Militärexperte Gerald Karner: Es gibt Anzeichen, dass Verbündete von Putin abrücken

01. März 2022 · Lesedauer 4 min

Militärexperte Gerald Karner spricht im Newsroom LIVE über Versorgungsprobleme der russischen Truppen in der Ukraine und dass vielleicht nicht einmal Putins engste Minister wüssten, wo sich der Präsident aufhält. Er ortet auch "Bruchlinien" mit den Verbündeten wie dem belarussischen oder tschetschenischen Präsidenten.

Je stärker der ukrainische Widerstand wird, desto brutaler wird auch das Vorgehen der Russen, erklärt Militärexperte Gerald Karner im PULS 24 Newsroom bei Anchorwoman Sabine Loho. Vor Kiew steht ein 65 Kilometer langer russischer Militär-Konvoi der Russen. Aus westlicher Sicht sei das "erstaunlich", so Karner, weil er ein ideales Angriffsziel darstelle.

Nachschubprobleme: Russen fehlt Sprit

Das deute darauf hin, dass sich die russische Seite sehr sicher vor Angriffen fühlt. Es zeige aber auch, dass die ukrainischen Kräfte sich auf Kiew konzentrieren und keine freien Kräfte für Gegenangriffe haben. "Es gibt aber auch Gerüchte und Informationen, dass es logistische Probleme auf der russischen Seite geben soll", erklärt der Offizier. US-Experten vermuten Nachschubprobleme beim Essen. Davon geht Karner aber nicht aus, er glaubt, dass es an Sprit fehlt, um weiter nach Kiew vorzurücken.

Am Dienstag trafen Raketen den Fernsehturm in Kiew. Das sei "übliches Vorgehen", denn die russische Seite wolle sich die Informationshoheit sichern. Es sei aber bedenklich, wieviel an Infrastruktur man bereit sei, zu zerstören. Denn sollten die Russen das Land halten wollen, müssten sie das selbst wieder aufbauen. "Diese Vorgehensweise kennen wir allerdings aus Tschetschenien auch schon."

Putin im Bunker?

Niemand wisse im Moment genau, wo sich der russische Präsident Wladimir Putin aufhält, so Karner. Einem Gerücht zufolge sei er in einem Bunker im Ural und würde nur für Telefonate mit dem französischen Präsident Emmanuel Macron in den Kreml zurückkommen. Wo er wirklich sei, wüssten vielleicht sogar nicht einmal die engsten Minister. Karner hält es für möglich, dass sich Putin immer wieder in einen Bunker zurückzieht, weil er mit einem NATO-Gegenschlag rechnet.

Ukrainische Atomwaffen? "Haben anderes zu tun"

Am Dienstag hätte der russische Außenminister Sergei Lawror seinen Auftritt vor dem UNO-Menschenrechtsrat in Genf für eine Propaganda-Rede missbraucht. Es sei deshalb nicht verwunderlich, dass fast alle Diplomaten den Saal aus Protest verließen. Der Vorwurf, dass sich die Ukraine um Atomwaffen bemühe, sei seinem Wissensstand nach nicht wahr, so Karner. Die Ukraine sie nicht reich und habe anderes zu tun.

Türkei, Belarus, Tschetschenien: Verbündete rücken von Putin ab

 "Ich denke, dass Erdogan in den letzten Tagen von Putin abgerückt ist", analysiert der Offizier. Die beiden Spitzenpolitiker hätten zwar eine gewisse Affinität zueinander, es bestünde aber auch eine strategische Rivalität, vor allem im Schwarzmeerraum. "Es gibt auch Anzeichen, dass andere von ihm (Putin, Anm.) abrücken." Der belarussische Präsident Lukaschenko schicke Signale, die "schillernd und wechselnd" seien. Man müsse aufpassen, ob man bei Angriffen von russischen Truppen von belarussischem Territorium aus spreche oder von belarussischen Truppen. Karner geht davon aus, dass sich Belarussen zwar grenznah aufhalten, jedoch noch nicht angegriffen hätten. Damit würden auch die ukrainischen Streitkräfte zersplittert, weil sie sich gegen einen potenziellen Angriff wappnen müssten.

Karner verortet "möglicherweise die eine oder andere Bruchlinie im russischen System", denn auch vom Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow käme verhaltene Kritik an der Operationsführung von Russland. An seine Ankündigung, 70.000 Kämpfer für eine Invasion zu schicken, glaubt der Militärstratege nicht. Ein "paar Tausend", oder eine "niedrige fünfstellige Zahl" könnten es allerdings schon sein. Die Frage sei auch, ob sich diese schon in der Ukraine befinden oder erst eingeschleust werden sollen. Sollten sie noch nicht vor Ort sein, könnte es sein, dass sie zu spät für einen Angriff auf Kiew kommen.  

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam