Diakonie und Rotes Kreuz sorgen sich um Pflegepersonal

14. Apr. 2022 · Lesedauer 4 min

Zwei große Hilfsorganisationen haben ein weiteres Mal vor einem Pflegenotstand gewarnt - und sehen diesen zum Teil schon eingetroffen. "Es ist fünf nach zwölf in der Personalfrage", sagte Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser am Donnerstag bei einer Pressekonferenz unter dem Motto "Karwoche ist Care-Woche" am Gründonnerstag. Auch das Rote Kreuz sieht die derzeitige Situation drastisch.

Konkret fordert die Diakonie eine Anpassung der Personalschlüssel in Pflegeberufen und faire Entlohnung, auch für Menschen in der Ausbildung. Es gebe genügend Menschen, die sich für den Pflegeberuf interessieren, einige würden aber die Ausbildung abbrechen, weil sie es sich nicht leisten könnten, so Moser. "Wir brauchen eine ordentliche Pflegereform und wir brauchen sie jetzt". Nichts sei von den ursprünglichen Plänen bis jetzt umgesetzt worden, und das schon beim "übernächsten Sozialminister", kritisiert die Diakonie-Direktorin. Bis 2030 brauche Österreich 80.000 bis 100.000 zusätzliche Pflegekräfte, daher sei eine Personaloffensive notwendig.

"Stellen wir uns vor, was passieren würde, wenn die vielen Frauen und zunehmend mehr Männer aufhören, Kinder zu betreuen, Menschen im Alter zu pflegen oder Menschen mit Behinderungen zu assistieren. Und doch bekommt die Care-Arbeit nicht die gesellschaftliche Wertschätzung, die sie verdient", kritisiert Moser.

Ein Hindernis für die Interessenten einer Pflegeausbildung sei das Fehlen einer zentralen Informationsstelle, da die Ausbildungen und Fördermöglichkeiten in den Bundesländern unterschiedlich seien. Größter Faktor aber sei die Leistbarkeit. Einige Bundesländer würden zwar das Schulgeld übernehmen, die Lebenserhaltungskosten würden aber weiterhin ein großes Problem darstellen. Es brauche daher ein Ausbildungsgehalt von 1.500 bis 1.700 Euro monatlich, ähnlich jenem von Polizeischülern. Besonders für Berufsumsteiger sei eine Pflegeausbildung derzeit kaum möglich. Die 50 Millionen Euro jährlich, die in den kommenden Jahren dafür budgetiert seien, würden dafür nicht ausreichen.

Weiters wünscht sich Moser eine Änderung der Pflegegeldeinstufung. Neben physischer Gesundheit solle vor allem Demenz mehr berücksichtigt werden. "Pflege geht weit über eine körperliche Versorgung hinaus. Sie bedeutet ganzheitliche Begleitung und erfordert ein hohes Maß an Beziehungsarbeit", sagt Johannes Strasser, Leiter einer Pflegeeinrichtung für Menschen im Alter. Diese Beziehungsarbeit sei aber nur mit einem angepassten Personalschlüssel möglich.

Zum Teil sei es in der Langzeitpflege schon bittere Realität, dass Betten gesperrt werden müssen, weil Personal fehle, so Moser.

Auch das Österreichische Rote Kreuz (ÖRK) forderte am Donnerstag mit Nachdruck eine Pflegereform ein. "Aufgrund des eklatanten Personalmangels sind wir mitten in einer Versorgungskrise", stellte ÖRK-Generalsekretär Michael Opriesnig in einer Pressekonferenz in Wien fest. Man stehe mit dem Rücken zur Wand, eine "rasche Weichenstellung für die Zukunft" sei unabdingbar.

Aufgrund der Corona-Krise hätten es die politischen Entscheidungsträger verabsäumt, im Bereich Pflege dringende Maßnahmen anzugehen und umzusetzen, monierte Opriesnig. Nun hätten sich nach mehr als zwei Jahren Pandemie zahlreiche überlastete bzw. ausgebrannte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verabschiedet - gesperrte Stationen in den Spitälern und Wartelisten bei der Hauskrankenpflege seien die Folge der personellen Engpässe. "Der Personalmangel muss im Mittelpunkt der Pflegereform stehen", betonte Opriesnig. Denn bis 2030 würden rund 100.000 Pflegefachkräfte fehlen.

Der ÖRK-Generalsekretär verlangte Investitionen in Ausbildungsplätze für Pflege und Sozialberufe und Stipendien und Förderungen, um junge Leute und Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger für den Beruf zu gewinnen. Berufserfahrene Fachkräften sollten mehr Möglichkeiten zur Spezialisierung und Weiterbildung erhalten - die erworbenen Zusatzqualifikationen gehören nach Ansicht von Opriesnig auch in finanzieller Hinsicht anerkannt und in der Tarifgestaltung berücksichtigt. "Nur mit beruflichen Perspektiven und finanzieller Unterstützung können Pflegekräfte auch langfristig für ihren Beruf begeistert werden", bekräftigte der ÖRK-Generalsekretär.

Quelle: Agenturen