APA - Austria Presse Agentur

Eritrea zieht Truppen aus äthiopischer Region Tigray zurück

26. März 2021 · Lesedauer 3 min

Im Tigray-Konflikt will Eritrea nach Angaben der äthiopischen Regierung seine Truppen aus Äthiopien abziehen. Das hätten Gespräche mit Eritreas Präsident Isaias Afewerki ergeben, teilte Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed am Freitag mit. Lange hatte Abiy die Verwicklung eritreischer Truppen in den Konflikt mit der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) im Norden Äthiopiens abgeschritten. Laut UNO wurden zwei Flüchtlingslager für Eritreer dort "vollständig zerstört".

Es handle sich um die beiden Flüchtlingslager Shimebela und Hitsats, sagte der Sprecher des UNO-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR), Boris Cheshirkov, am Freitag in Genf. Alle humanitären Hilfseinrichtungen vor Ort seien "geplündert" worden. Der andauernde Konflikt hat bereits Hunderttausende Menschen in die Flucht getrieben und große Zerstörung angerichtet.

Die Regierung in Addis Abeba hatte im November eine Militäroffensive gegen die TPLF begonnen, die bis dahin in der gleichnamigen Region an der Macht war und zuvor jahrzehntelang das gesamte Land dominiert hatte. Gut drei Wochen später verkündete Abiy die Einnahme der Regionalhauptstadt Mekelle und das Ende des Militäreinsatzes. Die Präsenz eritreischer Truppen hatte Abiy bisher immer abgestritten. Experten zufolge waren die eritreischen Truppen jedoch auf "Einladung" Abiys in Äthiopien, um die Streitkräfte seines Landes zu unterstützen.

Allerdings sagte Abiy am Freitag, die eritreischen Truppen hätten die Grenzen des Nachbarlandes Äthiopien überschritten, nachdem die TPLF Raketen in Richtung Eritreas Hauptstadt Asmara geschossen hätten. Eritrea habe weitere Angriffe verhindern und seine Sicherheit wahren wollen. Nun übernähmen äthiopische Truppen die Sicherung der Grenzgebiete, sagte er.

Das volle Ausmaß des Konflikts in Tigray ist noch unklar. Monatelang waren Telefon- und Internetverbindungen gekappt, viele Bewohner hatten kein Strom und Wasser. Humanitäre Helfer schätzen, dass ein Großteil der Bevölkerung in Tigray auf Hilfsmittel angewiesen sei. Allerdings klagten viele Organisationen lange, dass sie keinen vollen Zugang zu allen Notleidenden hatten. Dem UN-Nothilfebüro OCHA zufolge sind mehr als 500.000 Menschen innerhalb Äthiopiens auf der Flucht und mehr als 60.000 sind in das Nachbarland Sudan geflohen. Andere Organisationen sprechen von über zwei Millionen Vertriebenen in der Region.

Betroffen sind nicht nur Bewohner von Tigray, sondern auch eritreische Flüchtlinge. Die beiden zerstörten Flüchtlingscamps Shimbela und Hitsats beherbergten einst rund 20.000 Menschen, erklärte das UNHCR. Sie seien zerstört und geplündert worden. Mitarbeiter hatten die Lager erstmals seit vergangenen November erreicht. UNHCR vermutet, dass die Einrichtungen Ende Dezember oder im Jänner zerstört wurden, Gewissheit darüber gibt es aber nicht.

Etwa 7.000 bis 10.000 Flüchtlinge sind demnach in anderen Lagern angekommen oder halten sich in der Region auf. Was mit den anderen passiert sei, wisse man bisher nicht. Auch ob Menschen gegen ihren Willen über die Grenze nach Eritrea gebracht wurden, sei unklar, hieß es.

Äthiopien hatte lange bestritten, dass eritreische Truppen in Tigray präsent waren. Erst am Dienstag hatte Regierungschef Abiy Ahmed dies erstmals bestätigt. Jüngst war der internationale Druck auf Äthiopien gestiegen, die Soldaten Eritreas auszuweisen. Human Rights Watch (HRW), Amnesty International und die äthiopische Menschenrechtskommission (EHRC) warfen den eritreischen Truppen grobe Menschenrechtsverstöße vor. Zudem verkündete das UNO-Menschenrechtsbüro jüngst, gemeinsam mit der EHRC mutmaßliche Menschenrechtsverletzungen aller Konfliktparteien in Tigray untersuchen zu wollen.

Äthiopien und Eritrea trugen von 1998 bis 2000 einen blutigen Grenzkonflikt aus und unterhielten danach jahrelang keine diplomatischen Beziehungen. Erst 2018 begruben beide Länder das Kriegsbeil. Auch dafür bekam Abiy 2019 den Friedensnobelpreis. Trotz des Friedensabkommens haben Eritrea und die verfeindeten Tigrayer ihre Differenzen nie ganz beilegen können. Abiy geriet wegen des Militäreinsatzes zuletzt zunehmend unter Druck.

Die Tigrayer, die nur sechs Prozent der äthiopischen Bevölkerung stellen, dominierten das Land bis Abiys Amtsantritt 2018 und hatten viele hohe Ämter in Politik und Militär inne. Abiy entmachtete sie schrittweise. Viele Menschen in Tigray fühlen sich seither von der Zentralregierung nicht vertreten und fordern mehr Autonomie, was im vergangenen Jahr auch zu dem militärischen Konflikt mit Addis Abeba führte. Im Vielvölkerstaat Äthiopien mit seinen mehr als 110 Millionen Einwohnern gibt es etliche ethnische Spannungen.

Quelle: Agenturen