APA - Austria Presse Agentur

Krisenmanagerin Merkel: Das Ende einer Ära

25. Sept 2021 · Lesedauer 4 min

Nach der Bundestagswahl am 26. September endet die Ära Angela Merkel. Seit 16 Jahren prägte die deutsche Kanzlerin nicht nur ihr Land, sondern auch Europa. Als "Krisenmanagerin" führte sie Deutschland u.a. durch die Finanz-, Euro- und Flüchtlingskrise.

Am 26. September endet eine Ära – der Nachfolger oder die Nachfolgerin der ersten Kanzlerin Deutschlands wird gewählt. Seit 2005 ist Angela Merkel nun im Amt. Die promovierte Physikerin ist nicht nur die erste Frau in dieser Position, sondern auch die erste Ostdeutsche. In ihren 16 Jahren als Kanzlerin traf sie u.a. vier verschiedene US-Präsidenten, vier französische Präsidenten und fünf britische Premierminister. Sie führte ihr Land durch die Finanz- und die Eurokrise und musste in der Flüchtlingskrise 2015/16 viel Kritik einstecken. Angela Merkel hat in ihren drei Amtsperioden nicht nur ihr Land, sondern auch den Kontinent geprägt.

Stabile Krisenmanagerin

"Sie gilt als Garant der Stabilität in Deutschland", sagt Andreas Rinke, Chefkorrespondent bei Reuters Berlin auf PULS 24. "Was man von Angela Merkel in Erinnerung behält ist vor allem die Arbeit als Krisenmanagerin", führt Rinke weiter aus. Diese Arbeit habe sie ausgezeichnet und werde auch Parteiübergreifend anerkannt.

Andreas Rinke, Chefkorrespondent bei Reuters Berlin, spricht mit PULS 24 über die Amtszeit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel.

Umfrage: Hälfte der Deutschen wird Merkel nicht vermissen

Rund der Hälfte der Deutschen wird Angela Merkel als Bundeskanzlerin nicht fehlen. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der "Augsburger Allgemeinen" (Samstagausgabe) sagten 52 Prozent, sie würden die CDU-Politikerin als Regierungschefin nach ihrer Amtszeit nicht vermissen. 38 Prozent der Befragten gaben dagegen an, sie würden Merkel nachtrauern. Der Rest antwortete unentschieden.

Arbeitslosigkeit gesenkt, Frauen-Erwerbstätigkeit gesteigert

Als "bemerkenswert" bezeichnet die "Financial Times", dass Merkel in ihrer Amtszeit die Arbeitslosigkeit in Deutschland senken konnte, während sie gleichzeitig mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen hat. Deutschland entwickelte unter der Kanzlerin die höchste Erwerbsbeteiligung von Frauen unter allen G7-Ländern, was laut "Financial Times" auf die verbesserte Kinderbetreuung zurückzuführen sei. Dennoch seien nach wie vor viele deutsche Frauen in Teilzeitbeschäftigung und auch der Anteil an Niedriglohnbeziehern habe sich nicht verändert.

"Wir schaffen das"

"Wir haben so vieles geschafft - wir schaffen das!", mit dieser Aussage polarisierte Merkel während der Flüchtlingskrise 2015. Ihre Entscheidung, Kriegsflüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern des Mittleren Ostens ins Land zu lassen und der anschließende Zustrom Hunderttausender Asylwerber kostete sie Zustimmung. Die zuvor von Flügelkämpfen zerrissene rechtspopulistische AfD erlebte einen neuen Aufschwung, und auch in der eigenen Fraktion schwoll das "Merkel muss weg"-Geraune an.

Wie schwierig sich die Integration der Zuwanderer gestaltet, zeigen jüngste Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, wonach 65 Prozent aller erwerbsfähigen Syrer in Deutschland ganz oder teilweise von Sozialleistungen leben. Mit dem Rückgang der Flüchtlingszahlen nach dem EU-Türkei-Deal 2016 erholten sich Merkels Popularitätswerte. Die CDU/CSU gewann 2017 abermals die Bundestagswahl, wenn auch mit dem schwächsten Ergebnis seit 1949.

Politische Kehrtwenden und Feminismus

Charakteristisch für Merkel waren ihre politischen Kehrtwenden. So war sie beispielsweise eine Gegnerin des unter der rot-grünen Schröder-Regierung durchgesetzten Atomausstiegs und machte diesen rückgängig, als sie von 2009 an zwischenzeitlich mit den Liberalen (FDP) statt mit den Sozialdemokraten regieren konnte. Nur wenig später, nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011, stimmte dann auch sie für den definitiven Atomausstieg bis Ende 2022.

Kurz vor Ende ihrer dritten Amtszeit 2017 gab sie die Abstimmung über die gleichgeschlechtliche Ehe frei. Sie selbst stimmte dagegen, doch dank etlicher Stimmen aus dem eigenen Lager wurde die Ehe für alle in Deutschland Gesetz.

Der 2017 verstorbene Helmut Kohl nannte die junge Ministerin zu seiner Zeit noch sein "Mädchen", als Regierungschefin gaben ihr dann viele den Beinamen "Mutti", wobei der Name sowohl im positiven Sinn als auch spöttisch verwendet wurde. Als "Außenseiterin" und mit einem vorsichtigen Stil startete sie laut Rinke als Kanzlerin. Mit der Zeit wurde ihr Führungsstil nicht nur "aktiver", sondern auch "lockerer" - gesellschaftspolitisch. Kurz vor Ende ihrer Kanzlerschaft bekannte sich Deutschlands erste weibliche Regierungsspitze zum Feminismus.

Angela PerkonigQuelle: Agenturen / Redaktion / pea