"Leid geht weiter"
Gaza und Westjordanland im Schatten des Iran-Kriegs
Im Gazastreifen befürchten die Menschen, angesichts der regionalen Eskalation vergessen zu werden. Im Westjordanland spitzt sich unterdessen die Siedlergewalt zu. Ein Überblick über die Lage in den Gebieten:
Menschen in Gaza hoffen auf Stabilität
Im Gazastreifen sorgen sich die Menschen, angesichts der regionalen Eskalation in Vergessenheit zu geraten. "Wenn in den Nachrichten von einem neuen Krieg in der Region die Rede ist, haben wir das Gefühl, dass Gaza für die Welt noch unsichtbarer wird - obwohl das Leid hier jeden Tag weitergeht", sagte Ahmed Al-Masri, ein Bewohner der Stadt Gaza. Die Menschen wünschten sich "Stabilität und eine Chance, ihr Leben wieder aufzubauen".
Seit dem 10. Oktober gilt im Gazastreifen eine brüchige Waffenruhe. Die israelische Armee hat sich aus etwa der Hälfte des Gebiets zurückgezogen. Seitdem bleiben die großen Bombardements, die es noch während des Gaza-Kriegs gab, aus. Wie Einwohner des Gazastreifens berichten, halten die Aktivitäten der israelischen Armee weiter an - auch seit Beginn des Iran-Kriegs. Ihre Intensität schwanke jedoch wegen veränderter Prioritäten Israels.
Luftangriffe, Artilleriebeschuss und begrenzte Bodeneinsätze wurden demnach vor allem im Zentrum und Osten des Küstenstreifens fortgesetzt. Das israelische Militär meldete in den vergangenen Tagen mehrere Einsätze im Gazastreifen im Kampf gegen die islamistische Terrororganisation Hamas.
"Humanitäre Lage weiterhin schlecht"
Für die Menschen habe der Krieg nie wirklich aufgehört, berichtete der Bewohner Masri weiter. Viele Stadtviertel liegen nach seinen Worten noch immer in Trümmern und Familien, die vor Monaten im Krieg ihre Häuser verloren haben, leben noch immer in provisorischen Unterkünften oder beschädigten Gebäuden.
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul betonte bei seinem jüngsten Besuch in Israel Anfang der Woche ebenfalls, die Lage der mehr als zwei Millionen Menschen im Gazastreifen dürfe angesichts des Iran-Kriegs nicht aus dem Blick geraten. "Weiterhin ist die humanitäre Lage schlecht", sagte er.
Schließung von Gaza-Übergängen belastet Versorgung
Unmittelbare Auswirkungen auf das Leben der Menschen hatte seit dem 28. Februar vor allem die vorübergehende Sperrung aller Gaza-Grenzübergänge, wie das UNO-Nothilfebüro OCHA erklärte. Die Schließung der Übergänge ließ laut einem OCHA-Lagebericht von vergangener Woche Preise steigen und erhöhte die Abhängigkeit der Menschen von humanitärer Hilfe. Organisationen sind deswegen nach eigenen Angaben in "erhöhter Alarmbereitschaft".
Israel hatte am 28. Februar - nach seinen gemeinsamen Angriffen mit den USA auf Ziele im Iran - über die Schließung aller Grenzübergänge informiert und diese mit Blick auf die militärische Eskalation als "notwendige Sicherheitsmaßnahme" bezeichnet. Die Grenzübergänge zu dem abgeriegelten Küstengebiet gelten als zentrale Route für Hilfsgüter, Treibstoff sowie medizinische Evakuierungen.
Die für Palästinenser-Angelegenheiten zuständige israelische Behörde COGAT betonte damals, die bereits vorhandenen Vorräte sollten "für einen längeren Zeitraum" reichen. Der wichtige Übergang Kerem Shalom ist inzwischen wieder für die Einfuhr von Hilfsgütern geöffnet. Andere Übergänge wie Rafah bleiben jedoch weiter vorübergehend geschlossen - "aufgrund der Bedrohung durch Raketen", erklärte COGAT.
Video: Iran kämpft ums Überleben
Mehrere Tote im Westjordanland durch Siedlergewalt
Im Schatten des Iran-Kriegs werden im Westjordanland Tote durch Siedlergewalt gemeldet. Seit Kriegsbeginn wurden nach palästinensischen Angaben fünf Palästinenser bei verschiedenen Vorfällen von israelischen Siedlern getötet. Die israelische Menschenrechtsorganisation Yesh Din (Es gibt Recht) meldete insgesamt 109 separate Vorfälle von Siedlergewalt gegen Palästinenser seit Kriegsbeginn.
Israel hatte im Sechstagekrieg 1967 unter anderem das Westjordanland und Ost-Jerusalem erobert. Dort leben heute unter drei Millionen Palästinensern etwa 700.000 israelische Siedler. Die Palästinenser beanspruchen diese Gebiete für einen eigenen Staat mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt.
Israels Militär, das im Westjordanland für Sicherheitsbelange zuständig ist, verurteilte die jüngste Gewalt. General Avi Bluth erklärte nach einem der Angriffe: "Dies ist ein inakzeptabler Vorfall. Es wird null Toleranz geben gegenüber Zivilisten, die das Gesetz in die eigenen Hände nehmen." Solche Handlungen repräsentierten weder das jüdische Volk noch den Staat Israel. Die Armee erklärte zudem, Soldaten seien dazu angehalten, Gewalt zu unterbinden.
Immer wieder greifen im Westjordanland radikale israelische Siedler Palästinenser an. Im Jahr 2025 war die Zahl der Angriffe nach Angaben des israelischen Militärs um 25 Prozent im Vergleich zum Jahr davor gestiegen, wie die Zeitung "Haaretz" berichtete. Menschenrechtsaktivisten sind angesichts der aktuellen Lage alarmiert.
Bewegungsfreiheit laut OCHA eingeschränkt
In dem Lagebericht meldete OCHA zudem vermehrte Schließungen von Kontrollpunkten und Straßensperren zu Beginn des Iran-Kriegs, wodurch die Bewegungsfreiheit zwischen verschiedenen Orten unterbrochen worden sei. Der Zugang zu Arbeitsplätzen und Dienstleistungen für Palästinenser sei dadurch weiter erschwert, und mehrere Gemeinden seien weitgehend isoliert, hieß es in dem Bericht.
Die Armee begründete die zu Kriegsbeginn auferlegten Bewegungseinschränkungen mit Sicherheitsbedenken. Es habe zu dem Zeitpunkt Hinweise auf "terroristische Elemente" gegeben, die Anschläge auf israelische Zivilisten im Westjordanland verüben wollten, teilte das Militär auf Anfrage mit. Nach einer Lagebewertung wurde jedoch entschieden, die Einschränkungen wieder aufzuheben, wie das Militär weiter mitteilte.
Menschenrechtsorganisationen befürchten, radikale Siedler nutzten die derzeitige Situation außerhalb des Fokus der internationalen Aufmerksamkeit für ihre vermehrten Angriffe auf Palästinenser aus. Yesh Din schrieb auf der Plattform X, sie handelten "unter dem Deckmantel" des Iran-Kriegs.
Video: Iran attackiert Energiesektor am am Persischen Golf
Zusammenfassung
- Während der Krieg zwischen Israel, dem Iran und den USA die Region erschüttert, bleibt die Lage im Gazastreifen und im Westjordanland angespannt - und rückt aus dem Fokus der internationalen Aufmerksamkeit.
- Im Gazastreifen befürchten die Menschen, angesichts der regionalen Eskalation vergessen zu werden. I
- Im Westjordanland spitzt sich unterdessen die Siedlergewalt zu.
- Ein Überblick über die Lage in den Gebieten.
