Neuordnung der Parteienlandschaft in Griechenland
Beim Zugsunglück von Tempi war am 28. Februar 2023 ein Passagierzug, in dem vor allem junge Leute, die meisten Studentinnen und Studenten unterwegs waren, mit einem Güterzug in der Nähe der Tempi-Schlucht im Zentrum des Landes zusammengestoßen. 57 Menschen kamen ums Leben, zahlreiche weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Die juristische Untersuchung des Unglücks verlief äußerst schleppend, Teile der Zivilgesellschaft warfen der konservativen Regierung von Mitsotakis vor, die Ursachen des Zugunglücks vertuschen zu wollen. Im März 2025 kam es zu einem Misstrauensvotum gegen die Regierung, das sie vor allem mit Stimmen aus dem eigenen Lager knapp überstand. Zudem gab es mehrere Massenprotestkundgebungen.
Untersuchungsberichte hatten den maroden Zustand des Schienennetzes angeprangert und schwere Mängel bei der Untersuchung des Unglücks aufgezeigt. Unter anderem sei der Unfallort nicht ordnungsgemäß kartiert worden, auch habe es kaum Koordination der Einsätze von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei gegeben. Die Familien der Opfer vermuten zudem, dass ein nicht deklarierter, brennbarer Gefahrstoff im Güterzug transportiert worden sei. Der Stoff habe beim Zusammenstoß der Züge zu einer schweren Explosion geführt, die noch mehr Todesfälle verursacht hätte als der Unfall an sich. Bisher gibt es jedoch keine offizielle Bestätigung für diese Annahme.
Dennoch etablierte sich die Kinderärztin Maria Karystianou, die bei dem Unglück ihre 19-jährige Tochter verloren hatte, als eine populäre Vertreterin der Angehörigen der Todesopfer. Sie wurde von den Hinterbliebenen zur Vorsitzenden der Vereinigung der Unfallopfer gewählt und erlangte durch die damit verbundenen Auftritte in der Öffentlichkeit eine große Bekanntheit. Mit ihren öffentlichen Interventionen brachte sie das gesellschaftliche Anliegen nach Gerechtigkeit, Transparenz und politischer Verantwortung nachhaltig in den politischen Diskurs ein und verlieh ihm eine starke moralische und symbolische Dimension.
In einem Interview erklärte die Politikerin in spe laut der deutschsprachigen "Griechenland-Zeitung", dass sie mit ihrer Initiative den Rahmen des herrschenden politischen Systems sprengen und das "Unterste zuoberst kehren" wolle. Sie wende sich an all jene Wählerinnen und Wähler, die Korruption, Interessenverflechtungen, unerfüllte Hoffnungen und die Unterhöhlung des Lebensniveaus in der siebenjährigen Regierungszeit von Premierminister Mitsotakis ablehnen würden. Insgesamt hätten sie und ihre Anhänger offene Rechnungen mit dem politischen System zu begleichen.
Auch Tsipras und Samaras drängen in die Politik zurück
Karystianous neue Partei dürfte laut Medienberichten im linken Spektrum angesiedelt sein, in dem auch der frühere Regierungschef Tsipras seine Rückkehr in die Spitzenpolitik forcieren will. Zuletzt sorgte er etwa mit der Veröffentlichung eines Buchs mit dem Titel "Ithaka" für Schlagzeilen. In dem fast 800 Seiten dicken Wälzer schildert der ehemalige Chef der linkspopulistischen SYRIZA-Partei seine Sicht der turbulenten Regierungszeit während der Finanz- und Wirtschaftskrise vor rund zehn Jahren.
Eine Zusammenarbeit mit Tsipras, der SYRIZA mittlerweile verlassen hat, schließt Karystianou aber der "Griechenland-Zeitung" zufolge aus. Tsipras habe in seiner Regierungszeit "das schlimmste Memorandum" (Sparprogramm) unterzeichnet und damit die in ihn gesetzten Hoffnungen vieler zerstört, erklärte sie.
Im rechten politischen Raum plant demnach mit Antonis Samaras ein weiterer Ex-Regierungschef (2012-2015) eine neue politische Bewegung. Samaras war in den Jahren 2009 bis 2015 auch Vorsitzender der Regierungspartei Nea Dimokratia (ND). Jetzt dürfte er versuchen, der ND selbst, aber auch rechtspopulistischen Parteien wie NIKI (Sieg) oder Elliniki Lysi (Griechische Lösung)Wähler abspenstig zu machen.
Zusammenfassung
- Maria Karystianou, Mutter eines Tempi-Opfers, kündigte die Gründung einer neuen Partei an und erreicht laut Umfragen eine Popularität von 33 Prozent, deutlich vor Premier Mitsotakis mit 26 Prozent.
- Das Zugunglück von Tempi am 28. Februar 2023 forderte 57 Todesopfer, führte zu massiven Protesten, einem Misstrauensvotum gegen die Regierung im März 2025 und Vorwürfen der Vertuschung gegen Premier Mitsotakis.
- Neben Karystianou drängen auch die Ex-Regierungschefs Alexis Tsipras (links) und Antonis Samaras (rechts) mit neuen politischen Bewegungen zurück in die Politik, wobei Karystianou eine Zusammenarbeit mit Tsipras ausschließt.
