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Prominente fordern Freilassung von iranischem Filmstar

18. Dez. 2022 · Lesedauer 5 min

Nach der Festnahme der international bekannten Schauspielerin Taraneh Alidoosti im Iran forderten am Sonntag Prominente und Menschenrechtsaktivisten den Iran auf, die 38-Jährige freizulassen. Sie sei eine der talentiertesten und bekanntesten Schauspielerinnen des Iran, erklärte Cameron Bailey, Chef des Toronto International Film Festivals, im Onlinedienst Twitter. "Ich hoffe, dass sie bald frei ist, um weiter die Stärke des iranischen Kinos zu repräsentieren."

Alidoosti habe "falsche und verzerrte" Informationen verbreitet sowie "zum Chaos angestiftet", meldete die regierungsnahe Nachrichtenagentur Tasnim am Samstag. Sie sei auf Anordnung der Justizbehörde festgenommen worden, da sie "keine Dokumentation für einige ihrer Behauptungen" über die Proteste vorgelegt habe, berichtete "Misan Online", die offizielle Internetseite der Justizbehörde, am Samstag.

Neben Alidoosti seien auch andere "Berühmtheiten" wegen "haltloser Behauptungen über die jüngsten Ereignisse und der Publikation provokativen Materials zur Unterstützung der Unruhen auf den Straßen" verhört oder festgenommen worden, hieß es auf dem Portal.

Alidoosti hatte sich in den Onlinenetzwerken wiederholt zu der Protestbewegung bekannt, die durch den Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini im September im Gewahrsam der Sittenpolizei ausgelöst wurde. Vergangenes Monat veröffentlichte sie auf ihrer Instagram-Seite ein Foto von sich ohne das im Iran obligatorische Kopftuch, wofür sie zwar im In- und Ausland gelobt wurde, aber ihre Karriere aufs Spiel setzte. Auch hatte sie zuletzt die Hinrichtung des jungen Demonstranten Mohsen Schekari angeprangert.

"Jede internationale Organisation, die diesem Blutbad zuschaut und nicht reagiert, ist eine Schande für die Menschheit", schrieb die Schauspielerin auf Instagram zu der Hinrichtung. Am Sonntag war ihr Profil mit mehr als acht Millionen Followern auf der Plattform nicht mehr zugänglich.

Ihren Kollegen zufolge waren am Samstagnachmittag Unbekannte in Alidoostis Haus eingedrungen, haben Laptop und andere Dokumente beschlagnahmt und die Schauspielerin vor den Augen ihrer Tochter verhaftet. Seitdem versucht ihr Vater, Ex-Fußballnationalspieler Hamid Alidoosti, herauszufinden, welche Behörde den Haftbefehl ausstellte, wer genau sie festnahm und wo sie inhaftiert ist. Am Sonntag hieß es in Online-Berichten, sie sei im berüchtigten Ewin-Gefängnis im Norden Teherans.

Alidoostis Kollegen drückten Verwunderung darüber aus, wie das System mit der berühmtesten Schauspielerin des Landes dermaßen rabiat umgehen könne, wie es am Sonntag aus Künstlerkreisen verlautete. Mit Alidoostis Verhaftung kam es zu einer Solidaritätswelle im In- und Ausland. Online-Berichten zufolge haben iranische Künstler im Exil zahlreiche Veranstalter von internationalen Filmfestivals aufgefordert, die Verhaftung zu verurteilen.

Die iranische Filmelite im Inland sowie Kino-Fans planen offenbar das bevorstehende Fajr-Filmfestival in Teheran zu boykottieren. Kultusminister Mohammed-Mehdi Esmaeili erklärte zuletzt noch, dass das Festival ungeachtet der Unruhen wie geplant im Februar und am 43. Jahrestag der islamischen Revolution stattfinden werde.

Die britische Schauspielerin mit iranischen Wurzeln, Nazanin Boniadi, äußerte in Online-Netzwerken ebenfalls ihre Unterstützung für Alidoosti. Diese sei festgenommen worden, weil sie "in Solidarität mit den Demonstranten ein Foto von sich ohne den verpflichtenden Hidschab veröffentlicht hat".

Frauen im Iran würden festgenommen und inhaftiert, weil sie sich weigerten, den "Zwangs-Hidschab" zu tragen, erklärte die in New York ansässige Menschenrechtsorganisation Center for Human Rights in Iran (CHRI). Darunter sei auch die Schauspielerin Alidoosti. "Die Macht der Frauenstimmen erschreckt die Machthaber der islamischen Republik", hieß es weiter.

Zu den bekanntesten Filmen von Alidoosti gehören unter anderem die Dramen "The Salesman" sowie "Alles über Elly", beide unter der Regie des zweifachen Oscar-Gewinners Asghar Farhadi. In diesem Jahr feierte sie bei den Filmfestspielen in Cannes die Premiere ihres neuesten Films "Leila's Brothers". Die öffentliche Vorführung des Films in den iranischen Kinos wurde vom Kultusministerium verboten.

Gleichzeitig drohte der Iran am Wochenende mit einer dauerhaften Sperre der im Land sehr beliebten Apps Whatsapp und Instagram. Der US-amerikanische Internetkonzern Meta habe bisher nicht auf das Schreiben iranischer Behörden von Anfang Dezember geantwortet, in dem sie den Konzern aufforderten, eine Vertretung im Land zu eröffnen und seine Richtlinien denen der islamischen Republik anzupassen. "Falls Meta auf unser Schreiben nicht antwortet, könnte dies der Prolog für eine permanente Sperre sein", sagte Cyberzentrum-Chef Abolhassan Firusabadi in einem Zeitungsinterview am Samstag.

Systemkritiker sehen die massiven Internet-Einschränkungen und die Sperre der Apps als Versuch, die Verbreitung von Informationen, Bildern und Videos über die landesweiten Proteste zu verhindern. Auslöser der Demonstrationen war der Tod der iranischen Kurdin Mahsa Amini. Sie starb am 16. September im Polizeigewahrsam, nachdem sie von der Sittenpolizei wegen Verstoßes gegen die islamischen Kleidungsvorschriften festgenommen worden war.

Bereits vor Beginn der aktuellen Protestwelle waren in diesem Jahr mehrere prominente Vertreter der iranischen Filmbranche festgenommen werden, darunter die international preisgekrönten Regisseure Mohammed Rasulof und Jafar Panahi, die sich weiterhin hinter Gittern befinden.

Bei den seit September im Iran andauernden Protesten wurden nach iranischen Angaben mehr als 200 Menschen getötet. Internationale Menschenrechtsorganisationen gehen von mehr als 450 Toten aus. Tausende Menschen wurden festgenommen.

Die Demonstrationen richten sich unter anderem gegen die rigorosen Bekleidungsvorschriften für Frauen. Der nach ihrer Festnahme verstorbenen Amini war vorgeworfen worden, die Regeln für das Tragen des Kopftuchs missachtet zu haben.

Quelle: Agenturen