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Analysen: Nawalny von Moskau mit Pfeilgift getötet

Heute, 13:11 · Lesedauer 5 min

Der vor zwei Jahren in russischer Haft gestorbene Oppositionsführer Alexej Nawalny ist Analysen zufolge mit einem starken Nervengift getötet worden. Der deutsche Außenminister Johann Wadephul und seine Amtskolleginnen und Kollegen aus Großbritannien, Schweden und den Niederlanden beschuldigten Russland in einem gemeinsamen Pressestatement am Samstag in München, den Kremlkritiker umgebracht zu haben. Nawalny starb am 16. Februar 2024 in einer Strafkolonie im hohen Norden.

"Für das Vereinigte Königreich, Schweden, Frankreich, Deutschland und die Niederlande steht fest, dass Alexej Nawalny mit einem tödlichen Toxin vergiftet wurde", hieß es in einer am Samstag veröffentlichten gemeinsamen Erklärung der fünf Staaten. In Proben des russischen Oppositionspolitikers wurde demnach das Gift Epibatidin nachgewiesen, das in südamerikanischen Pfeilgiftfröschen zu finden sei. In Russland komme es in der Natur nicht vor.

Russland habe behauptet, Nawalny sei eines natürlichen Todes gestorben, heißt es in der Erklärung weiter. Angesichts der Toxizität von Epibatidin und der bekannt gewordenen Symptome sei die Ursache seines Todes jedoch "mit hoher Wahrscheinlichkeit" eine Vergiftung. "Nawalny verstarb in Haft, Russland hatte also die Mittel, ein Motiv und die Möglichkeit, ihm das Gift zu verabreichen."

Die bei dem Pressestatement anwesende Witwe Julia Nawalnaja sagte am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz, nun habe man den Beweis, dass Kremlchef Wladimir Putin ein Mörder sei. Nawalnaja hatte bei einem aufsehenerregenden Auftritt auf der Münchner Sicherheitskonferenz vor fast genau zwei Jahren angesichts der Berichte über den Tod ihres Mannes zum Kampf gegen den russischen Machtapparat von Putin aufgerufen.

Wadephul: Gift ist 200 Mal so stark wie Morphium

Wadephul sagte nun, zwei Jahre später wisse man: "Alexej Nawalny wurde in russischer Gefangenschaft vergiftet." Seine sterblichen Überreste hätten das besonders starke Nervengift, Epibatidin, enthalten. Die Wirkung des im Hautdrüsensekret von Baumsteigerfröschen in Ecuador, sogenannten Pfeilgiftfröschen, vorkommenden Giftes sei 200 Mal so stark wie Morphium. "Es lähmt die Atemmuskulatur, die Opfer ersticken qualvoll", sagte Wadephul. Zunächst blieb offen, wann, wo und wie konkret die Analysen durchgeführt worden waren.

"Niemand außer Putins Schergen wird uns sagen können, wie dieser 16. Februar 2024 in der russischen Strafkolonie im Einzelnen abgelaufen ist", sagte Wadephul. "Klar ist: Die russischen Behörden hatten die Möglichkeit, das Motiv und die Mittel, Nawalny das Gift zu verabreichen." Nawalny sei nicht nur das mutige Gesicht der russischen Opposition gewesen, sondern schon einmal das Opfer eines hinterhältigen Giftanschlags. Anschließend wurde er in der Berliner Charité behandelt und kehrte trotz allem danach nach Russland zurück.

Nawalnys Tod, der sich an diesem Montag zum zweiten Mal jährt, bleibe ein herber Schlag für alle Menschen vor allem in Russland, die die Hoffnung auf ein freies Land nicht aufgegeben hätten, sagte Wadephul. "Putin tritt Völkerrecht und Menschlichkeit nicht nur in der Ukraine jeden Tag mit Füßen." Auch seine Verpflichtungen nach dem Chemiewaffenübereinkommen seien Putin völlig egal. Die Vergiftung Nawalnys müsse Folgen haben, forderte der deutsche Außenminister. Darum müsse es jetzt in den zuständigen Gremien gehen. Deshalb habe man heute auch den Generaldirektor der Organisation für das Verbot chemischer Waffen über die Erkenntnisse informiert.

Nawalnaja: Hoffe, dass Putin irgendwann auf Anklagebank landet

Nawalnaja dankte den an den Analysen beteiligten Labors in Deutschland, Großbritannien, Schweden und den Niederlanden. Es sei der schwerste Tag ihres Lebens gewesen, als sie vor zwei Jahren vom Tod ihres Mannes erfahren habe. Schon damals sei sie sich sicher gewesen, dass er ermordet wurde. "Was sonst hätte mit einem jungen, charismatischen Oppositionsführer in Putins Gefängnis passieren können?"

Es sei sicher keine Neuigkeit, dass der Kremlchef ein Mörder sei. "Aber jetzt haben wir noch einen direkten Beweis dafür. Und ich hoffe sehr, dass er irgendwann auf der Anklagebank landet und sich für alles, was er getan hat, verantworten muss", sagte sie in einer teils auf russisch gehaltenen Rede.

Tod in Strafkolonie nördlich des Polarkreises

Nawalny galt als der prominenteste Gegner von Putin in Russland, auch weil er immer wieder Korruptionsfälle innerhalb der Elite um den Kremlchef aufdeckte. 2020 wurde er vergiftet und im Koma liegend nach Deutschland ausgeflogen, wo er in der Berliner Charité behandelt wurde. Die russischen Behörden nahmen den Politiker im Jänner 2021 bei seiner Rückkehr in die Heimat noch auf dem Flughafen fest - zunächst wegen des angeblichen Verstoßes gegen frühere Bewährungsauflagen.

Später verurteilten russische Gerichte Nawalny zu langen Haftstrafen - unter anderem wegen Extremismus. Im Gefängnis wurde er stark von der Außenwelt isoliert. Am 16. Februar 2024 starb er in einer Strafkolonie nördlich des Polarkreises. Zum Todeszeitpunkt war er 47 Jahre alt - die russischen Behörden sprachen von einer natürlichen Todesursache.

Großbritannien: Moskau muss zur Rechenschaft gezogen werden

Die britische Außenministerin Yvette Cooper sagte, man könne bestätigen, dass im Körper von Nawalny ein tödliches Gift gefunden worden sei, das in ecuadorianischen Pfeilgiftfröschen vorkomme. Die russische Regierung müsse dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Cooper zitierte Nawalnys Worte: "Wir müssen das tun, was sie fürchten. Sagt die Wahrheit, verbreitet die Wahrheit. Das ist die mächtigste Waffe."

Die schwedische Außenministerin Maria Stenergard sprach von einem Schritt von größter Wichtigkeit, um Russland zur Rechenschaft zu ziehen und seine fortwährenden Lügen aufzudecken. "Ich bin unglaublich stolz darauf, dass wir gemeinsam dazu beitragen konnten, die Wahrheit ans Licht zu bringen." Der niederländische Außenminister David van Weel sagte, die gute Nachricht sei, dass die Wahrheit immer ans Licht komme. Die Mühlen der Gerechtigkeit mahlten zwar vielleicht langsam, aber entschlossen für Nawalny.

Zusammenfassung
  • Analysen aus Deutschland, Großbritannien, Schweden und den Niederlanden zeigen, dass Alexej Nawalny am 16. Februar 2024 in russischer Haft mit dem Nervengift Epibatidin getötet wurde.
  • Epibatidin stammt aus südamerikanischen Pfeilgiftfröschen, ist 200 Mal so stark wie Morphium und kommt in Russland nicht natürlich vor.
  • Russland bestreitet weiterhin eine Vergiftung und spricht von einer natürlichen Todesursache, während internationale Außenminister Russland offen beschuldigen.
  • Nawalnys Witwe Julia Nawalnaja sieht den Mord durch den Kreml als bewiesen und fordert, dass Putin zur Rechenschaft gezogen wird.
  • Die Ergebnisse wurden auf der Münchner Sicherheitskonferenz präsentiert und an die Organisation für das Verbot chemischer Waffen weitergeleitet.