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Nordirland gedenkt des "Bloody Sunday" vor 50 Jahren

Vor 50 Jahren eröffneten britische Soldaten eines Fallschirmjägerbataillons das Feuer auf unbewaffnete Demonstranten eines katholischen Bürgerrechtsmarsches im nordirischen Derry, 13 Menschen starben. Der Tag ging als "Bloody Sunday" in die Geschichte ein und wirkt bis heute nach.

Hunderte, darunter auch Angehörige der Opfer, folgten am Sonntagvormittag schweigend den Spuren des damaligen Marsches. Kinder mit weißen Rosen und Porträts der Opfer schlossen sich der Prozession in der Stadt Derry, die von den Protestanten Londonderry genannt wird, an. Bei einer Zeremonie am Denkmal für die Opfer wurde nach Verlesung von deren Namen und der Niederlegung von Kränzen eine Schweigeminute eingelegt.

Auch Irlands Regierungschef Micheal Martin war bei Zeremonie dabei - es war das erste Mal, dass ein irischer Ministerpräsident daran teilnahm. Zusammen mit seinem Außenminister Simon Coveney legte Martin einen Kranz nieder.

Der "Bloody Sunday" hatte viele junge Katholiken in die Arme der paramilitärischen Irisch-Republikanische Armee (IRA) getrieben, die mit Waffengewalt für eine Vereinigung Nordirlands mit Irland kämpfte. In dem drei Jahrzehnte andauernden Konflikt wurden mehr als 3.500 Menschen getötet. Er endete erst mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 weitgehend.

40 Jahre, bis Briten Schuld eingestanden

Es dauerte fast 40 Jahre, bis die britische Regierung im Jahr 2010 eingestand, dass die Soldaten das Feuer auf die Menge eröffnet hatten und nicht umgekehrt - und dass die Demonstranten unbewaffnet waren. Die Untersuchungen dauerten zwölf Jahre und kosteten fast 200 Millionen Pfund (aktuell 240,45 Mio. Euro).

Nach Veröffentlichung des Untersuchungsberichts entschuldigte sich der damalige britische Premierminister David Cameron offiziell für diese "ungerechtfertigten und nicht zu rechtfertigenden" Taten. Sein Nachfolger Boris Johnson sprach am vergangenen Mittwoch von einem der "schwärzesten Tage" im Nordirland-Konflikt und einem "tragischen Tag in unserer Geschichte". Gleichzeitig aber ist seine Regierung für einen Gesetzesentwurf verantwortlich, der nach Ansicht von Kritikern auf eine Amnestie für alles Blutvergießen im Nordirland-Konflikt hinausläuft - auch durch die britischen Sicherheitskräfte.

Keine Schuldsprüche

Bisher wurde noch kein Soldat für die tödlichen Schüsse am "Blutigen Sonntag" verurteilt. Zwar wurde 2019 Mordanklage gegen einen von ihnen erhoben, doch wurde sie aus rechtlichen Gründen wieder fallengelassen. Für den Historiker und Derry-Stadtführer George Ryan ist die Aussicht, dass Soldaten für den "Bloody Sunday" vor Gericht gestellt werden, "unwahrscheinlicher als je zuvor".

Auch der ehemalige Richter Mark Saville, der die umfassende Untersuchung zum "Bloody Sunday" geleitet hatte, sagte am Samstag im BBC-Radio, er könne das Gefühl vieler Menschen verstehen, "dass der Gerechtigkeit noch nicht Genüge getan wurde". Unter Anspielung auf das inzwischen hohe Alter der damaligen Soldaten sagte er, Strafverfolgungen hätten schon "vor langer Zeit" eingeleitet werden müssen.

Wie gespalten Nordirland immer noch ist, zeigte sich, als protestantische Hardliner vor einigen Tagen im vorwiegend katholischen Derry Flaggen des britischen Fallschirmjägerregiments gehisst hatten. Katholische Nationalisten zeigten sich entsetzt, auch im Londoner Parlament wurde über den Vorfall gesprochen.

Am Eingang zum Bezirk Bogside steht normalerweise in großer Schrift auf einer Wand: "Sie betreten jetzt das Freie Derry." An diesem Wochenende war stattdessen aber zu lesen: "Es gibt keine britische Justiz."

ribbon Zusammenfassung
  • 50 Jahre nach dem "Bloody Sunday" hat Nordirland am Sonntag eines der schlimmsten Kapitel im jahrzehntelangen Konflikt in der britischen Provinz gedacht.
  • Am 30. Jänner 1972 hatten Soldaten eines britischen Fallschirmjägerbataillons auf Teilnehmer eines katholischen Bürgerrechtsmarsches in Derry geschossen, 13 Menschen wurden getötet.
  • Hunderte, darunter auch Angehörige der Opfer, folgten am Vormittag schweigend den Spuren des damaligen Marsches.