Gady befürchtet "tausende Tote und Verwundete schon in den ersten Stunden"

22. Feb. 2022 · Lesedauer 3 min

Militärexperte Franz-Stefan Gady befürchtet "tausende Tote" in den ersten Stunden, sollte es zu großen Kämpfen kommen. Der stellvertretende Chefredakteur der "Bild", Paul Ronzheimer, spricht vor Ort in der Ostukraine von dauerhaftem Mörserbeschuss. Beide zeichnen für PULS 24 eine aktuelles Bild der Lage im Ukraine-Konflikt.

Russische Truppen seien schon am Montag teils in der Ostukraine einmarschiert, verdeckt seien sicher schon einige seit Tagen dort, analysiert Politikberater und Militärexperte Franz-Stefan Gady für PULS 24. Er hoffe noch immer auf eine diplomatische Lösung, aber sollte es zum Kampf kommen, werde sich der Hauptkampf seiner Einschätzung nach nicht im Donbass abspielen.

"Speerspitze" in Belarus

Man habe kein gesamtes Lagebild der Situation und auch nicht den Überblick über die Truppenverschiebungen. Man merke aber, dass sich die russischen Soldaten in Angriffsposition bringen. Sehr große Truppenkonzentrationen gebe es im Norden, auf weißrussischem Gebiet. Dort sei bei einem Angriff mit der Speerspitze zu rechnen. Gady schließt größere urbane Kämpfe zum Beispiel in Kiew aus. Dafür habe Russland aktuell nicht genügend Soldaten vor Ort.

"Tausende Tote in den ersten Stunden"

"Sobald der erste Schuss in diesem hoffentlich noch abwendbaren Krieg fällt, sind wir sowieso in einer neuen Realität", dann werde sich alles ändern. Sollte es zum Krieg kommen, müsste man sich das in Europa erst einmal begreifbar machen. Das wäre nicht mit Afghanistan und dem Irak vergleichbar. "Hier könnte es tausende Tote und Verwundete schon in den ersten Stunden geben." Dann kämen auch "Zivilisten, Kinder und Frauen" ins Kreuzfeuer. "Die Feuerkraft der russischen Streitkräfte sollte nicht unterschätzt werden."

Man dürfe aber nicht vergessen, dass es Russland auch ums "Tarnen und Täuschen" gehe. Mit Teilen des Aufmarschs, von dem man auch über Soziale Medien erfährt, werde man vielleicht getäuscht, andere blieben verborgen.

Paul Ronzheimer (stellvertretender Chefredakteur der "Bild") im Interview aus Donezk

Ostukraine: Mörserbeschuss von beiden Seiten

Der stellvertretende Chefredakteur der "Bild", Paul Ronzheimer, beschreibt die Lage vor Ort in der Donesk in der Ostukraine für PULS 24. Dort gebe es Mörserbeschuss von beiden Seiten. Die ukrainischen Soldaten seien aktuell aber sehr zurückhaltend. Die große Sorge der Menschen vor Ort sei ein großen Krieg. Das Separatistengebiet, dass Russlands Präsident Wladimir Putin am Montagabend als unabhängig anerkannte, sei nur wenige Dutzend Kilometer entfernt. Man müsse damit rechnen, dass Putin den ganzen Donbass erobern will. Das würde einen großen Krieg bedeuten. Auch Ronzheimer rechnet in diesem Fall mit tausenden Toten auch unter Zivilisten und hunderttausenden Flüchtlingen.

Die meisten Ukrainer vor Ort gehen laut dem Journalisten davon aus, dass Putin seinen Ankündigungen auch Taten folgen lässt, da er der Ukraine das Existenzrecht abgesprochen hat. Ronzheimer hat das Gefühl, dass sich die Sympathien vor Ort in den vergangenen Jahren mehr in Richtung Ukraine verschoben haben.

Dauerhafter Beschuss

Man bekommt von dem Krieg erst etwas mit, wenn man wirklich an der Front sei. Dort sei in Schützengräben und zivilen Häusern "der Beschuss dauerhaft zu hören". Dort würden Zivilisten nicht einmal mehr zusammenzucken, wenn sie den Lärm hören. Im Rest von Europa habe man vergessen, dass es dort seit Jahren zu Kampfhandlungen kommt.  

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam