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Iranerin wegen falschgetragenem Hijab umgebracht

19. Sept. 2022 · Lesedauer 4 min

Im Iran gerät die Polizei immer mehr unter Druck, nachdem die 22-jährige Mahsa Amini im Gewahrsam der Sittenpolizei gestorben ist. Sie war festgenommen worden, weil sie ihr Kopftuch nicht den Regeln entsprechend getragen hatte.

Seit der Iranischen Revolution 1979 gelten im Iran strenge Kleidervorschriften für Frauen. In der Öffentlichkeit müssen sie alle Körperteile außer Hände, Füße und Gesicht bedeckt halten und zwar mit dem Tschador, einem schwarzen Tuch, das über den ganzen Körper gelegt wird.

Vor allem in den Städten setzen Frauen diese Vorschriften immer weniger um. Sie entblößen nicht nur ihre Haare, sondern entsagen dem Tschador komplett und legen stattdessen Mäntel und Kopftücher (Hijab) an. In sozialen Medien werden sie zu Vorbildern und Modeikonen.

Festnahmen wegen "unislamischer Kleidung"

Dieser Kleiderwandel zieht jedoch zunehmend den Zorn erzkonservativer Politiker auf sich. Erst im Sommer unterzeichnete Präsident Ebrahim Raisi ein Dekret, das die Kleidung von Frauen strenger regelt. Verstöße sollten zudem in der Öffentlichkeit und im Internet strenger bestraft werden.

Infolge des Dekrets begann die Sittenpolizei nicht korrekt gekleidete Frauen mit aller Gewalt festzunehmen. So auch Mahsa Amini am vergangenen Dienstag, deren Kopftuch verrutscht war und die nun in Polizeigewahrsam gestorben ist. Die Polizei hatte die 22-Jährige kurdische Iranerin wegen ihrer "unislamischen" Kleidung festgenommen.

Polizei spricht von Herzversagen

Auf der Wache, so die Darstellung der Polizei, fiel sie wegen Herzversagens zunächst in Ohnmacht und dann ins Koma. Laut Innenminister Ahmad Vahidi habe Amini bereits früher gesundheitliche Probleme gehabt und sei am Kopf operiert worden. Die Familie bestreitet allerdings, dass Amini irgendwelche Herzprobleme gehabt haben soll.

In den sozialen Medien stellte man den Vorfall jedoch anders dar. Amini soll verhaftet worden sein, weil ein paar Haarsträhnen aus ihrem Kopftuch hervorragten. Die Polizei habe ihr nach ihrer Verhaftung auf den Kopf geschlagen, was zu einer Hirnblutung geführt habe. Laut einem Bericht von "RadioFreeEurope" sollen auch Augenzeugen die Schläge gesehen haben. Bereits bei der Einlieferung ins Spital soll sie hirntot gewesen sein, ihr Tod wurde aber erst am Freitag bestätigt.

Seitdem haben sich Medienberichten zufolge Tausende zu Protesten gegen das iranische Regime versammelt. Frauen schnitten sich aus Protest ihre Haare ab und verbrannten ihre Kopftücher.

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Innenministerium soll den Vorfall prüfen

Innenminister Vahidi weist die Vorwürfe zurück: "Wir haben keinen Bericht, dass die Aufsichtsbehörden diese Frau geschlagen haben. Wir sind uns dieses Vorfalls bewusst, ob er nun stattgefunden hat oder nicht. Im Grunde genommen hat die Sittenpolizei gar keine Mittel, um zuzuschlagen. Das heißt, sie hat weder Schlagstöcke noch andere Mittel."

Präsident Raisi beauftragte den Innenminister unterdessen mit einer Prüfung des Vorfalls und kondolierte der Familie von Amini. Ihre Leiche wurde laut Staatsfernsehen in die Gerichtsmedizin gebracht.

Große Bestürzung im Web

In Online-Netzwerken äußerten Künstler, Sportler und Politiker ihre Wut und Bestürzung. "Die Haare unserer Mädchen sind mit einem Leichentuch bedeckt", schrieben etwa die Spieler der Fußballnationalmannschaft im Onlinedienst Instagram.

"Wenn sie Muslime sind, möge Gott mich zum Ungläubigen machen", kommentierte der Stürmer von Bayer Leverkusen, Sardar Azmoun. Auf Twitter war der Hashtag #Mahsa_Amini am Sonntagmittag mit fast 1,5 Millionen Tweets an erster Stelle.

Der Enkel des einstigen religiösen Oberhaupts Khomeini schreibt auf Instagram, dass die Nachricht des Todes von Amini die Gefühle der Gesellschaft verletzte. Die Justiz dürfe den Tätern nicht gleichgültig gegenüberstehen. Mehrere Abgeordnete forderten die Veröffentlichung der Polizeivideos, um Klarheit zu schaffen. Der frühere iranische Präsident Mohammad Khatami sieht in den Methoden der Sittenpolizei einen Verstoß gegen die Scharia. 

Maximilian SperaQuelle: Redaktion / msp