffen mit Protagonisten sei er kein Russland-Experte, gibt der 56-Jährige, der sich vor allem als Kapitalismus- und Globalisierungskritiker profiliert hat, offen zu. Aber er hat jene dicken Bücher gelesen - etwa das 700-seitige "Putins Netz" von Catherine Belton -, die heute in der Debatte bestimmend sind, und einiges im Netz recherchiert. Über weite Strecken liest sich sein Büchlein wie eine Zusammenfassung von bereits Bekanntem. Putin für Dummies.

Immer wieder merkt der Staatspreisträger für Kulturpublizistik entwaffnend ehrlich an, Genaueres wisse man leider nicht, schließlich könne niemand in Putins Kopf hineinschauen und seriöse Quellen seien Mangelware. Immerhin erfährt man in kompakter Form manches über Hintermänner und Ideologen wie Ivan Iljin, Elemente von Putins Selbstinszenierung und erhält auch einen Schnellkurs in jüngerer russischer Geschichte seit dem Zerfall der Sowjetunion.
 

Für China ist Putin nicht viel mehr als ein Tankwart mit Atomwaffen.

Robert Misik

Wirklich in die Tiefe geht Misik selten. Aber er lässt mit ein paar flotten Sagern aufhorchen. "Wenn sich Putin in die Arme Chinas werfen will, kann man ihm nur sagen: Viel Spaß damit. Für China ist Putin nicht viel mehr als ein Tankwart mit Atomwaffen. Er hat Öl, Gas, Bodenschätze, Nuklearraketen - und sonst praktisch nichts." Und er analysiert schonungslos, warum der Westen Entwicklungen zwar wahrgenommen, aber bloß gehofft hat, dass es "schon nicht so schlimm kommt": Einerseits sorgten Finanzkrise, Trump-Präsidentschaft, Brexit und Flüchtlingskrise für Ablenkung, andererseits wäre eine forcierte Konfrontationspolitik samt militärischer Aufrüstung demokratisch wohl nicht durchsetzbar gewesen.

In einem Punkt gibt er sich dann doch als Putin-Versteher: Weniger die NATO-Osterweiterung als der Export demokratischen Gedankenguts sei wohl Auslöser seiner nationalistischen und autoritären Radikalisierung gewesen, glaubt Misik, der seine Ausführungen mit einem Appell schließt. Die dauerhafte Überwindung autoritärer und autokratischer Kräfte habe sich als Illusion herausgestellt. Nun gelte es, die demokratische Lebensweise zu verteidigen, "und dabei ist moralische Klarheit genauso nötig wie strategische Klugheit, kurzum: Entschlossenheit und Besonnenheit."

Quelle: Agenturen