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Iran-Proteste: 130 Menschen getötet, Journalisten verhaftet

03. Okt. 2022 · Lesedauer 4 min

Bei den Protesten nach dem Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini im Iran sind nach Angaben der Organisation Iran Human Rights (IHR) bisher mehr als 130 Menschen getötet worden.

Wie die in Oslo ansässige Menschenrechtsorganisation am Sonntag mitteilte, wurden in den zwei Wochen nach dem Tod Aminis mindestens 92 Menschen im Iran im Zuge des Vorgehens der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten getötet. Dazu kamen am Freitag 41 Tote bei Protesten in der Provinz Sistan-Baluchestan.

Gewalt gegen Studierende

Nach den heftigen Unruhen in der Universität Scharif in Teheran wurde der Unterricht bis auf weiteres eingestellt. Nach Angaben des Nachrichtenportals Aftab-News werde der Unterricht in der iranischen Hochschule ab Montag nur noch online stattfinden. Studenten zufolge ist das wegen der Internetsperren, die im Zusammenhang mit den systemkritischen Protesten verhängt wurden, derzeit kaum machbar.

Am Sonntagabend waren Sicherheitskräfte örtlichen Medienberichten zufolge mit Gewalt gegen Studierende vorgegangen. Polizisten und Milizen riegelten den Campus in der Nacht zu Montag ab. Auch mehrere Professoren der Elite-Universität sollen nach Angaben des iranischen Nachrichtenportals "Emtedad" verprügelt worden sein. In den sozialen Medien war von einem Polizeiangriff und "bürgerkriegsähnlichen" Zuständen die Rede. Die iranischen Medien wiese diese Berichte als übertriebene Stimmungsmache gegen das System zurück.

Dutzende Journalisten verhaftet

Außerdem wurden Dutzende Journalisten wegen ihrer Berichterstattung festgenommen. Eine von ihnen ist die Journalistin Nilufar Hamedi - sie hatte den Fall Amini als Erste veröffentlicht, so das Internet-Portal ANF News. Verhaftet wurde auch eine Reporterin, die über Aminis Beerdigung berichtet hatte, so "DIE ZEIT".

Amnesty International: Behörden setzen absichtlich tödliche Gewalt ein

"Die internationale Gemeinschaft hat die Pflicht, dieses Verbrechen aufzuklären und weitere Verbrechen verhindern, die von der Islamischen Republik verübt werden", erklärte der IHR-Vorsitzende Mahmood Amiry-Moghaddam. Amnesty International hatte am Freitag berichtet, die iranischen Behörden setzten absichtlich tödliche Gewalt zur Unterdrückung der anhaltenden Proteste ein. Sie hätten "ihre gut geschliffene Repressionsmaschinerie mobilisiert, um landesweite Proteste rücksichtslos zu unterdrücken".

Die Proteste im Iran waren durch den Tod Aminis ausgelöst worden. Die 22-jährige Kurdin war am 13. September in Teheran von der Sittenpolizei festgenommen worden, offenbar weil sie das islamische Kopftuch nicht den Regeln entsprechend trug. Amini brach nach ihrer Festnahme unter ungeklärten Umständen auf der Polizeiwache zusammen und wurde drei Tage später im Krankenhaus für tot erklärt.

Keine Akteneinsicht für Aminis Familie

Aminis Vater beklagte indes, dass ihm die Behörden keine Akteneinsicht im Fall erlauben. "Keiner gibt mir eine Antwort zum Tod meiner Tochter", wurde Amjad Amini am Sonntag von lokalen Medien zitiert. Die zuständigen Behörden "und auch die Gerichtsmedizin erlauben mir nicht mal Akteneinsicht", klagte er. Ihm werde nur immer wieder gesagt, dass er sich weiterhin gedulden müsse. Präsident Ebrahim Raisi habe versprochen, dass er den Fall untersuchen lassen werde. "Aber bisher ist noch nichts passiert", sagte er dem Nachrichtenportal Eghtesad-News zufolge. Die Anwälte Aminis hatten von der Justiz Akteneinsicht und die Videoaufnahmen der Polizei gefordert.

Sahedan: Proteste "blutig unterdrückt"

Gewaltsame Zusammenstöße hatte es am Freitag auch in Sahedan, der Hauptstadt der südöstlichen Provinz Sistan-Balutschestan, gegeben. Allein dort seien mindestens 41 Menschen getötet worden. Die Sicherheitskräfte hätten die Proteste dort "blutig unterdrückt", teilte IHR mit. Diese seien durch Berichte entfacht worden, wonach ein Polizeichef in der Hafenstadt Chabahar ein 15-jähriges Mädchen vergewaltigt haben soll, das der in der Provinz lebenden sunnitischen Minderheit angehört.

Sistan-Baluchestan an der Grenze zu Pakistan ist eine der ärmsten Regionen des Iran. Dort ist die Minderheit der Belutschen beheimatet, die größtenteils der sunnitischen Glaubensrichtung des Islam anhängen, während der Iran schiitisch dominiert ist.

IHR-Chef Amiry-Moghaddam erklärte, der Tod der Demonstranten, insbesondere derjenigen in Sahedan, sei ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". In den iranischen Staatsmedien wurden die Proteste in Sahedan als "terroristischer Vorfall" bezeichnet. Fünf Mitglieder der Revolutionswächter, des bewaffneten ideologischen Arms der Führung in Teheran, seien dabei getötet worden.

Quelle: Agenturen / ddj