Kretschmer: Proteste in China "wie seit Jahrzehnten nicht mehr"

28. Nov. 2022 · Lesedauer 2 min

Thomas Seifert, stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung", attestiert den Demonstranten "größten Mut".

Die Proteste in China gegen die rigide Corona-Politik und das Regime im Allgemeinen beurteilen politische Beobachter als bemerkenswert. So sagt Fabian Kretschmer, Asien-Korrespondent mit Sitz in Peking, im Gespräch mit PULS 24 Anchor Jakob Wirl über die Demonstranten in China: "Das hat man seit Jahrzehnten nicht mehr gehabt, dass im ganzen Land gleichzeitig Proteste ausbrechen."

In den vergangenen Jahren, führt Kretschmer aus, habe es in dem 1,4-Milliarden-Einwohner-Land allenfalls lokale Arbeits- oder Umweltproteste gegeben. Nun gebe es "breiten Dissens" gegen die Führung in Peking. Über den offenen Protest sagt Kretschmer, dieser sei "wirklich bemerkenswert, weil jeder, der an einem Protest teilnimmt, dies mit dem Wissen tut, dass er verhaftet werden ksnn. Das ist wirklich kein Spaß hier in China, wo es keine Meinungsfreiheit gibt."

Proteste gegen Null-Covid

Mit Blick auf die strikten Corona-Maßnahmen ("Null-Covid") im Reich der Mitte konstatiert Kretschmer: "Die Leute halten sich nicht mehr daran." Es werde in absehbarer Zeit, vielleicht noch 2022, vielleicht im Frühjahr, "ein Wendepunkt" zu Lockerungen kommen.

Seifert: "Was die Demonstranten machen, erfordert größten Mut"

Auch Außenpolitik-Experte Thomas Seifert von der "Wiener Zeitung" hält die chinesischen Proteste im Gespräch mit PULS 24 für historisch. Auf die Frage von PULS 24 Anchor Wirl, ob das demonstrative Hochhalten von weißen Zetteln in einer Diktatur wie China nicht dennoch zu martialischen Strafen führen könne, sagt Seifert: "Was die Demonstrantinnen und Demonstranten hier machen, erfordert größten Mut. Jene Person, die zum Beispiel die Ablöse von Xi Jinping verlangt hat, ist dann sofort in einem Polizei-Van verschwunden und damit weg, nicht mehr auffindbar. Bei dieser Leerstelle (auf den Transparenten, Anmerkung der Redaktion) kann sich jeder denken, was gemeint ist. Es wird Gerichtsverfahren geben, China ist pro forma ein Rechtsstaat. Es werden sich dann andere Anklagepunkte finden lassen. Aber die Demonstranten geben das Regime der Lächerlichkeit preis. Sie weisen mit cleveren Mitteln darauf hin, dass hier Zensur und eben keine Meinungsfreiheit herrscht."

Quelle: Redaktion / kap