APA - Austria Presse Agentur

Live-Ticker vom Ibiza-U-Ausschuss: "Hinweise auf politische Einflussnahme"

09. Dez 2020 · Lesedauer 4 min

Die Leiterin der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA), Ilse Vrabl-Sanda, hat am letzten Befragungstag 2020 mit einer brisanten Aussage aufhorchen lassen. Am Nachmittag war ein hochrangiger Beamter des Finanzministeriums geladen. Die Befragung von Casag-Prokurist Peter Erlacher wurde zum zweiten Mal verschoben.

Das Ibiza-Verfahren sei "politisch durchdrungen", sagte Ilse Vrabl-Sanda, Leiterin der WKSTA, am Donnerstag. Bei den Ermittlungen zur Casinos-Causa habe es Hinweise auf den Versuch der politischen Einflussnahme gegeben. Worum genau und um wen es sich dabei handelt, wollte sie in der öffentlichen Befragung nicht sagen. Es habe diesbezüglich eine Anzeige gegeben. Bei welcher Staatsanwaltschaft dieses "sehr junge Verfahren" laufe, ist nicht klar. Laut Recherchen der Tageszeitung "Standard" könnte es sich um die StA Innsbruck handeln.

NEOS-Fraktionsführerin Stephanie Krisper ortete politische Einflussnahme durch Christian Pilnacek, Sektionschef im Justizministerium, und Oberstaatsanwaltschaft Johann Fuchs, auf die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft. Dadurch habe vor allem die ÖVP profitiert. Krisper fordert Justizministerin Alma Zadic auf etwas gegen die Befangenheit zu unternehmen.

Fuchs teilte auf seinem privaten Twitter-Account mit, dass gegen ihn kein Verfahren geführt werde und wies "die haltlosen Spekulationen jeglicher Art über eine unsachliche Amtsführung meinerseits entschieden zurück".

Verfahrensrichter Ronald Rohrer kündigte an, es werde Konsultationsgespräche mit dem Justizministerium geben.

Krainer: "Mobbing" durch Oberstaatsanwaltschaft Wien

Vrabl-Sanda hat mehrmals betont, dass die operative Zusammenarbeit zwischen ihrer Behörde und der SOKO Tape in den Ibiza-Ermittlungen mittlerweile gut funktioniere. Das war nicht immer so. Das Bundeskriminalamt, dem die SOKO unterstellt ist, hatte einen Sachstandsbericht über die Arbeit der WKStA veranlasst, Vrabl-Sanda habe diesen nicht offiziell erhalten, sondern später anonym zugespielt bekommen. 

Es gebe auch immer wieder Dienstaufsichtsbeschwerden der Oberstaatsanwaltschaft gegen ihre Mitarbeiter, sagte Vrabl-Sanda. Es würden nicht gerechtfertigte Einträge in die Personalakten gemacht. Die WKStA könne nicht in Ruhe arbeiten. Zuletzt habe sich eine Staatsanwältin "wegbeworben", nachdem sie eine Rüge von der Oberstaatsanwaltschaft erhalten habe, weil sie eine interne Mail dem Schredder-Akt beigelegt habe, die laut OStA nicht hineingehöre. Für Vrabl-Sanda ist der Anlass "völlig absurd".

SPÖ-Fraktionsführer Kai Jan Krainer ortet "Mobbing" der Oberstaatsanwaltschaft Wien gegenüber der WKStA.

Vrabl-Sanda kritisierte auch die Vorhabensberichterstattung, die von der OStA Wien eingeführt wurde. Diese Berichtspflicht hätte keine andere OStA für notwendig empfunden. Sie sei der Meinung, dass die Berichtspflicht "sehr sehr zeitaufwendig" sei. Vrabl-Sanda glaubt nicht, dass das notwendig sei. Krisper forderte von Justizministerin Zadic die Drei-Tages-Berichtspflicht abzuschaffen. 

PULS 24 Reporterin Barbara Piontek fasst zusammen

WKSTA leistet "gute Arbeit"

Vrabl-Sanda hat auch die Arbeit ihrer Behörde verteidigt. "Wir leisten gute Arbeit", sagte sie. Allerdings gebe es personelle Engpässe. Derzeit würden ungefähr 210 Verfahren geführt, davon viele Großverfahren. Mit Oktober verfügt die WKStA über 39 Staatsanwälte, die Leiterin selbst inbegriffen. An der CASAG-Causa arbeiten derzeit fünf Staatsanwälte und ein Gruppenleiter, sagte Vrabl-Sanda.

Die WKStA ermittelt in verschiedenen Verfahren rund um das Ibiza-Video, darunter auch zur Causa Casinos. Zu den Postenbesetzungen in der Casag gab es 2019 "drei Wellen" an Hausdurchsuchungen, unter anderem bei Heinz-Christian Strache, Johann Gudenus, in der ÖBAG und im Finanzministerium. 

Nichts von Postenschacher mitbekommen

Nach der vierstündigen Befragung von Vrabl-Sanda ging es am Nachmittag mit der Befragung des hohen Beamten H. des Finanzministeriums weiter. Zu einem Deal hinter der Bestellung von Peter Sidlo als Finanzvorstand der Casinos Austria, habe er keine Wahrnehmung. Der einstigen türkis-blauen Regierung wird vorgeworfen, diesen durch Postenschacher in den Vorstand der Casinos Austria gehievt zu haben.

Der Beamte H. wurde zur Glücksspielnovelle 2019 befragt, die auch durch seine Abteilung ging. Zur Erinnerung: Die Novelle von 2018 wurde zurückgerufen und ein wesentlicher Teil davon gestrichen. Konkret geht es um das IP-Blocking, also eine Sperre von internationalen Online-Casinos ohne österreichische Glücksspiel-Lizenz, die im Ausland sitzen. Diese Maßnahme soll auf die Initiative des damaligen Finanzministers Hartwig Löger (ÖVP) zurückgegangen sein. Die Gesetzesnovelle wurde vorzeitig zurückgezogen. Andere Auskunftspersonen sagten, dass der Grund dafür die fehlende Abstimmung (Spiegelung) zwischen ÖVP und FPÖ gewesen sei.

Der Beamte H. sagte bei seiner Befragung zum Vorfall – sowohl Lögers Initiative als auch die Intervention durch Fuchs – er habe keinen der beiden Fälle wahrgenommen. Zur Frage des IP-Blocking sagte er, diese Maßnahme sei selbstverständlich im Sinne des Spielerschutzes gewesen, aber ob sie als solche wirksam gewesen sei, könne er nicht sagen.

Befragung der dritten Auskunftsperson verschoben

Die letzte Befragungsperson am Donnerstag wäre Casag-Prokurist Peter Erlacher gewesen. Seine Befragung wurde aber bereits zum zweiten Mal verschoben. Sie ging sich zeitlich nicht aus.

Mit den Befragungen am Donnerstag endet der U-Ausschuss für dieses Jahr. Im Jänner 2021 gehen die Untersuchungen weiter.

Quelle: Redaktion / spe, hos