Olympia 2022: Pekinger Wahnsinn abseits von Gold, Silber und Bronze

16. Feb. 2022 · Lesedauer 7 min

Sportlich zählen die Olympischen Spiele in Peking zu den erfolgreichsten der österreichischen Geschichte. Schlechte Quarantäne-Bedingungen, grenzwertige Wettkämpfe und politische Nebengeräusche werfen jedoch einen Schatten auf das Großereignis.

17 Medaillen hat das österreichische Olympia-Team in Peking bereits geholt. In der ewigen Bestenliste rangiert Olympia 2022 damit jetzt schon auf Platz drei – lediglich die Spiele von Turin (2006, 23 Medaillen) und Albertville (1992, 21) waren noch erfolgreicher. Aus sportlicher Sicht wird die Olympiade in der chinesischen Hauptstadt positiv in Erinnerung bleiben. Abseits davon gibt es jedoch eine negative Schlagzeile nach der anderen.

Quarantäne-Hotels bringen AthletInnen ans Limit 

Die ersten Nebengeräusche wurden bereits Wochen vor dem Großereignis laut. Der Fall um die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai warf wochenlang einen Schatten auf die 24. Olympischen Winterspiele. Mit der Eröffnungsfeier am 4. Februar richteten sich die Scheinwerfer schließlich noch mehr auf Peking und brachten weitere Aufreger hervor.

Da wären zum einen die mangelhaften Standards in den Quarantänehotels, die zahlreiche SportlerInnen ans Limit brachten und bringen. Unter anderem hatte der deutsche Teamarzt Stefan Pecher die Bedingungen als "sehr schlecht" bezeichnet: "Als ich die ersten Videos bekommen habe, war ich ein bisschen erstaunt", meinte er in Bezug auf die Unterkunft des dreifachen Olympiasiegers in der Nordischen Kombination, Eric Frenzel. Diesen habe Pecher "mental noch nie in so einer Situation gesehen."

Der Leiter der sportlichen Delegation der Deutschen, Dirk Schimmelpfenning, ging sogar noch einen Schritt weiter. Für ihn sei das Isolationszimmer, in dem sich Frenzel zunächst befand, "unzumutbar" gewesen. Zwar soll sich Frenzels Situation nach einer eingereichten Beschwerde verbessert haben, doch der Kombinierer ist bei weitem nicht der einzige Athlet, der sich beklagte.

Die Standards in den Quarantäne-Hotels lassen laut einigen SportlerInnen zu wünschen übrig. 

Die polnische Eisschnellläuferin Natalia Maliszewska hatte in einer Quarantänestation in Peking mit Angstzuständen zu kämpfen: "Ich weine, bis ich keine Tränen mehr habe und mache nicht nur den Menschen um mich herum Sorgen, sondern auch mir selbst", sagte sie. Maliszewska berichtete, sie sei um 3:00 Uhr in der Früh aus ihrem Zimmer abgeholt worden, um ohne Erklärung zurück ins olympische Dorf entlassen zu werden. Wenig später kam die Nachricht, dass man sich leider geirrt habe und sie zurück ins Quarantänehotel müsse.

Im Fall des finnischen Eishockeyspielers Marko Anttila vermutet der finnische Cheftrainer, Jukka Jalonen, gar "dass China aus irgendeinem Grund sein Menschenrecht nicht respektiert." Laut dem finnischem Teamarzt war Anttila bereits vor einer Woche nicht mehr infektiös, musste aber dennoch in Quarantäne bleiben: "Diese Isolationsentscheidungen basieren nicht auf Medizin oder Wissenschaft, es sind eher kulturelle und politische Entscheidungen.", so Teamarzt Maarit Valtonen.

Payer über Schöffmann-Quarantäne: "Deportationscharakter"

Alexander Payer übt scharfe Kriitk an der Art und Weise, wie seine Freundin, Sabine Schöffmann, ins Quarantäne-Hotel gebracht wurde. 

Bekanntschaft mit den strengen Quarantäne-Regelungen in China machte mit Sabine Schöffmann auch eine Österreicherin. Die Snowboarderin musste nicht nur ihre Medaillen-Träume begraben, sondern konnte nicht einmal mit ihren Teamkolleginnen die Heimreise antreten.

Erst vergangenen Sonntag beendete Schöffmann – mit dem dafür notwendigen zweiten negativen Corona-Test – ihre sechstägige Quarantäne. Am Montag durfte sie schlussendlich die Heimreise antreten. Über negative Erfahrungen klagt sie zwar nicht, die Zeit sei jedoch – vor allem gegen Ende – "nervenaufreibend" gewesen.

Ihr Freund Alexander Payer, ebenfalls Olympia-Teilnehmer im Snowboard, hingegen wählt deutlichere Worte. Der 32-Jährige war dabei als Schöffmann aus dem Hotel im olympischen Dorf abgeholt wurde und machte seinem Ärger in einer Instagram-Story Luft: "Das hatte fast schon Deportationscharakter. Dass das vom IOC toleriert wird, finde ich sehr schade", sagt er und fügt an: "Es ist keine Wut im Bauch. Es ist Traurigkeit, wie heutzutage mit Sportlern umgegangen wird. Das hat weder ein Betreuer noch ein Athlet oder sonst wer hier verdient." Aussagen, die man in dieser Deutlichkeit sonst noch von niemandem beim ÖOC gehört hat.

"Nüsse, Chips, Schokolade": Verpflegung mangelhaft  

Für Wirbel sorgte außerdem ein Bild, das die Biathletin Waleria Wasnezowa auf ihrem mittlerweile privaten Instagram-Account teilte. Die Russin veröffentlichte folgende Aufnahme (siehe Tweet) mit dem Kommentar, dass "dasselbe Essen bereits fünf Tage in Folge zum Frühstück, Mittag- und Abendessen serviert wurde."

Für jene Aussage erntete Wasnezowa jedoch auch Kritik aus ihrer Heimat: "Für solche Beschwerden würde ich Wasnezowa die Zunge abschneiden. Bei Olympia 1980 lebten wir in Amerika wie in einem Gefängnis, und niemand hat sich beschwert", meint der ehemalige sowjetische Biathlet Alexander Tichonow.

Die Verpflegung bei den Olympischen Spielen ist auch abseits der Quarantänehotels Thema. Der Trainer des deutschen Skiverbandes, Christian Schwaiger, bezeichnete jene als äußert fragwürdig: "Ich hätte erwartet, dass das Olympische Komitee in der Lage ist, warme Mahlzeiten anzubieten. Es gibt Chips, ein paar Nüsse und Schokolade und sonst nichts." Das schwedische Biathlon-Team klagte zudem über mangelnde Standards bei den Sanitäreinrichtungen.

Wettkämpfe unter extremen Bedingungen

Des Weiteren sorgten einige der bisher 78 ausgetragenen Wettkämpfe für Gesprächsstoff. Da wäre unter anderem der Langlauf-Skiathlon bei minus 13 Grad und starkem Wind, bei dem die Schwedin Frida Karlsson beinahe zusammenbrach. Die Biathlon-Bewerbe unter teils extremen Bedingungen, die den norwegische Superstar Tarej Bö zu der Aussage verleiteten, dass "dieser Ort nicht für Biathlon gemacht ist." Oder auch der Riesentorlauf der Alpinen, dessen Durchführung für ÖSV-Ass Manuel Feller "komplett verantwortungslos" war.

Manuel Feller nahm sich nach seinem Ausfall im Riesentorlauf kein Blatt vor den Mund 

Die Vergabe an Peking, einen Ort, der wohl kaum als Wintersport-Mekka bezeichnet werden kann, sorgte bereits im Vorfeld für Gesprächsstoff. Naturschnee gibt es in der Region kaum, während der Spiele hat es zum ersten Mal seit Jahren geschneit. Knapp zwei Milliarden Liter Wasser sollen verbraucht worden sein, um ausreichend Kunstschnee zu produzieren – trotz Mangel an Trinkwasser.

Blick auf das National Alpine Ski Centre in Yanqing

Uigurische Fackelläuferin: "Chinas Mittelfinger"   

Zu guter Letzt wäre da noch die angespannte Situation für JournalistInnen, die sich bereist im Vorfeld des Events abzeichnete. Als Sicherheitskräfte den niederländischen Journalisten Sjoerd den Daas vor laufenden Kameras aus einem angeblich sensiblen Bereich im Umfeld des "Vogelnest"-Stadions drängten, gingen Bilder um die Welt.

Tatsächlich berichteten selbst Insider von einem eher harmlosen Vorfall. Tamara Anthony, die Leiterin des ARD-Studios Peking warnt dennoch: "Wenn die chinesische Führung es will, ist sie immer und überall zur Totalüberwachung in der Lage." China liegt im Pressefreiheit-Ranking von "Reporter ohne Grenzen" auf Platz 177 von 180.

Eine klare Botschaft sendete die chinesische Regierung um Präsident Xi Jinping bei der Eröffnungsfeier, als die uigurische Langläuferin Dinigeer Yilamujiang das olympische Feuer entzündete. China steht seit geraumer Zeit für seinen Umgang mit der muslimischen Minderheit im Land massiv in der Kritik.

Hunderttausende Uiguren sind Menschenrechtlern zufolge willkürlich in Umerziehungslager gesteckt worden, die chinesische Verantwortliche als "Fortbildungseinrichtungen" beschrieben haben. Es gibt Berichte über Folter, Misshandlungen und ideologische Indoktrinierung in den Lagern. "China zeigt dem Rest der Welt den Mittelfinger", meinte die Expertin Yaqiu Wang von Human Rights Watch zur Auswahl von Dinigeer Yilamujiang als Fackelläuferin.

Proteste wie dieser führen dazu, dass die Spiele unter einem fahlen Beigeschmack stattfinden. 

IOC schweigt, Milliarden-Gewinne erwartet  

Trotz alle dieser Faktoren blieb in den vergangenen Wochen der ganz große Aufschrei aus. Kritik von Top-Sportlern und Funktionären gab es maximal vereinzelt. Der ÖOC rückt meist die sportlichen Highlights in den Vordergrund und der IOC steht – wie bereits im Vorfeld – zu den Veranstaltern.

Allzu sehr wundern sollte man sich darüber jedoch nicht. Der finanzielle Profit, den das olympische Komitee aus olympischen Spielen schlägt, ist immens. Seit den Spielen im japanischen Nagano 1998 bis zur Olympiade im südkoreanischen Pyeongchang 2018 haben sich die Einnahmen von 0,59 Milliarden auf 1,58 Milliarden Dollar praktisch verdreifacht. Auch heuer wird man wieder Einnahmen in Milliarden-Höhe, die sich vor allem aus den lukrativen TV-Verträgen ergeben, verzeichnen. Frei nach dem olympischen Motto: "Schneller, höher, weiter". Allerdings zu Lasten der ProtagonistInnen, der Region und der Umwelt.

Maximilian PatakQuelle: Redaktion