Deutscher Ex-Minister will "sensible Menschen" in Politik
"Ich wollte nie als harter Hund politisch reüssieren und mir auch nie ein dickes Fell zulegen", betont Roth in einem Videogespräch mit der APA. "Ich finde nach wie vor, sensible Menschen sollten in der Politik willkommen sein und nicht nur dort." Solchen Menschen will er mit seinem Buch "Zonen der Angst" Mut machen. Roth erzählt darin seine Geschichte als Mensch und Politiker: Als empfindsamer Bub in einer Bergbauhochburg dicht an der damaligen "Zonengrenze" zur DDR, als beschämter Sohn eines gewalttätigen Alkoholikers, als Homosexueller, der seine sexuelle Orientierung selbst vor der geliebten Großmutter verbarg und als Politiker, der zwischen Prinzipientreue und Parteidisziplin zerrieben wurde.
Über die Jungsozialisten kam Roth in die Politik, wurde 1998 mit gerade einmal 28 Jahren in den Bundestag gewählt. Das gleißende Rampenlicht verdrängte die private Düsternis, die politische Rastlosigkeit ließ keinen Platz für persönliche Befindlichkeiten. Die Politik sei "ein Betätigungsfeld, in das ein psychisch erkrankter Mensch flüchten kann, um sein Leiden zu verdängen - jedoch nur auf Zeit, und zu einem hohen Preis", steht im ersten Kapitel des Buches mit dem Titel "Fall ins Bodenlose".
Roths persönlicher Zahltag war der Silvester des Jahres 2021. Nachdem er trotz eines fulminanten Wahlerfolgs vom neuen Bundeskanzler Olaf Scholz bei der Regierungsbildung komplett übergangen worden war, brach Roth im Weihnachtsurlaub auf Mallorca zusammen. Sein Neujahrsvorsatz war einer, der hielt: Er begann eine Therapie, an deren Ende der endgültige Ausstieg aus der Politik stand - und die schonungslose Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte. Vieles, was er in dem Buch schreibt, konnte er zuvor nicht einmal nächsten Angehörigen, Freundinnen und Freunden anvertrauen.
Für politisch Interessierte sind vor allem die Schilderungen aus dem Inneren der deutschen Politik interessant, gestaltete Roth diese doch ein Vierteljahrhundert lang in führenden Positionen mit - acht Jahre davon als Europa-Staatsminister der Chefdiplomaten Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel und Heiko Maas. Wie weit zurück Roths Anteil an den deutschen Staatsgeschäften reicht, zeigt sich schon an der Verwendung längst vergessener politischer Begriffe wie "WASG", "Grexit" oder "Lissabon-Strategie".
"Fühlte mich wie in einem Kühlschrank"
Bei so mancher Schilderung parteiinterner Abläufe kommt dem Leser die bekannte Steigerungsform "Feind-Erzfeind-Parteifreund" in den Sinn. Dass es innerhalb einer Partei zu stärkeren Verletzungen kommt, "liegt natürlich auch daran, dass man wie in einer Familie besonders enttäuscht ist, wenn jemand aus der Familie etwas tut, was einen persönlich verletzt oder was in einen Konflikt mündet", erläutert Roth im APA-Gespräch.
Er sei mit sich selbst im Reinen, das Buch sei keine Abrechnung, so Roth. Doch es offenbart ein erschreckendes Sittenbild der deutschen Sozialdemokraten. Man sieht einen Fraktionschef, der seinem Abgeordnetenkollegen nach einem Streit über die Ukraine-Politik im persönlichen Gespräch versichert, dass wieder alles in Ordnung sei - fortan in den Gängen des Bundestags aber grußlos an ihm vorbeigeht. Man spürt die Intrigen des Juso-Chefs, der sich im Ringen um den Parteivorsitz hinter Getreuen verschanzt, die Roth bei Parteitreffen mit per E-Mail übermittelten provokanten Fragen aus der Fassung bringen sollen. Die Rechnung geht auf: Der Juso-Chef bringt seine Wunschkandidaten in der Mitgliederabstimmung um den SPD-Vorsitz durch. Roth nimmt das nicht so locker wie der damals ebenfalls geschlagene Olaf Scholz - dem später die Kanzlerkandidatur angetragen wird.
"Ich habe ja auch mal davon gesprochen, dass ich, wenn ich in die Gremien meiner Partei kam, mich wie in einem Kühlschrank fühlte", erzählt Roth. Ob er einmal an Parteiaustritt gedacht habe? "Nein, nein, nein", unterstreicht er. Der SPD habe er nämlich sehr viel zu verdanken. Tatsächlich gehörte er im Parlament trotz seiner oft sehr prononcierten Haltungen nie zu Abweichlern, stimmte etwa entgegen der eigenen Überzeugung gegen einen oppositionellen Antrag für die Lieferung von Taurus-Waffen an die Ukraine. Gedankt wurde ihm die Disziplin von den eigenen Parteifreunden nicht. Der Schlusspunkt kam im Dezember 2023. Als er am SPD-Parteitag nicht mehr in den Parteivorstand gewählt wurde, schloss er mit seiner politischen Karriere ab.
"Ganz großes Interesse, dass Merz ein erfolgreicher Kanzler wird"
Seit der Bundestagswahl Anfang 2025 Ex-Abgeordneter, wünscht der Sozialdemokrat dem konservativen Regierungschef Friedrich Merz alles Gute. "Ich habe ein ganz, ganz großes Interesse, dass Friedrich Merz ein erfolgreicher Kanzler und ein erfolgreicher Staatsführer in Europa wird", so Roth. "Wenn er scheitert, und wenn diese Koalition, an der ja auch meine Partei beteiligt ist, scheitert, brauchen die völkischen Demagogen der AfD gar nicht mehr viel zu tun. Dann bekommen sie die Macht auf dem Silbertablett serviert."
Roth signalisiert Zustimmung für einen Verbotsantrag gegen die AfD. Dies sei aber "keine Strategie, um die AfD kleiner zu machen", genauso wenig wie eine Regierungsbeteiligung. "Also ich halte überhaupt nichts davon, die Republik zu retten, indem man ihre Gegner in die Regierung holt. Das ist in der Geschichte immer wieder gescheitert." Sollte die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September eine absolute Mehrheit erreichen, sei das Wählervotum "natürlich auch zu respektieren".
EU-Staaten "ziemlich kleine Fische in einem Teich voller Hechte"
Roth zählte von Anfang an zu den entschlossenen Unterstützern der Ukraine in ihrem Selbstverteidigungskrieg gegen Russland, zunächst gegen breiten Widerstand auch in der eigenen Partei. Letztlich sei "fast alles so gekommen, wie ich es etwas früher als andere und etwas lauter als andere eingefordert habe", sieht sich der frühere Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag in seiner Position bestätigt. "Deshalb bleibe ich dabei: Das einzige Mittel, das Putin an den Verhandlungstisch zwingen kann, ist Druck und eine weiterhin entschlossene Unterstützung des Westens gegenüber der Ukraine."
Der bekennende Anhänger eines europäischen Bundesstaates zeigt sich auch ermutigt von der Reaktion der EU-Staaten auf die Erpressungspolitik von US-Präsident Donald Trump in Sachen Grönland. Er habe "das erste Mal den Eindruck, dass man erkennt, Duckmäusertum und Trump Honig um den Bart schmieren reicht nicht. Wir müssen unsere wirtschaftliche Stärke, die wir ja haben, in politische Stärke und Selbstbewusstsein ummünzen und das ist uns in dieser Frage gelungen", so Roth. Zu einem gemeinsamen europäischen Vorgehen sieht er keine Alternative. "Man muss kein europäischer Föderalist sein, um zu erkennen: Wir sind alle ziemlich kleine Fische in einem Teich voller Hechte, und diese Hechte haben es auf uns abgesehen."
"Mein eigenes Land ist mir fremd geworden"
Zu schaffen macht Roth die zunehmende Israel-Kritik in Deutschland, nicht nur unter Migrantinnen und Migranten, sondern "auch in meinem eigenen linken Milieu". "Ich kann diese ritualisierten Gedenkveranstaltungen nur noch schwer ertragen." Wenn nämlich dem Gedenken an die im Holocaust getöteten Jüdinnen und Juden "im Alltag und der Gegenwart nichts folgt, dann ist das alles nur hohles Geschwätz. Mein eigenes Land ist mir fremd geworden."
Mit sich selbst fremdelt Michael Roth jetzt weniger als früher. Das Schreiben des Buches sei für ihn "ein ganz, ganz großes Geschenk" gewesen. "Ich kann nur jedem empfehlen, sich selbst auch mit Schwächen und dunklen Momenten auseinanderzusetzen." Politik sei "viel menschlicher, als manche meinen und Menschlichkeit heißt nicht nur stark sein, sondern manchmal auch schwach sein". Wohin seine eigene Lebensreise geht, weiß der 55-Jährige noch nicht, doch 2026 werde für ihn "ein Jahr der Entscheidung sein". Politischer Mensch werde er bleiben, aber "der Parteipolitik habe ich jetzt erst Mal in weiten Teilen abgeschworen".
S E R V I C E: Michael Roth: Zonen der Angst. Über Leben und Leidenschaft in der Politik, C.H. Beck, München, 302 Seiten, 27,50 Euro, ISBN 978-3406837814
(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)
Zusammenfassung
- Michael Roth, 55-jähriger Ex-Europaminister und SPD-Politiker, schildert in seinem Buch "Zonen der Angst" offen seinen Umgang mit Depressionen und den Ausstieg aus der Politik nach 25 Jahren Karriere.
- Trotz langjähriger Parteiloyalität und abweichender Meinungen wurde Roth im Dezember 2023 nicht mehr in den SPD-Parteivorstand gewählt und zog sich aus der Parteipolitik zurück.
- Er plädiert für mehr Sensibilität in der Politik und möchte mit seinem 302-seitigen Buch anderen Betroffenen Mut machen.
- Roth warnt vor einem Machtgewinn der AfD und wünscht dem konservativen Kanzler Friedrich Merz ausdrücklich Erfolg, um eine Stärkung rechtspopulistischer Kräfte zu verhindern.
- Als früher Unterstützer der Ukraine fordert er weiterhin entschlossenen westlichen Druck auf Russland und sieht in europäischer Geschlossenheit die einzige Alternative gegenüber internationalen Bedrohungen.
