APA - Austria Presse Agentur

Fehler der USA in Afghanistan rächen sich

16. Aug 2021 · Lesedauer 4 min

Beim Aufbau der afghanischen Armee hat die USA schwere Fehler gemacht. Das zeigt nun eine Ursachenforschung nach der Machtübernahme der radikal-islamischen Taliban.

Die weitgehend kampflose Niederlage der afghanischen Armee gegen die radikalislamischen Taliban hat im Westen offenes Entsetzen ausgelöst. Von mangelnder Kampfmoral ist vielfach die Rede. Doch bei einer genaueren Ursachenforschung stellt sich rasch heraus, dass vor allem das US-Verteidigungsministerium über Jahre schwere Fehler beim Aufbau der afghanischen Streitkräfte und bei der Einschätzung ihrer Kampffähigkeit gemacht hat:

Die falsche Ausrüstung

Die USA gaben in den vergangenen 20 Jahren rund 83 Milliarden Dollar für den Aufbau und die Ausrüstung der afghanischen Armee aus - in Anlehnung an die eigenen Streitkräfte. In der Praxis bedeutete dies eine hohe Abhängigkeit von Luftunterstützung und eine High-Tech-Ausrüstung etwa für die Kommunikation in einem Land, in dem nur rund 30 Prozent der Bevölkerung überhaupt über eine zuverlässige Stromversorgung verfügt.

Flugzeuge, Hubschrauber, Drohnen, gepanzerte Fahrzeuge und Nachtsicht-Geräte: Die USA sparten nicht bei den Ausgaben. Zuletzt bekamen die Afghanen sogar das letzte Modell des Black Hawk Kampfhubschraubers.

Doch die afghanischen Soldaten - viele von ihnen junge Männer, die Analphabeten sind - hatten gar nicht die Infrastruktur, um modernste Militärtechnik am Laufen zu halten. Letztlich waren sie unfähig, einen wirkungsvollen Widerstand gegen die weit schlechter ausgerüsteten Taliban zu organisieren, die noch dazu in der Unterzahl waren.

Ralph Schöllhammer, Politikwissenschaftler an der Webster Private University, sagt, dass die USA ihre Truppen länger im Land lassen hätten sollen.

Die Fähigkeiten der afghanischen Armee seien gnadenlos überschätzt worden, sagt John Sopko, der US-Generalinspekteur für den Wiederaufbau Afghanistans (Sigar). Er ist sich sicher, dass die US-Militärs "wussten, wie schlecht die afghanische Armee war".

In seinem letzten Bericht für den US-Kongress von vor wenigen Tagen schrieb er, dass "die hochentwickelten Waffensysteme, Fahrzeuge und Logistik des westlichen Militärs über die Fähigkeiten der in weiten Teilen analphabetischen und schlecht ausgebildeten afghanischen Streitkräfte hinausgingen".

Übertriebene Armeestärke

Monatelang sprachen Vertreter des Pentagon von der zahlenmäßigen Überlegenheit der afghanischen Armee gegenüber den Taliban: Angeblich 300.000 Angehörige in Armee und Polizei, während für die Taliban 70.000 angegeben wurden.

Aber diese Zahlen waren nach Einschätzung des Anti-Terror-Zentrums an der renommierten US-Militärakademie von West Point massiv aufgeblasen. Nach dessen Zahlen vom Juli 2020 waren lediglich 185.000 der 300.000 Soldaten oder Spezialkräfte unter Kontrolle des afghanischen Verteidigungsministeriums, der Rest waren Polizisten und anderes Sicherheitspersonal. Von den Soldaten wiederum waren demnach kaum 60 Prozent für den Kampf ausgebildet.

"Der Standard"-Journalistin Gudrun Harrer macht für den Fall Afghanistans ein "Gemisch aus einer völlig überschätzten Armee", Panik sowie Schrecken verantwortlich. 

Eine treffendere Schätzung der Armeestärke liege daher bei 96.000 Kräften, wenn die 8.000 Luftwaffen-Angehörigen abgezogen werden, schlussfolgerten die Analysten von West Point.

Hinzu kamen massive Beeinträchtigungen durch die vielen Deserteure - laut einem Sigar-Bericht ein Dauerproblem der afghanischen Armee. Demnach musste die Armee jedes Jahr rund 25 Prozent ihrer Angehörigen ersetzen, meist wegen Fahnenflucht.

Ohne Bezahlung und Unterstützung

Die Gehälter der afghanischen Soldaten wurden jahrelang vom US-Verteidigungsministerium bezahlt. Doch nach der US-Ankündigung des Abzugs der eigenen Truppen im April ging dies auf die Regierung in Kabul über. Zahlreiche afghanische Soldaten beschwerten sich in den Online-Netzwerken darüber, dass sie seit Monaten keinen Lohn bekommen hätten. Und in vielen Fällen hätten ihre Einheiten auch kein Essen mehr oder sonstige Unterstützung bekommen - nicht einmal Munition. Der rasche US-Truppenabzug gab ihnen den Rest.

Militärexperte Gerald Karner spricht mit PULS 24 über das Scheitern des Westens in Afghanistan.

Halbherzige Versprechungen

US-Vertreter versicherten wiederholt, dass Washington die afghanische Armee auch nach dem vollständigen US-Abzug am 31. August unterstützen werde. Aber sie führten nie aus, wie das logistisch zu bewerkstelligen sein sollte.

US-Verteidigungsminister Lloyd Austin sprach bei seinem Besuch in Kabul im Mai von der Möglichkeit, die afghanische Luftwaffe mittels "Über den Horizont"-Logistik zu unterstützen. Dieses schwammige Konzept umfasste den Einsatz von virtuellen Trainingseinheiten via Video-Zoom-Konferenzen. Angesichts der Tatsache, dass dazu Computer und Smartphones mit sehr guter WLAN-Verbindung nötig wären, schien dieser Ansatz recht illusorisch.

Der frühere US-Botschafter in Kabul, Ronald Neumann, hätte sich gewünscht, dass sich die US-Truppen "mehr Zeit genommen hätten" beim Abzug. Dass US-Präsident Joe Biden auch den Abzug von US-Subunternehmen im Bereich Logistik beschloss, kann Neumann nicht verstehen: "Wir haben eine Luftwaffe aufgebaut, die von der Wartung durch Subunternehmen abhängig war - und dann haben wir die Subunternehmer abgezogen."

 "Der Westen ist dramatisch gescheitert" sagt PULS 24 Chefredakteur und Nahostexperte Stefan Kaltenbrunner in seiner Analyse.

Quelle: Agenturen / pea