APA - Austria Presse Agentur

Lastenrad-Bonus: Was ist dran an der Forderung der deutschen Grünen?

24. Aug 2021 · Lesedauer 4 min

Die Grünen in Deutschland wollen in der nächsten Legislaturperiode eine Milliarde Euro zur Förderung von Lastenfahrrädern ausgeben und ernten im Wahlkampf dafür Kritik und Häme.

Für ihren Vorschlag, eine Million Lastenräder mit jeweils 1.000 Euro Zuschuss vom Bund zu fördern, ernteten die deutschen Grünen am Sonntag Kritik von CDU, FDP und Linken. Nach dem Willen der Grünen soll es künftig auch für privat genutzte Lastenräder Anspruch auf einen Zuschuss geben. Derzeit können - anders wie in Österreich - nur Firmen, Kommunen oder Vereine eine Förderung beantragen.

"Saubere Mobilität gibt es nicht zum Nulltarif", sagte der Grünen-Haushaltspolitiker Sven-Christian Kindler dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" (RND). Lastenrädern komme in der Verkehrswende eine wesentliche Bedeutung zu. Viele Handwerkerinnen und Kleinunternehmer könnten ihre Dienstleistungen und Fahrten auch mit E-Lastenrädern anbieten. Für sie gebe es aber zu wenig Fördermittel. Gleiches gelte für Leihsysteme für E-Lastenräder und für Familien, die sich ein Lastenrad anschaffen wollten.

Scharfe Kritik

Scharfe Kritik kam von der FDP. "Die Grünen wollen mit dem Geld der Steuerzahler Klientelpolitik betreiben", sagte Vize-Fraktionschef Christian Dürr am Sonntag der Nachrichtenagentur AFP. "Wir werden das Weltklima nicht retten, indem wir Lastenräder in Berlin-Kreuzberg bezuschussen." 

Auch bei der Linken traf der Vorstoß der Grünen aus Ablehnung. "Lastenfahrräder können in einigen Städten eine Hilfe sein, in den ländlichen Regionen helfen sie praktisch niemandem", sagte Linken-Fraktionschefin Amira Mohamed Ali der Zeitung "die Welt". CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak erklärte auf Twitter, die Vorschläge der Grünen im aktuellen Wahlkampf würden "immer abstruser und weltfremder".

Was bringen Lastenräder?

Wie Recherchen des "Spiegel" zeigen, ist die Forderung der Grünen aber gar nicht so weit hergeholt, wie es die Konkurrenten im Wahlkampf darstellen. Eine Milliarde Euro seien im Verkehrsbereich gar nicht so viel. Der "Spiegel" nennt etwa das Beispiel einer Autobahn-Verlängerung in Berlin. Die Verlängerung der A100 um drei Kilometer kostete 700 Millionen Euro. Die Diesel-Subvention kostet sieben Milliarden Euro pro Jahr. 

Eine Untersuchung des Sinus-Instituts widerlegt zudem das überstrapazierte Klischee vom Großstadt-Yuppie, der seine Kinder mit dem Lastenrad in den Kindergarten chauffiert. Demnach hängt das Kaufinteresse an Cargobikes nicht "erkennbar von der Höhe des Einkommens ab" und sei sogar in "Unterschicht und unterer Mittelschicht" besonders ausgeprägt. Wer weniger verdient, fährt tendenziell ohnehin mehr Fahrrad, während mit steigendem Einkommen mehr Auto gefahren wird.

Mehr als 100.000 Lastenräder wurden vergangenes Jahr in Deutschland gekauft. Die meisten davon waren Cargobikes mit Elektroantrieb, die sich auch für schwere Güter und längere Strecken außerhalb der Stadt eignen. Gewerbetreibende können dafür schon länger Zuschüsse beantragen. Anders als in Österreich fördert Deutschland bislang aber nicht flächendeckend die Anschaffung privat genutzter Lastenräder, die mehrere Tausend Euro in der Anschaffung kosten. Aus Sicht von Wissenschaftlern ist das ein Versäumnis, das die Verkehrswende verlangsamt. In Österreich wird die Anschaffung von Transporträdern und Elektro-Transporträdern bis 31. März 2022 mit einem E-Mobilitätsbonus von insgesamt 1.000 Euro unterstützt.

Lastenräder sparen Steuerzahlern Geld

Laut den Recherchen des "Spiegels" seien Lastenräder gut für die Umwelt und auch billiger wie Autofahren:  Die versteckten Kosten des Autoverkehrs, etwa durch Unfälle, Staus und Umweltverschmutzung liegen bei rund 20 Cent pro Kilometer, so eine Studie des deutschen Verkehrsforschers Stefan Gössling von der Universität Lund. Da diese Kosten nur ansatzweise über Steuern abgedeckt werden, werde unter dem Strich jedes Autos mit 4.000 Euro subventioniert.

Der Berechnung zufolge bringt jeder Euro, der in den Ausbau der Rad-Infrastruktur fließt, hingegen eine gesellschaftliche Rendite – je nach Studie etwa 20 Cent pro zurückgelegtem Kilometer. Ein Grund ist, dass Radfahrer nebenbei etwas für ihre Gesundheit tun, was die Krankenkassen entlastet. Bessere Luft sorgt für weniger Atemwegserkrankungen.

Quelle: Redaktion / koa