AFP

"Feuerball am Himmel": Drohnen-Angriffe auf Kiews Zentrum

16. Okt. 2022 · Lesedauer 4 min

Bei russischen Angriffen auf die ukrainische Hauptstadt Kiew und andere Orte des Landes sind am Montag nach amtlichen Angaben mindestens sechs Menschen getötet worden.

Im Visier war erneut auch die Energie-Infrastruktur, es gab nach ukrainischen Angaben Stromausfälle in "hunderten Orten". In Kiew wurde ein Wohngebäude getroffen. Präsident Wolodymyr Selenskyj verurteilte die neuen Angriffe mit Raketen und Drohnen als Terror gegen die Zivilbevölkerung.

Karte, die die Raketenangriffe zeigt.

In Kiew seien drei Tote geborgen worden, teilte der stellvertretende Chef des Präsidialbüros, Kyrylo Tymoschenko, im Nachrichtenkanal Telegram mit. 19 Menschen seien aus den Trümmern eines Hauses gerettet worden. "Die Arbeiten dauern an", berichtete Tymoschenko am Nachmittag. Wieder galt Luftalarm in dem Land.

Unter den Toten in Kiew sei auch ein junges Paar, erklärte Bürgermeister Witali Klitschko. "Die Frau war im 6. Monat schwanger." Er hatte zuvor von einer toten Frau gesprochen und einer noch vermissten Person. Die Behörden in Sumy sprachen von mindestens drei Toten und neun Verletzten. Am Morgen seien drei russische Raketen in ein ziviles Ziel eingeschlagen, teilte Gouverneur Dmytro Schywyzkji, mit. "Unter den Trümmern befinden sich noch immer Menschen." Berichte über russische Angriffe gab es auch aus den Gebieten Dnipropetrowsk und Odessa.

Kamikaze-Drohnen

Innenminister Denys Monastyrskyj zufolge wurden in Kiew auch zwei Rettungskräfte verletzt. Insgesamt habe Russland mit etwa 40 Drohnen angegriffen, von denen fünf Kiew getroffen hätten, sagte Monastyrskyj der Agentur Ukrinform zufolge. Das russische Verteidigungsministerium in Moskau teilte mit, die Luftangriffe hätten sich gegen Energie-Infrastruktur und militärische Stellen gerichtet. Nach Angaben von Ministerpräsident Denys Schmyhal waren "hunderte Orte" ohne Strom.

Präsident Wolodymyr Selenskyj verurteilte die neuen Angriffe mit Raketen und Drohnen als Terror gegen die Zivilbevölkerung. In der Region Mykolajiw trafen russische Drohnen nach Angaben von Gouverneur Witali Kim das Areal eines Unternehmens für Sonnenblumenöl. Ein Feuer brach aus, die Flüssigkeit ergoss sich daraufhin aus Tanks auf umliegende Straßen.

Das ukrainische Militär hat seit Sonntagabend nach eigenen Angaben 37 russische Drohnen abgeschossen. Das seien um die 85 bis 86 Prozent der Drohnen, die bei den jüngsten Angriffen eingesetzt worden seien, teilte ein Sprecher der ukrainischen Luftwaffe mit. Selenskyjs Stabschef Andrij Jermak sprach auf Telegram von Angriffen mit sogenannten Kamikaze-Drohnen. "Die Russen denken, dass es ihnen helfen wird", sagte Jermak, "es zeigt ihre Verzweiflung."

Auch Österreichs Botschafter in Kiew, Arad Benkö, reagierte auf die Angriffe: "Erneute Kamikaze-Drohnenangriffe auf Kiew. Reiner Terror", schrieb er im Kurznachrichtendienst Twitter zu Agenturbildern, die eine Explosion und eine Drohne im Anflug zeigen, sowie den Versuch, eine Drohne mit einem Gewehr abzuschießen.

Raketen als Vergeltung

Vor einer Woche hatte Russland mit Raketen ebenfalls zum Wochenbeginn im Berufsverkehr in der Früh das Zentrum von Kiew und zahlreiche andere Städte beschossen. Als Vergeltung für eine Explosion auf der Brücke zu der von Moskau annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim gekommen. Dabei starben mehr als ein Dutzend Menschen, mehr als 100 wurden verletzt.

Die Brücke, die über die Straße von Kertsch führt und die 2014 von Russland annektierte ukrainische Halbinsel Krim mit dem russischen Kernland verbindet, ist von großer Bedeutung für den Nachschub der russischen Truppen im Süden der Ukraine. Dass sie nun stark beschädigt ist, verschärft nach Einschätzung des britischen Geheimdienstes die Versorgungslage der russischen Truppen. Die Nachschubwege auf dem Landweg durch die Region Saporischschja werde immer wichtiger, twitterte das britische Verteidigungsministerium aus dem aktuellen Geheimdienstbericht. Die russischen Truppen in der Südukraine würden vermutlich jetzt ihren Nachschub über die Hafenstadt Mariupol verstärken.

Nach Angaben des Generalstabs der ukrainischen Streitkräfte beschossen russische Streitkräfte weiterhin ukrainische Stellungen an mehreren Fronten, darunter Städte in den Regionen Charkiw, Donezk und Cherson. Die schwersten Kämpfe fänden nördlich von Bachmut statt, schrieb der ukrainische Militärexperte Oleh Schdanow in der Nacht auf Montag im Internet. Das Verteidigungsministerium in Moskau berichtete, russische Truppen hätten einen versuchten Durchbruck ukrainische Einheite in der Region Cherson vereitelt.

Quelle: Agenturen