Argentinien: Zorn über Mileis polemische Geschichtsrevision
"Doch in diesem Jahr gedenken wir nicht nur der Diktaturopfer, sondern protestieren auch gegen den schrecklichen Geschichtsrevisionismus der aktuellen Regierung. Deshalb ist es wichtiger denn je, dass möglichst viele Menschen kommen", erklärt Miriam Lewin im Gespräch mit der APA.
Lewin ist selber ein Opfer der Diktatur und gehört heuer zu den bekanntesten Menschenrechtsaktivistinnen des Landes. Die Journalistin arbeitete die Verbrechen der Diktatur in Reportagen, Büchern und Dokumentarfilmen auf. Sie sagte auch 1985 im historischen Gerichtsprozess gegen die Militärjunta aus.
Bisher war sie eigentlich stolz auf die Aufarbeitungsarbeit der Diktaturverbrechen in ihrem Land. "Tatsächlich galt Argentinien bisher international als Vorbild die für moralische wie strafrechtliche Aufarbeitung jener Zeit", versichert auch Emilio Crenzel, Soziologe an der Universität von Buenos Aires. Bereits 1983 legte in der noch jungen Demokratie eine staatliche Kommission zur Wahrheitsfindung in ihrem Bericht "Nunca más" ("Nie wieder") die Verbrechen der Diktatur offen.
Fast 1.200 Militärs wurden verurteilt. Ehemalige Folterzentren wurden in Gedenkstätten verwandelt, Opfer entschädigt. 1985 wurde der Militärjunta in einem historischen Gerichtsverfahren der Prozess gemacht. Ex-Diktator Jorge Rafael Videla starb nach lebenslanger Haft 2013 hinter Gittern.
"Doch seit der rechtslibertäre Präsident Javier Milei seit Dezember 2023 an der Macht ist, findet ein nie da gewesener Geschichtsrevisionismus statt", erklärt Crenzel, einer der renommiertesten Experten Argentiniens zum Thema Diktaturbewältigung. Milei verharmlost die Folter und Ermordung zigtausender Menschen als "Exzesse". Die von Experten geschätzten 30.000 Opfer und Gefangene während der Militärdiktatur bezeichnet er als "Lüge" und "Propaganda" der Linken.
Kürzungen unter Milei
Mileis Vizepräsidentin Victoria Villarruel, die aus einer Militärfamilie stammt, setzt sich dafür ein, verurteilte Militärs zu begnadigen. Unterdessen schaffte Milei das Staatssekretariat für Menschenrechte ab, kürzte staatliche Zuschüsse für Opferverbände und Gedenkstätten wie die ehemalige Marine-Mechanikerschule ESMA. "Unter Milei ist selbst die Erinnerungspolitik unter seine Kettensägen-Politik geraten", versichert Mayki Gorosito. Sie spricht von einem massiven Personalabbau und Zurückhaltung notwendiger Gelder, um Argentiniens Diktaturgedenkstätten umzufunktionieren und funktionsunfähig zu machen.
Im Juni 2025 entließ die Regierung sie als Direktorin der ESMA-Gedenkstätte. Sie hatte sich geweigert, in Ausstellungen auch die Gewalt linker Guerilleros zu betonen und Videos über Verurteilungen von Militärs zu entfernen. Im größten Folterzentrum der Diktatur sollen mehr als 5.000 Menschen gefangen gehalten worden sein. Weniger als 300 überlebten.
19-jährige Studentin mit Sack über dem Kopf gefoltert
Auch Miriam Lewin überlebte ihre Gefangenschaft in der ESMA. Sie war 19 Jahre alt, als sie am 17. Mai 1977 in Buenos Aires am helllichten Tag auf der Straße festgenommen wurde. Sie gehörte einer linken Studentenbewegung an. Zunächst kam sie ins Haftzentrum Virrey Cevallos. Über 800 solcher geheimen Folteranstalten gab es im Land, in Militär- oder Polizeigebäuden. Wochenlang wurde sie dort nackt, gefesselt und mit einem Sack über dem Kopf gefoltert.
Sie wollten Informationen über den Aufenthaltsort einer von Lewins Freundinnen erfahren, die sich in einer linken Widerstandsgruppe betätigte. Täglich gab es Prügel. Wärter steckten ihr Plastiksäcke über den Kopf, bis sie zu ersticken drohte. "Submarino seco" nannten sie diese Methode - trockenes U-Boot. Mit Elektrostäben verabreichten sie ihr Stromschläge - in der Vagina, an den Brüsten.
Als klar war, dass sie keine aktuellen Hinweise mehr liefern konnte, ließ man von ihr ab und verlegte sie nach zehn Monaten in die ESMA. Hier blieb Lewin ein weiteres Jahr gefangen. Doch man ließ sie am Leben. Sie war Journalistin, sprach mehrere Sprachen. So konnte sie den Militärs während der Fußball-Weltmeisterschaft in Argentinien 1978 übersetzen, was die ausländische Presse über das Regime schrieb.
Wut über Aussagen Mileis
Wenn sie heute Milei sagen hört, es seien vor allem linke Guerillagruppen wie die Montoneros und die Revolutionäre Volksarmee ERP gewesen, die damals "mordeten und Bomben legten" und gegen diese "Terroristen" musste sich der Staat halt wehren, wird sie wütend: "Die Rechtfertigung der Diktaturverbrechen und deren Verklärung gab es schon immer in gewissen Kreisen. Doch nun werden sie erstmals durch einen Regierungschef sozial legitimiert und breiten sich bereits unter jungen Menschen aus".
Man brauchte damals nicht im bewaffneten Untergrund gewesen sein, um ins Visier der Diktatur zu geraten. Es waren auch Zigtausende gewaltlose Regimegegner, die für immer verschwanden: Kommunistische Politiker, Gewerkschafter, kritische Intellektuelle, unbequeme Journalisten oder einfach auch nur linkspolitisch engagierte Studenten wie Miriam Lewin.
Wer heute in Buenos Aires im "Park der Erinnerung" am Ufer des Río de la Plata das Denkmal für die Opfer der Militärdiktatur besucht, bekommt eine erschütternde Vorstellung von der Dimension der Gräueltaten. Die Namen zigtausender Opfer sind in eine mehrere hundert Meter lange Steinwand eingraviert. Auch Lewins Name hätte auf dieser Steinwand stehen können. Der Park liegt am Flughafen, von dem aus die Militärs ihre berüchtigten "Todesflüge" starteten, um Regimegegner lebendig aus den Fliegern ins Meer zu werfen.
"Staatsterrorismus der Militärs"
"Der Staatsterrorismus der Militärs löste eine Periode massiver Menschenrechtsverletzungen aus. Dabei war vor allem das Verschwindenlassen von Regimegegnern eine systematische Methode, um den Terror in der Gesellschaft zu verbreiten", erklärt Diktaturforscher Emilio Crenzel.
Für Miriam Lewin ist es deshalb umso wichtiger, dass der Opfergedenktag am kommenden Dienstag massiver als je zuvor ist. "Wir müssen uns Mileis Geschichtsrevisionismus entgegenstellen, der den bisherigen politischen und gesellschaftlichen Konsens des 'Nunca Más' in Gefahr bringt", sagt sie.
(Von Manuel Meyer/APA)
Zusammenfassung
- Zum 50. Jahrestag des Militärputsches am 24. März 1976 gedenken Zehntausende Argentinier der Opfer der Diktatur, während Präsident Javier Milei wegen seines Geschichtsrevisionismus stark kritisiert wird.
- Milei und Vizepräsidentin Victoria Villarruel verharmlosen laut Experten die Verbrechen der Militärdiktatur, sprechen von 'Exzessen' und stellen die Zahl der 30.000 Opfer als 'Lüge' und 'Propaganda' dar.
- Unter Milei wurden das Staatssekretariat für Menschenrechte abgeschafft, staatliche Zuschüsse für Opferverbände und Gedenkstätten wie die ESMA massiv gekürzt und zahlreiche Mitarbeiter entlassen.
- Menschenrechtsaktivistin Miriam Lewin, selbst Überlebende der Diktatur, berichtet von systematischer Folter und warnt, dass Mileis Politik den gesellschaftlichen Konsens des 'Nunca Más' gefährdet.
- Im größten Folterzentrum ESMA wurden mehr als 5.000 Menschen gefangen gehalten, von denen weniger als 300 überlebten, und der Park der Erinnerung in Buenos Aires erinnert mit einer langen Steinwand an die zigtausenden Opfer.
