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Regisseurin: "Demokratisierung braucht Zeit, keinen Krieg"

12. März 2026 · Lesedauer 5 min

Knapp zwei Wochen nach Beginn des Kriegs zwischen den USA, Israel und dem Iran verfolgen viele in Österreich lebende Iraner die Ereignisse mit Spannung und Sorge. Die in Österreich lebende iranische Regisseurin Parisa Ghasemi berichtet im Gespräch mit der APA von der Sorge um ihre Familie in Teheran, einer zersplitterten Opposition und gezielter Desinformation.

Ihre Gefühle seien seit dem ersten Wochenende der Angriffe "wie eine Achterbahn", erzählt die 38-Jährige: "Mal gibt es Momente, da bin ich voller Hoffnung, dass dieses Regime endlich gestürzt wird und wir endlich eine Demokratie haben." An anderen Tagen sehe sie mit Angst in die Zukunft. Ihre Familie ist trotz der ständigen Angriffe in Teheran geblieben. Der Vater benötigt nach einer überstandenen Krebsbehandlung medizinische Betreuung. Ungewiss sei, ob die Krankenhäuser geöffnet bleiben.

Schon während ihres Kunststudiums in Teheran engagierte sie sich in der Opposition und demonstrierte gegen das Regime. 2014 musste sie das Land verlassen - eine Rückkehr ist ihr seit 2021 aufgrund ihres kulturellen und politischen Aktivismus nicht erlaubt.

Während für die Opposition im Iran der Feind klar sei, verliere sich die Diaspora in Meinungsverschiedenheiten. Mit Vorsicht beobachtet sie die teils aggressive Unterstützung von Exil-Iranerinnen und -Iranern für die Militärschläge. Eine Freundin habe sogar gesagt, es sei ihr egal, wenn sie oder ihre Familie stürben. Das Wichtigste sei, dass dieses Regime gestürzt werde. "Sie darf diese Meinung haben. Aber man kann so etwas nicht für andere entscheiden", warnt Ghasemi zur Vorsicht. Die Ungeduld der Diaspora helfe den Menschen im Iran nicht, meint sie - ein Demokratisierungsprozess brauche Zeit.

Früher sei die Opposition geeint gewesen, erzählt die Regisseurin. Sie hätten sich gegenseitig unterstützt und vor möglichen Spitzeln der Regierung gewarnt. Seit den "Frau-Leben-Freiheit"-Protesten 2022 und besonders seit den US-israelischen Angriffen habe sich die Opposition aber in zwei große Lager gespalten: Die Monarchisten, die eine Rückkehr zur Monarchie unter Reva Pahlevi, dem Sohn des letzten Schahs, unterstützen, und republikanische Gruppen, die eine säkulare demokratische Republik anstreben.

Monarchisten gut organisiert

Schah-Sohn Reza Pahlavi führt die Monarchisten aus seinem Exil in den USA an. Viele seiner Anhänger leben in der Diaspora. Aber auch im Iran gebe es mittlerweile Rufe nach der Rückkehr des Schahs. Die Monarchisten seien besser organisiert, hätten viel Geld - möglicherweise mit Unterstützung aus den USA und Israel - und stünden dem im Ausland betriebenen Sender Iran International nahe: "Die sind viel lauter als die anderen", so die Regisseurin, und würden außerdem andere Oppositionelle einschüchtern.

Die Monarchisten würden außerdem mehr und mehr versuchen, den regimekritischen Bewegungen und Protesten ihr Messaging aufzuzwingen. Der weithin beliebte Protestruf "Frau-Leben-Freiheit!" solle durch "Lang lebe der Schah!" ersetzt werden. Seither sei sie vorsichtig, auf welche Demos sie gehe, und informiere sich immer im Vorhinein, wer die Organisatoren seien.

Debatte über umstrittene Exilgruppe MEK

Der andere Großteil der Opposition seien Republikaner - eine Ansammlung verschiedenster Gruppierungen, die vor allem die Ablehnung des islamischen Regimes eint und die sich eine Demokratie wünschen: "Darunter sind verschiedene Ethnien, Menschen aus der LGBTQ+-Community, Linke, Nationalisten, und so weiter", sagt Ghasemi. Anders als die Monarchisten hätten die Republikaner nichts gegen eine parlamentarische Vertretung aller Gruppen - auch der Monarchisten.

Eine weitere - umstrittene - Gruppe ist die Organisation der Volksmujaheddin im Iran (MEK). Die Gruppe agiert seit der Islamischen Revolution aus dem Exil und wurde wegen Militäroperationen im Iran-Irak-Krieg zeitweise vom US-Außenministerium als Terrororganisation eingestuft. "Diese Gruppe ist nicht beliebt unter den Oppositionellen", sagt Ghasemi. Aber die Monarchisten würden Kritiker rasch als Teil der MEK darstellen und so weiter einen Keil zwischen die Oppositionellen treiben.

Eine noch relativ unbekannte Gruppierung von etwa 75 politischen und zivilgesellschaftlichen Aktivistinnen und Aktivisten im Iran arbeite außerdem an einer neuen, säkularen und demokratischen Verfassung für den Iran, sagt Ghasemi. Die Namen der Aktivisten seien noch nicht publik gemacht worden, sie sollen aber mit der EU und den USA in Kontakt stehen.

Sie sei hin- und hergerissen, ihre Meinung öffentlich zu sagen, so die Regisseurin. Viele ihrer Freunde seien vorsichtig geworden, auch sie habe Angst - "Aber ich kann nicht anders, ich muss etwas sagen!"

Falschinformation durch Bots

Die meisten Informationen erhält sie von Freunden und Familie im Iran oder aus sozialen Medien. Doch auch hier sei Vorsicht geboten, warnt sie. Ghasemi vermutet, auch die Regierung streue durch Bots oder Fake-Profile Falschinformation und sorge bewusst für Verwirrung. Außerdem sei das Internet eingeschränkt: "Manche meiner Freunde sind nicht mehr online", sagt die Iranerin.

Die Nachricht vom Tod Ayatollah Ali Khameneis habe sie gefeiert wie viele andere Iranerinnen und Iraner: "Das war der beste Tag meines Lebens. Ich habe so viel getanzt", erzählt sie. Doch der Tod des Obersten Führers allein bedeute noch keine Demokratie. Dafür brauche es Unterstützung für die Zivilgesellschaft: "Ein Krieg kann keine Demokratie bringen", so Ghasemi.

(Von Maria Mayböck/APA)

Zusammenfassung
  • Die 38-jährige iranische Regisseurin Parisa Ghasemi lebt in Österreich und sorgt sich angesichts des Krieges zwischen den USA, Israel und dem Iran um ihre Familie in Teheran.
  • Sie beschreibt eine gespaltene Opposition, wobei Monarchisten unter Reza Pahlavi und verschiedene republikanische Gruppen um die Vorherrschaft ringen.
  • Monarchisten sind laut Ghasemi besonders gut organisiert, verfügen über finanzielle Mittel und versuchen, andere Oppositionelle einzuschüchtern und das Protest-Messaging zu bestimmen.
  • Eine neue, noch anonyme Gruppe von etwa 75 Aktivistinnen und Aktivisten arbeitet an einer säkularen, demokratischen Verfassung für den Iran und steht mit der EU und den USA in Kontakt.
  • Ghasemi warnt vor gezielter Desinformation durch Bots und Fake-Profile, betont aber, dass Demokratisierung Zeit brauche und ein Krieg keine Demokratie bringen könne.