Natascha Kampusch: "Ich habe mich selbst befreit"

30. Nov. 2022 · Lesedauer 3 min

Natascha Kampusch war über acht Jahre in einem Kellerverlies eingesperrt. Im Gespräch mit Corinna Milborn erklärt sie, wie sie es geschafft hat, trotzdem Stärke zu bewahren.

Es sei ihr Selbstbewusstsein gewesen, dass ihr die Kraft gegeben habe, sich eigenständig von ihrem Entführer zu befreien, betont Natascha Kampusch bei "Milborn": "Ich war immer schon ein starker Mensch, ich habe immer schon gewusst, was ich wollte." Während ihrer Entführung habe sie es darum geschafft, bei sich zu bleiben und nicht jeder Forderung des Täters nachzugehen.

Täter versuchen, Frauen Selbstwert zu nehmen

"Viele Frauen in häuslichen Gewalt-Beziehungen sind nicht mit einem großen Selbstwert ausgestattet", erklärt die Journalistin und Autorin Yvonne Widler. Sie hat kürzlich das Buch "Heimat bist du toter Töchter" zum Thema Femizide in Österreich veröffentlicht.

Das liege unter anderem daran, dass sich betroffene Frauen häufig in "fortgesetzten Gewaltbeziehungen" befänden. "Sowohl Opfer als auch Täter kommen oft aus Gewaltbeziehungen", so Widler. Dieser Kreislauf sei nur sehr schwer zu durchbrechen. Täter würden dabei zusätzlich oft sehr "manipulierend" vorgehen - bis zu dem Punkt, an dem Frauen glauben würden, die Gewalt vielleicht sogar verdient zu haben. Im Schnitt brauchen Frauen acht Versuche, um sich aus dieser Gewaltspirale lösen zu können.

Oft würden Täter auch damit drohen, sich selbst, die Kinder oder ihre Partnerin umzubringen. Die Furcht vor dieser Drohung sei "gerechtfertigt", wenn man die Statistiken zum Thema Männergewalt an Frauen beobachte, erklärt Widler. Allein von 2010 bis 2020 habe es 319 ermordete Frauen und 458 Mordversuche an Frauen gegeben.

Auch Kampusch-Täter drohte ihr

Die Suizid-Drohung ist auch Natascha Kampusch bekannt. "Der Täter hat sich als Folge meiner Selbstbefreiung ermordet", erklärt sie. Er habe ihr außerdem bereits zuvor mit Suizid oder der Ermordung von Personen aus Kampuschs Umfeld gedroht.

Für Kampusch war nicht nur die Zeit ihrer Einführung traumatisch - sondern insbesondere auch die mediale Berichterstattung danach. "Es gibt da nichts zu verharmlosen, es war so", erklärt sie in Anspielung auf die journalistische Auseinandersetzung mit ihrem Fall. Dabei sei ihr vor allem online viel Hass entgegengeschlagen und ihre Geschichte wurde prominent in Frage gestellt.

"Zweite Viktimisierung" 

Widler nennt das eine "völlig absurde zweite Viktimiserung", die auch häufig bei Opfern von häuslicher Gewalt auftrete. Frauen würden stetig dafür kritisiert werden, "nicht das perfekte Opfer zu sein". Bei keinem anderen Thema gebe es eine so starke Beweislast auf Seiten der Betroffenen.

Natascha Kampusch hat jahrelang Gesprächstherapie gemacht, um sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. "Ich wusste von Anfang an, dass das der richtige Weg ist", betont sie. "Das hat mir viel gebracht." 

Sind Sie in einer Krisensituation? Hier finden Sie Hilfe:

Von Gewalt betroffenen Frauen steht zu jeder Tages- und Nachtzeit die Telefonnummer 0800 222 555 mit Expertinnen zur Seite. Eine Online-Beratung ist - parallel zur telefonischen Beratung - täglich in der Zeit von 15.00 bis 22.00 Uhr unter www.haltdergewalt.at erreichbar. Weitere Informationen unter www.frauenhelpline.at

Nummer Polizei: 133 oder 112 (Euronotruf)
SMS Polizei: 0800 | 133 133 (auch Notruf für Gehörlose)
Frauenhelpline: 0800 | 222 555

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Magdalena BergerQuelle: Redaktion / mbe