APA - Austria Presse Agentur

Internationale Experten sehen Wien weiterhin als Terrorziel

30. Okt 2021 · Lesedauer 4 min

Wien ist nach Ansicht von internationalen Terrorexperten ein Ziel für Terroristen. "Wien ist eine attraktive Besuchsstadt, eine Kulturmetropole, die Hauptstadt" und damit "Herzschlag des Landes", sagt Rolf Tophoven.

Wien zu treffen, sei ein besonderer "Coup", der für große Aufmerksamkeit und viele Schlagzeilen sorge, so der Direktor des Instituts für Krisenprävention (IFTUS) in Essen, im Gespräch mit der APA.

Auch der Direktor des in Den Haag ansässigen Internationalen Centers für Terrorismusbekämpfung (ICCT), Thomas Renard, erklärt: "Wien ist ein potenzielles Ziel - aber nicht mehr als jeder andere Platz in der Welt, der eine gewisse Zahl von radikalisierten Individuen auf seinem Territorium hat." Terroristen wählen Ziele mit symbolischer Bedeutung, sagt Renard und ergänzt, dass es oft ein gewisses Maß an Opportunismus gebe, wenn Einzelpersonen Ziele aussuchten, die mit ihnen direkt in Resonanz stehen, etwa in ihren Heimatgemeinden.

Der Anschlag von Wien sei bemerkenswert, weil Österreich zuvor "von Terroranschlägen und jihadistischer Propaganda relativ verschont geblieben" sei. Plötzlich sei das Bewusstsein erwacht, dass auf Österreich auch abgezielt werden könnte, erklärt Renard. Hinzu komme, dass es sich bei dem Attentäter um jemanden gehandelt habe, der eine Zeit lang im Gefängnis verbracht und in einem Deradikalisierungsprogramm war. Dass der Mann, der "das ganze Justizsystem" durchlaufen hatte, diese Attacke verübte, habe wohl das Sicherheitsgefühl vieler Menschen erschüttert.

Terrorgefahr in Europa weiterhin vorhanden

Beide Experten erachten die Terrorgefahr in Europa weiterhin als vorhanden an. Die Schwächung des IS in Syrien habe es der Organisation verunmöglicht, Kämpfer in Terrorlagern auszubilden, während die Corona-Pandemie die Fähigkeit von Gruppen erschwert habe, zu rekrutieren und offline zu organisieren, wie Renard betont. Die Terrorgefahr sei damit "weniger organisiert und eher diffus."

Es gebe "mehr Einzelakteure von verschiedenen Seiten, nicht nur islamistisch, sondern auch Extremisten von Rechtsaußen und Linksaußen." Als Gründe nennt Renard etwa das Aufblühen von Verschwörungstheorien in der Covid-Krise, zunehmende Radikalisierung in Sozialen Medien, die Anti-Impfbewegung. Viele Menschen hätten das Gefühl dafür verloren, "was richtig und was falsch ist".

Einzeltäter kaum zu verhindern

Einen Terroranschlag abzuwenden, ist nach Ansicht beider Experten schwierig. Tophoven betont: "Individualtäter sind nicht auszuschließen und nicht zu verhindern." Es brauche, um einen potenziellen Gefährder rund um die Uhr zu überwachen, fast 20 Beamte. Das sei personell und finanziell nicht zu machen, so Tophoven, der aber auch auf die Möglichkeit der elektronischen Überwachung verweist.

Nach einer Tat "heißt es immer, der Attentäter war der Polizei bekannt, ist zuvor schon straffällig geworden", berichtet Tophoven. Aber "es hat nicht gereicht, um ihn aus dem Verkehr zu ziehen". Unterschiedliche Länder würden außerdem unterschiedlich definieren, wer überhaupt als Gefährder zählt.

Ähnlich äußert sich Renard: "In neun von zehn Terrorattacken wird man im Nachhinein feststellen, dass man sie verhindern hätte können, wenn man allen Details Aufmerksamkeit geschenkt und die Informationen ordentlich weitergegeben hätte." Aber das sei eben nicht immer möglich. "Die Dienste sind beschränkt in ihren Ressourcen, und sie haben auch andere Herausforderungen."

Niederländische Strategie sehr erfolgreich

Renard beurteilt die niederländische Strategie zur Terrorbekämpfung als erfolgreich. Seit dem Mordanschlag auf den Filmregisseur Theo van Gogh 2004 durch einen islamistischen Fundamentalisten engagiere sich das Land in der Terrorprävention, berichtet der ICCT-Direktor. Die Niederlande versuchen auf niedrigem Niveau in den Gemeinden, Radikalisierung zu entdecken und frühzeitig zu reagieren.

Zudem habe das Land einen umfassenden Ansatz der Deradikalisierung, welcher Geheimdienste, die Justiz, lokale Polizeibeamte, Gemeindevertreter und andere relevante Akteure an einen Tisch bringe. Auch Dänemark und Großbritannien gingen einen ähnlichen Weg.

Tophoven seinerseits erachtet die Kommunikation in Europa für "extrem verbesserungswürdig". Nationale Sicherheitsbehörden würden "noch zu sehr im eigenen Saft schmoren", auch was die Weitergabe von Erkenntnissen betrifft. Anfragen bei Interpol würden häufig sehr lange dauern. Auch von nationalen Hau-ruck-Aktionen hält der Experte wenig. "Wenn etwas passiert, bricht immer hektische Aktivität aus. Man schreit nach neuen Gesetzen und Verordnungen. Die haben relativ wenig gebracht", erklärt Tophoven.

Quelle: Agenturen / hos