Müller über die "Täter-Opfer-Umkehr" im russischen Narrativ

28. März 2022 · Lesedauer 3 min

Im Newsroom LIVE Spezial bei PULS 24 Anchorman Thomas Mohr spricht Wolfgang Müller, Professor für russische Geschichte an der Universität Wien, über das Narrativ Russlands im Krieg in der Ukraine. Eine etwaige Teilung des Landes wäre für ihn nur mit "massiver Vertreibung der Bevölkerung" möglich.

Angesprochen auf das PULS 24 Interview mit dem stellvertretenden russischen Botschafter bei den Vereinten Nationen und seinen kontroversen und falschen Aussagen, meint Müller, dass man hier ein "gewisses Narrativ" im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine sehen könne, auf welches die russische Politik für ihre eigene Bevölkerung setze. Man bleibe auch deswegen bei Aussagen und Bezeichnungen, wie jene einer "Militäroperation", die einen angeblich schon vor acht Jahren im ukrainischen Donbass begonnen Krieg beenden soll.

"Es soll der Bevölkerung gezeigt werden, dass alles unter Kontrolle ist", so der Universitätsprofessor. So würde man signalisieren, dass "mit militärischen Mitteln" ein "bestimmtes und begrenztes politisches Ziel" in der Ukraine verfolgt wird und dass diese "sogenannte Militäroperation" auch erfolgreich läuft, erklärt Müller.

Taktische Änderungen 

Für den Historiker sei es hierbei egal, dass diese Operation länger dauert als eigentlich geplant. "Militäroperationen haben ja die Angewohnheit, dass sie länger dauern, als das eigentlich geplant ist", so der Professor für russische Geschichte. Man kann vonseiten Russlands zwar keinerlei "Änderungen in der Kommunikation feststellen", bei der militärischen und taktischen Strategie könne man Abweichungen allerdings "bereits diagnostizieren".

Müller merkt hier an, dass die großen Militärfahrzeuge Russlands bereits durch "mobilere Gefährte" ausgetauscht worden seien und man auch die "Angriffe auf Wohngebiete und weitere zivile Infrastruktur" verstärkt hätte.

Zweifel an Langfristigkeit 

In der russischen Kommunikation, dass zum Beispiel die ukrainischen Truppen Fluchtkorridore verunmöglichen würden oder dass die ukrainische Regierung voller Neonazis sei, sieht Müller eine "Täter-Opfer-Umkehr", die in das russischen Narrativ aufgenommen wurde. Für den Universitätsprofessor scheint es zwar durchaus möglich, dass davon "vielleicht einige Menschen sogar überzeugt werden" – vor allem jene Menschen, die nur die staatlichen Medien als Informationsquelle zur Verfügung hätten. Müller zweifelt allerdings an, dass sich das "auf Dauer ausgehen wird".

Auch den Begriff der 'Befreiung der Ukraine', welcher oft von russischer Seite verwendet wird, sieht Müller kritisch. Man müsse das "unter Anführungszeichen setzen", da damit nur gemeint sei, dass alle russischen Forderungen durchgesetzt werden.

Teilung nur mit "massiver Vertreibung"

Eine im Raum stehende, mögliche Teilung der Ukraine – welche ein russischer Kompromiss für einen Waffenstillstand und ein Kriegsende sein könnte – sieht der Universitätsprofessor als nicht realistisch an. Sowohl die ukrainische Regierung als auch Bevölkerung sind dagegen und so eine Maßnahme ließe sich von russischer Seite nur durch eine "massive Vertreibung der Bevölkerung" im Osten der Ukraine bewerkstelligen.

Jan ForoboskoQuelle: Redaktion / foj