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Schon über 10 Kandidaten: Kampf um Johnsons Erbe bedroht Partei

10. Juli 2022 · Lesedauer 4 min

Boris Johnson hat als Großbritanniens Premierminister ein baldiges Ablaufdatum. Zahlreiche Schwergewichte der britischen Konservativen bringen sich in Stellung, um statt ihm in die Downing Street einzuziehen. Eine Schlammschlacht beginnt.

Die Nerven in der Konservativen Partei liegen blank, der Kampf ums Erbe von Boris Johnson dürfte zu einer Schlammschlacht werden. "Die nächsten Wochen werden furchtbar", zitierte die Zeitung "The Times" ein anonymes Kabinettsmitglied. Die Partei werde letztlich zerrissen werden. Kaum hatte der britische Premierminister seinen Rückzug angekündigt, brachen die Gräben auf.

Untergangsstimmung und Bürgerkrieg

Bereits am Abend fielen potenzielle Kandidaten und ihre Unterstützer in einer Mischung aus Untergangsstimmung und Bürgerkrieg auf einer Party übereinander her. Da gibt es Vorwürfe über außereheliche Affären, Verletzungen der Corona-Regeln und dubiose Wirtschaftsverbindungen, wie die "Times" schrieb. Abgeordnete würden daran erinnert, welche Leichen die anderen Bewerber im Keller haben. Die Partei will den Auswahlprozess bis zur Sommerpause des Parlaments am 21. Juli durchpeitschen. "Das bedeutet, dass Westminster kommende Woche einen täglichen Mix aus Verrat, Pakten und Brutalität erleben wird", kommentierte das Blatt.

Zwei Minister und zwei Ex-Minister warfen am Samstag ihren Hut in den Ring. Verkehrsminister Grant Shapps, Finanzminister Nadhim Zahawi, Ex-Außenminister Jeremy Hunt und Ex-Gesundheitsminister Sajid Javid äußerten sich, nachdem das zuständige Komitee ein zügiges Verfahren angekündigt hatte.

Bis 20. Juli sollten die zwei Kandidaten für die Urabstimmung feststehen, sagte Geoffrey Clifton-Brown, Mitglied des zuständigen 1922-Komitees, am Samstag bei Times Radio. Die genauen Regeln und der Zeitplan werden nächste Woche festgelegt.

Mögliche Kandidaten: 

  • Außenministerin Liz Truss
  • Handelsministerin Penny Mordaunt 
  • Ex-Finanzminister Rishi Sunak
  • Verkehrsminister Grant Shapps
  • Finanzminister Nadhim Zahawi
  • Ex-Außenminister Jeremy Hunt
  • Ex-Gesundheitsminister Sajid Javid
  • Außenministerin Liz Truss soll laut Medien am Montag ihre Kandidatur bekannt geben
  • Staatssekretärin Kemi Badenoch
  • Generalstaatsanwältin Suella Braverman
  • Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Unterhaus, Tom Tugendhat

Wettquoten sehen gute Chancen für Sunak 

Kaum Chancen werden allerdings den drei Letzten in der Liste gegeben. Favorit der Buchmacher ist derzeit Ex-Finanzminister Rishi Sunak, der von mehreren einflussreichen Tories unterstützt wird. Johnsons Anhänger werfen dem 42-Jährigen allerdings der Sonntagszeitung "Observer" zufolge vor, den Regierungschef hintergangen zu haben.

Hunt und Javid hatten sich bereits bei der letzten Vorsitzendenwahl im Jahr 2019 beworben. Der damalige Außenminister Hunt schaffte es damals als Kompromisskandidat der Johnson-Kritiker ins Finale. In der Basisabstimmung unterlag er dem späteren Premier aber klar.

Favorit winkt ab

Verteidigungsminister Ben Wallace teilte indes mit, nicht antreten zu wollen. Der zuvor als Favorit gehandelte Wallace sagte am Samstag, er habe "nach umsichtiger Überlegung und Diskussion mit Kollegen und Familie" entschieden, sich nicht am Bewerbungsprozess zu beteiligen. "Es war keine einfache Wahl, aber mein Fokus liegt auf meinem aktuellen Job und dieses großartige Land sicherzuhalten." Eine Empfehlung sprach der Minister nicht aus. Er hoffe, die Partei konzentriere sich nun auf wichtige politische Fragen.

Nachfolger bis 5. September erwartet

Premier Johnson hatte am Donnerstag seinen Rückzug angekündigt. Er will aber noch im Amt bleiben, bis ein Nachfolger gekürt ist. Die Zeitung "The Telegraph" berichtete, der neue Partei- und Regierungschef solle am 5. September feststehen.

Wahl mit mehreren Runden

Üblicherweise erklären Bewerber zunächst ihre Kandidatur. Bei mehreren Abstimmungsrunden der Tory-Abgeordneten im Parlament scheidet jeweils der Kandidat mit den wenigsten Stimmen aus. Somit wird der Kreis immer kleiner, bis am Ende zwei Namen übrig bleiben. Per Briefwahl entscheiden dann die Parteimitglieder, wer von diesen beiden die Partei führen soll. Diese Person wird dann auch Premierminister.

Je nachdem, wie lang die Liste ist, kann der Prozess langwierig sein, zumal die Abstimmungsrunden traditionell nur dienstags und donnerstags stattfinden. Das Komitee strebe an, die Liste bis zum Beginn der sechswöchigen Parlamentspause am 21. Juli auf die zwei erforderlichen Kandidaten einzugrenzen, sagte Clifton-Brown. Vor drei Jahren hatten sich sechs Tory-Abgeordnete um den Chefposten beworben.

Mit Sunak und Javid bewerben sich nun jene beiden Minister, die am Dienstag mit ihren fast zeitgleichen Rücktritten maßgeblich zum Sturz Johnsons beigetragen hatten. Die Demissionen lösten nämlich eine Welle von weiteren Abgängen aus und machten klar, dass Johnson innerhalb der Partei keinen mehrheitlichen Rückhalt mehr hat. Am Donnerstag fügte sich der Regierungschef und erklärte seinen Rücktritt als Parteiführer, womit er das Rennen um seine Nachfolge als Premier eröffnete.

Quelle: Agenturen / Redaktion / lam