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Brisante Chats im Spionage-Prozess gegen Egisto Ott erörtert

Heute, 10:54 · Lesedauer 3 min

Am zehnten Verhandlungstag im Spionage-Prozess gegen den Ex-Chefinspektor im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT), Egisto Ott, wurden am Donnerstag Chats verlesen. Sie dokumentieren laut Anklage Unterhaltungen zwischen dem ehemaligen Wirecard-Vorstand und nunmehrigem mutmaßlichen russischen Agenten Jan Marsalek und Orlin Roussev, dem Chef einer für Marsalek tätigen, von London aus operierenden Agenten-Zelle. Sie waren von durchaus brisantem Inhalt.

Unter anderem ging daraus hervor, wie der bis Februar 2023 in Wien lebende russlandkritische Investigativ-Journalist Christo Grozev von der von Roussev kommandierten sechsköpfigen Truppe beschattet wurde. Marsalek, der hinter dem im Chat genutzten Pseudonym "Rupert Tiecz" stecken soll, ließ sich etwa im Detail informieren, in welchem Winkel "Teleskope" in einer eigens angemieteten Wohnung vis-a-vis des Gebäudes angebracht wurden, in dem Grozev seinen Wohnsitz hatte. Auch über einen Einbruch in die Wohnung Grozevs, im Zuge dessen ein Laptop aus einem Tresor entwendet, über Sofia nach Istanbul verbracht und dort mutmaßlich von einem Vertreter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB "abgeholt" wurde, tauschten sich die Männer aus.

An einer anderen Stelle berichtete "Rupert Tiecz", er habe "gerade eine großartige Schulung mit den Alpha-Leuten genossen". Dabei soll es sich um Spezialisten des FSB handeln, die für verdeckte Operationen eingesetzt werden, wie die Ermittler der beim Bundeskriminalamt eingerichteten "AG Fama" in einem Zwischenbericht festhielten.

Verlesen wurde auch ein Chat, aus dem sich laut Anklage ergibt, dass Roussevs Männer Schwierigkeiten hatten, an der Wiener Adresse von Otts Schwiegersohn einen SINA-Laptop mit geheimdienstlichen Informationen eines EU-Staates abzuholen. Die Männer reisten per Bahn von Berlin nach Wien, mussten dabei in München umsteigen, verpassten den direkten Anschlusszug nach Wien und wurden über Budapest umgeleitet. "Ich hätte nie gedacht, dass sich deutsche Züge um 30 Minuten verspäten können", wunderte sich "Rupert Tiecz". "Glory Glory Halleluja", hieß es, als endlich die Destination erreicht war. Und weiter: "Sie mussten fest in die Pedale treten. Wie Fred Feuerstein."

Eingehend erörtert wurde in den Chats auch, wie es Marsalek gelungen war, den mutmaßlich für den russischen Geheimdienst tätigen Ex-BVT-Abteilungsleiter Martin Weiss außer Landes zu schaffen, der am 24. Jänner 2021 kurzzeitig festgenommen und auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Wien dann wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Knapp dreieinhalb Stunden später rapportierte Roussev: "Unser Freund wurde von der Polizei freigelassen." Man habe Weiss "Fluchtgefahr" unterstellt, weil er fünf verschiedene Telefonnummern genutzt habe, bekräftigte "Rupert Tiecz" alias Marsalek: "Es ist unglaublich."

Später berichtete "Rupert Tiecz" seinem Chat-Partner, es gebe "tatsächlich Leute, die ihn (gemeint: Weiss, Anm.) umbringen wollen." Das wusste Marsalek zu verhindern. "Ich habe es geschafft, unseren österreichischen Freund nach Dubai zu transportieren", vermeldete er. In diesem Kontext erklärte er, "Schwierigkeiten am Flughafen" befürchtet zu haben ("Wir haben uns Sorgen gemacht"). Doch es habe alles geklappt.

Drei zusätzliche Verhandlungstage bis 20. Mai anberaumt

Danach begann der vorsitzende Richter mit den Verlesungen aus dem gesamten Gerichtsakt, auf Grundlage dessen die Geschworenen am Ende der Verhandlung über die Schuld der beiden Angeklagten - neben Ott ist ein ehemaliger IT-Forensiker am BVT als Beitragstäter angeklagt - entscheiden müssen. Diese Verlesungen dürften sich über mehrere Stunden erstrecken. Zeugen sind für den heutigen Verhandlungstag keine geladen.

Der Prozess wird am 20. April mit der Einvernahme von Michael Kloibmüller, dem früheren Kabinettschef im Innenministerium, fortgesetzt. Zusätzlich wurden mit dem 18. und dem 20. Mai zwei weitere Verhandlungstermine fixiert.

Zusammenfassung
  • Der Prozess wird am 20. April mit der Einvernahme von Michael Kloibmüller fortgesetzt, zudem wurden drei zusätzliche Verhandlungstage bis zum 20. Mai angesetzt.