Namibia überholt Österreich bei Pressefreiheit - und das ist kein Zufall

03. Mai 2022 · Lesedauer 4 min

Österreich ist im weltweiten Pressefreiheit-Ranking weiter deutlich abgerutscht, und zwar um ganze 14 Plätze auf Rang 31. Im gleichen Zeitraum hat sich das südafrikanische Land Namibia auf Platz 18 verbessert. Das ist kein Zufall und hängt sogar mit dem Tag der Pressefreiheit zusammen.

Österreich ist in der weltweiten Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen weiter abgerutscht. Den Platz in der Spitzengruppe hat Österreich bereits 2019 mit Aufkommen der Ibiza-Affäre verloren. Nun ist Österreich weiter deutlich abgerutscht, und zwar gleich um 14 Plätze von Rang 17 auf 31. Im gleichen Zeitraum hat sich das südafrikanische Land Namibia um sechs Ränge verbessert und liegt weltweit nun in etwa dort, wo Österreich noch vergangenes Jahr rangierte: auf Platz 18.

Namibia gilt seit Jahrzehnten als afrikanisches Musterland, was die Pressefreiheit betrifft. Das Land hat nicht nur eine freie, sondern auch eine sehr pluralistische und mehrsprachige Medienlandschaft. Die Ursachen für die Pressefreihiet in Namibia liegen auch in der jungen Geschichte des Landes. Namibia war bis zum Ersten Weltkrieg eine deutsche Kolonie mit dem Namen Deutsch-Südwestafrika. Aus dieser Zeit stammt auch die älteste Tageszeitung des Landes, die gleichzeitig die einzige deutsche Tageszeitung Afrikas ist: die "Allgemeine Zeitung".

Während des Ersten Weltkriegs wurde Namibia von Südafrika besetzt. Diese Besatzung dauerte bis zur Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1990. In den 1940er Jahren begann Südafrika, seine rassistische Apartheidspolitik auch in Südwestafrika (wie Namibia damals hieß) anzuwenden.

Eine regierungskritische Tradition

Eingie der größten namibischen Medien sind stark mit dem Widerstand gegen die südafrikanische Apartheidspolitik und dem Unabhängigkeitskampf verbunden. Die größte Tageszeitung des Landes, der großteils englischsprachige "The Namibian", wurde 1985 von der gebürtigen Südafrikanerin Gwen Lister gegründet. Die Journalistin und Anti-Apartheids-Aktivistin gründete im Jahr 1978 mit einem weiteren Journalisten bereits die älteste Wochenzeitung des Landes, den "Windhoek Observer". Der "Windhoek Observer" wurde von der südafrikanischen Regierung 1984 kurzzeitig verboten. Nachdem die Geschäftsführung sie degradierte, kündigte Lister und gründete den "Namibian".

Sowohl der "Namibian" als auch der "Windhoek Observer" zeichneten sich durch eine sehr regierungskritische Linie aus und prangerten regelmäßig Menschenrechtsverletzungen durch das Apartheid-Regime an. Die Redaktionsräumlichkeiten des "Namibian" wurden mehrmals Ziel von Anschlägen durch rassistische Gruppen.

Die regierungskritische Linie setzte die Zeitung auch nach Erlangen der Unabhängigkeit Namibias fort. Auch die seither demokratische Regierung versuchte das unliebsame Medium im Jahr 2000 durch Boykotts mundtot zu machen. Gwen Lister verabschiedete sich 2011 als Chefredakteurin und ist seither Vorsitzende der Privatstiftung in deren Besitz der "Namibian" ist.

Pluralistische und mehrsprachige Medienlandschaft

Das zweite große Medienunternehmen im Land, die Namibia Media Holding, gibt nicht nur die deutschsprachige "Allgemeine Zeitung" heraus, sondern auch die Tageszeitung "Republikein" in der Sprache Afrikaans sowie die englischsprachige Boulevard-Wochenzeitung "The Namibia Sun". Die vierte Tageszeitung Namibias ist die weitgehend englischsprachige staatliche Zeitung "New Era". "New Era" und "Namibian" haben auch Berichte in indigenen Sprachen. Englisch ist die einzige offizielle Amtssprache, die am weitesten verständliche Sprache ist Afrikaans. Die am häufigsten gesprochene Muttersprache ist aber Oshiwambo, die Sprache der größten ethnischen Gruppe der Ovambo.

Namibia ist sehr dünn besiedelt. Auf eine Landesfläche von rund 825.000 Quadratkilometer (fast zehnmal so groß wie Österreich) kommt eine Bevölkerung von nur rund 2,5 Millionen Menschen. Was die plurale Medienlandschaft aber begünstigt ist der hohe Alphabetisierungsgrad. Rund 91 Prozent der Über-15-Jährigen können lesen und schreiben. Das sorgt für eine große potentielle Leserschaft, besonders online.

Historische Verbindung zum Tag der Pressefreiheit

Mit der Staatswerdung Namibias 1991 wurde die Pressefreiheit in die Verfassung geschrieben. Ende April desselben Jahres fand in der Hauptstadt Windhoek eine Tagung der UNESCO zur Pressefreiheit statt. An deren Ende, am 3. Mai 1991, verabschiedeten die Teilnehmer die "Deklaration von Windhoek". Diese Erklärung bezeichnet die "Schaffung einer unabhängigen, pluralistischen und freien Presse" als "Eckstein für Demokratie und wirtschaftliche Entwicklung". Zwei Jahre später, erklärte die UN-Generalversammlung deshalb den 3. Mai zum internationalen Tag der Pressefreiheit.

Lister freute sich übrigens auf Twitter über das gute Abschneiden Namibias im aktuellen Ranking zur Pressefreiheit. Erstmals sind damit zwei afrikanische Länder (das andere sind die Seychellen auf Platz 13) unter den Top 20.

Lister beklagt allerdings, dass Namibia in Sachen Pressefreiheit wohl weiterhin an der Spitze der afrikanischen Länder stünde, wenn nur die Regierung endlich ein Gesetz zur Informationsfreiheit verabschieden würde.

Stephan HoferQuelle: Redaktion / hos