APA/APA/THEMENBILD/EXPA/ JOHANN GRODER

Matrei-Finanzen: RH-Bericht mit Kritik an Gemeinde und Land

06. Feb. 2026 · Lesedauer 6 min

Der Rechnungshof hat die Finanzen der 2023 wegen einer starken Verschuldung in die Schlagzeilen geratenen Marktgemeinde Matrei in Osttirol unter die Lupe genommen. Der Bericht enthielt deutliche Kritik an der Gemeinde, aber auch Rügen für das Land. Erstere habe lange über ihre Verhältnisse gelebt und die Lage verzerrt dargestellt. Seit Ende 2022 habe die materielle Insolvenz vorgelegen. Das Land habe es verabsäumt, rechtzeitig einzugreifen. Die Hilfen seien nicht ausreichend.

Das Land betonte indes auf APA-Anfrage in einer Reaktion, dass die "Empfehlungen und Hinweise sehr ernstgenommen" würden. Gleichzeitig strich man aber auch die Gemeindeautonomie als verfassungsrechtliches Prinzip hervor, das dem Land nur "bedingt Einfluss" ermögliche, und spielte auf die gesetzten, konkreten Maßnahmen des Landes als Aufsichtsbehörde an. Matrei sah man aufgrund dessen nunmehr wieder in einem "finanziell ruhigen Fahrwasser". Hinsichtlich möglicher weiterer Hilfen, wie vom Rechnungshof empfohlen, wollte man sich im Landhaus auf APA-Nachfrage nicht konkret äußern und betonte auch hier, dass man den Bericht "ernst nehme".

Die Prüfung durch den Bundesrechnungshof ging auf einen Beschluss bzw. eine Beauftragung durch den Tiroler Landtag im Juli 2023 zurück. Dies basierte wiederum auf einem Dringlichkeitsantrag der oppositionellen Grünen, die den Stein ins Rollen brachten. Der überprüfte Zeitraum umfasste im Wesentlichen die Jahre 2020 bis 2023, man habe die Überprüfung aber teils auch auf 2013 bis 2023 ausgeweitet, hieß es seitens der Kontrolleinrichtung über den Bericht, der am Freitag veröffentlicht wurde. Bei einzelnen Infrastrukturprojekten reichte der Blick sogar bis ins Jahr 2003 zurück.

Apropos Infrastrukturprojekte: Die hohen Kosten für ebendiese machten einen Gutteil der Kritik des Rechnungshofes aus. So habe Matrei im Zeitraum 2010 bis 2023 für Vorhaben insgesamt 37,28 Millionen Euro aufgewendet. Davon entfielen 80 Prozent auf Projekte, die man auf Basis gesetzlicher Aufgaben zu erfüllen hatte. Für Vorhaben ohne gesetzliche Verpflichtungen beziehungsweise aus eigenem Antrieb wendete die Marktgemeinde 20 Prozent - 7,41 Millionen Euro - auf. Darunter fiel zum Beispiel das nicht abgeschlossene Vorhaben "Neubau Freischwimmbad Matrei" oder das 2005/06 errichtete Tauernstadion Matrei. Diese Vorhaben seien "nicht ausfinanziert" gewesen. Offenbar ein klarer Verstoß gegen die Tiroler Gemeindeordnung. Denn dort sei vorgeschrieben, dass jedes Vorhaben ausfinanziert sein müsse, so die Prüfer.

Erschwerend sei hinzugekommen, dass die finanzielle Lage durch die Gemeindeverantwortlichen - bis Anfang 2022 wurde Matrei mehr als 30 Jahre lang von ÖVP-Langzeitbürgermeister Andreas Köll geführt - "verzerrt dargestellt" worden sei. In den Jahren 2020 bis 2023 wies die Ergebnisrechnung der Gemeinde durchgehend negative Ergebnisse aus, das kumulierte Minus belief sich auf 4,6 Millionen Euro. Aufwendungen seien falsch verbucht, Liquiditätsplanungen nicht durchgeführt, Forderungen zu Unrecht ausgewiesen und Risiken nicht transparent dargestellt worden. Besonders schwer wog offenbar die Übertragung von Darlehen in Höhe von 20,78 Millionen Euro an den Abwasserverband Hohe Tauern Süd, wodurch außerbudgetäre Schulden entstanden, die in den Rechnungsabschlüssen nicht korrekt abgebildet worden seien.

"Materielle Insolvenz" trotz Konsolidierungsmaßnahmen, Aufsicht des Landes ungenügend

Seit Ende 2022 sei die "materielle Insolvenz" der Gemeinde vorgelegen und dies trotz der zum damaligen Zeitpunkt erfolgten Bemühung der Gemeinde um die Konsolidierung und Aufforderungen des Landes zu Einsparungen. Ende 2022 habe sich ein kurzfristiger Mittelbedarf von 13,5 Millionen Euro angehäuft.

Spätestens hier setzte auch die Kritik an den Verantwortlichen im Land an. Man habe "konkrete Empfehlungen des Landes Tirol zu den von der Marktgemeinde mehrmals vorgelegten und nicht bereits in Umsetzung befindlichen Konsolidierungsvorschlägen" vermisst, hieß es. Dies müsse in Zukunft geschehen. Und generell müsse das Land "zeitgerecht geeignete aufsichtsbehördliche Maßnahmen ergreifen, wenn Gemeinden gegen die Tiroler Gemeindeordnung und weitere Haushalts- und Rechtsvorschriften verstoßen", wurde hingewiesen und gleichzeitig deutlich entsprechende Versäumnisse im Fall Matrei bemängelt. Bemerkenswert überdies: Bereits im Jahr 2016 habe die Gemeindeaufsicht auf die prekäre Finanzlage von Matrei hingewiesen und ein Sanierungskonzept von der Marktgemeinde eingefordert. Dieses Konzept sei vorgelegt, aber dann nicht umgesetzt worden.

Sanierung offenbar nicht ausreichend

Im Jahr 2023 - der finanzielle Hut brannte bereits lichterloh - fing das Land bzw. die bereits im Amt befindliche Landesregierung aus ÖVP und SPÖ die Osttiroler Gemeinde dann de facto auf. Im Landtag wurde eine finanzielle Unterstützung der stark verschuldeten Tauerngemeinde abgesegnet. Das Land als größter Gläubiger gewährte Matrei Zahlungserleichterungen. Außerdem wurde beschlossen, Matrei bis inklusive 2025 mit Bedarfszuweisungen in Höhe von 6,6 Mio. Euro zu unterstützen. Auch mit Gläubigern und Banken kam es zu einer Einigung.

Doch dass man damit quasi über den Berg ist - dies sah der Rechnungshof offenbar nicht. Die aufsichtsbehördlichen Maßnahmen und die "stets hohen Beihilfen des Landes Tirol" seien nicht ausreichend, um eine ordnungsgemäße Haushaltsführung wieder herzustellen. Dies sei nur dann erreichbar, wenn die entsprechenden Hilfen nicht mit dem Jahr 2025 enden, konkretisierte eine Rechnungshofsprecherin auf APA-Nachfrage.

Land: Auf Missstände hingewiesen

Das Land betonte unterdessen neben den erwähnten Hilfen seit 2023 auch die Jahre zuvor, in denen man in der Causa Matrei sehr wohl aktiv gewesen sei. Es seien "zahlreiche Schritte" gesetzt worden, um einerseits als Aufsichtsbehörde über Missstände hinzuweisen und Veränderungen zu bewirken und andererseits die Gemeinde dabei zu unterstützen, die eigene finanzielle Lage zu verbessern. Als Aufsichtsbehörde habe das Land seit dem Jahr 2010 eine "Vielzahl an Prüfungen" vorgenommen. Zudem seien aufsichtsbehördliche Genehmigungen mit Bescheid versagt und vom Landesverwaltungsgericht Tirol bestätigt worden, erklärte man gegenüber der APA. Maßnahmen zur Stärkung der Liquidität (Bedarfszuweisungen, Kassenstärker) sowie mehrmalige Informationsschreiben an die Gemeinde zur Finanzsituation seien getätigt worden.

FPÖ sah schwarzes Versagen, Grüne nahmen Köll in die Ziehung, NEOS: "Finanzdebakel"

Die Opposition schoss jedenfalls aus allen Rohren. "Der Rechnungshofbericht zur Marktgemeinde Matrei in Osttirol ist ein Paukenschlag, der die selbst ernannte 'Wirtschaftspartei' ÖVP endgültig entlarvt: Ein weiteres Finanz-Verschleierungsdebakel, bei dem der Steuerzahler für die Großmannssucht und den Schlendrian schwarzer Politiker herhalten muss", erklärte FPÖ-Chef Markus Abwerzger. Die ÖVP habe Matrei "in den Ruin getrieben" - "und alle wussten es, inklusive des jetzigen Landeshauptmanns Anton Mattle." Der Landeschef sei schließlich ein "langjähriger Insider" und "Freund" von Altbürgermeister Köll, früher auch Landtagsabgeordneter und Bundesrat.

Den ehemaligen schwarzen Granden Köll nahmen dann besonders die Grünen ins Visier. Der Rechnungshof empfehle schließlich, Schadenersatz gegen den Altbürgermeister zu prüfen, so Landessprecher und Klubobmann Gebi Mair. Dem müsse die schwarz-rote Landesregierung nachkommen. Es gehe darum zu untersuchen, ob vorsätzliche oder fahrlässige Rechtsverletzungen bei Grundstücksgeschäften durch Köll vorgenommen worden seien.

NEOS-Klubobfrau Birgit Obermüller sprach von einem "Finanzdebakel", über das man nur den Kopf schütteln könne. Sie verlangte lückenlose Aufklärung, "wie es sein konnte, dass jahrelang derart unseriös gearbeitet werden konnte, ohne dass ernsthaft eingeschritten wurde." Letztlich habe man "in alter ÖVP-Manier den eigenen Leuten mit Steuergeld aus der selbst verursachten Misere geholfen."

Zusammenfassung
  • Der Rechnungshof kritisiert die Marktgemeinde Matrei in Osttirol für jahrelange Überschuldung, intransparente Finanzdarstellung und nicht ausfinanzierte Projekte.
  • Zwischen 2010 und 2023 gab Matrei 37,28 Millionen Euro für Infrastruktur aus, davon 7,41 Millionen Euro für freiwillige Vorhaben wie das nicht abgeschlossene Freischwimmbad.
  • Seit Ende 2022 lag eine materielle Insolvenz vor, das kumulierte Minus betrug 4,6 Millionen Euro, und es bestand ein kurzfristiger Mittelbedarf von 13,5 Millionen Euro.
  • Das Land Tirol wird ebenfalls kritisiert, weil es nicht rechtzeitig eingegriffen und trotz Bedarfszuweisungen von 6,6 Millionen Euro bis 2025 keine ausreichende Haushaltsführung sichergestellt hat.
  • Die Opposition fordert lückenlose Aufklärung und Schadenersatzprüfungen gegen den ehemaligen Bürgermeister, während der Rechnungshof weitere Hilfen über 2025 hinaus verlangt.