APA - Austria Presse Agentur

Afghanistan: Zusammenstöße bei Demo für Frauenrechte in Kabul

03. Sept 2021 · Lesedauer 5 min

Die radikalislamischen Taliban und ihre Gegner haben sich am Freitag Berichten zufolge heftige Gefechte im Panjshir-Tal geliefert. Bei einer Demonstration für Frauenrechte in Kabul ist es indes zu Zusammenstößen gekommen.

Die radikalislamischen Taliban und ihre Gegner liefern sich heftige Gefechte im Panjshir-Tal. Ein Sprecher der Widerstandsbewegung sagte am Freitag, die Truppen unter dem Taliban-Gegner Ahmed Massud seien in "schwere" Kämpfe mit den Taliban verwickelt. "Wir werden den Kampf für Gott, Freiheit und Gerechtigkeit niemals aufgeben", teilte Massud am Samstag auf seiner Facebook-Seite mit. Bei einer Demonstration für Frauenrechte in Kabul ist es indes zu Zusammenstößen gekommen.

Mindestens eine Frau sei dabei verletzt worden, berichteten lokale Journalisten am Samstag. Sie teilten das Video einer Frau, der Blut vom Kopf läuft. Videos von lokalen TV-Sendern und Aktivistinnen zufolge kam es bei der Demonstration zu chaotischen Szenen. Rund zwei Dutzend Frauen hatten zunächst friedlich in der Nähe des Präsidentenpalastes demonstriert, wie auf Bildern, die in sozialen Medien geteilt wurden, zu sehen war. Sie hielten Schilder in der Hand, auf denen etwa stand: "Wir sind nicht die Frauen von vor 20 Jahren" oder "Gleichheit - Gerechtigkeit - Demokratie!".

Auf Videos ist zu sehen, wie die Frauen von 50 oder mehr Sicherheitskräften der Taliban umzingelt sind und sich Schreiduelle mit Taliban liefern. Mehrere von ihnen husten. Ein Taliban-Kommandeur fragt über einen Lautsprecher "... wartet, was ist das Problem, was wollt ihr, es gibt kein Problem Mädchen, okay?", während im Hintergrund eine junge Frauenstimme zu hören ist, die fragt: "Warum schlagt ihr uns?" Lokale Journalisten teilten das Video einer Frau, der Blut vom Kopf läuft.

Die Videos und Angaben konnten zunächst nicht unabhängig verifiziert werden. Auch der Sender CNN berichtete über den Frauenprotest. Zuvor hatten bereits am Freitag mehrere Frauen in Kabul für Frauenrechte demonstriert. Eine Teilnehmerin, Taranum Sajidi, sagte der Deutschen Presse-Agentur am Samstag, sie seien angesichts der Situation gezwungen, auf die Straße zu gehen und ihre Rechte einzufordern. Sie habe drei Universitätsabschlüsse und nun wolle man von ihr, dass sie zuhause bleibe.

Während des Taliban-Regimes zwischen 1996 und 2001 durften Frauen in Afghanistan nicht mehr arbeiten und nur noch verschleiert in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds das Haus verlassen. In der Öffentlichkeit war für sie lautes Sprechen oder Lachen verboten. Mädchen wurden auch vom Schulunterricht ausgeschlossen. Viele Frauen befürchten seit der erneuten Machtübernahme der Islamisten, dass diese wieder ähnliche Regeln für sie einführen werden.

Hochburg des Widerstands

Seit mittlerweile fünf Tagen gibt es Gefechte zwischen Taliban und Kämpfern der Nationalen Widerstandsfront um Panjshir, die einzige Provinz im Land, die die Taliban bisher nicht kontrollieren. Ursprünglich hatte es von beiden Seiten geheißen, man wolle die offene Machtfrage durch Verhandlungen lösen. Ein Sprecher der Nationalen Widerstandsfront schrieb diese Woche auf Twitter, die Taliban hätten Massud einen Posten in der künftigen Regierung angeboten und den Schutz seines Eigentums. Dieser habe aber abgelehnt und dies damit begründet, dass er keine persönlichen Interessen verfolge. Von Taliban gab es dazu bisher keine Aussagen.

Die Kämpfe begannen einem Sprecher der Widerstandsfront zufolge am Dienstag mit Taliban-Angriffen auf Kontrollposten am Eingang zum Panjshir-Tal. Zuletzt dürften sich die Gefechte verstärkt haben. Beide Seiten gaben an, das sie der jeweils anderen Seite heftige Verluste zugefügt hätten. In der Nacht auf Samstag verbreiteten Taliban-Unterstützer auf Twitter Gerüchte, Panjshir sei gefallen und die Führung des Widerstands geflohen.

Dies dementierte der bisherige Vizepräsident Amrullah Saleh, der selbst in Panjshir sein soll, umgehend. Die Situation sei schwierig, aber "wir haben unser Land verteidigt", sagte er in einer Videonachricht, die der lokale TV-Sender ToloNews auf Twitter teilte. Auch Massud schrieb auf Facebook, das Panjshir-Tal sei "bisher standhaft geblieben".

Panjshir konnte von den Taliban auch während ihrer ersten Herrschaft zwischen 1996 und 2001 nicht erobert werden. Das lag neben dem erbitterten Widerstand der Nordallianz auch an der geografischen Lage - der Eingang zum Tal ist eng und gut zu verteidigen.

Humanitäre Afghanistan-Konferenz in Genf geplant

Zur humanitären Hilfe für Afghanistan findet Mitte September eine UN-Konferenz in Genf statt. UN-Generalsekretär Antonio Guterres werde das hochrangige Treffen am 13. September leiten, teilte sein Sprecher Stephane Dujarric am Freitag in New York mit. Die Konferenz soll zum einen auf eine "rasche Erhöhung der Finanzierung" hinwirken, "damit lebensrettende humanitäre Einsätze fortgesetzt werden können", erklärte Dujarric.

Italien bekräftigt: "Pflicht zur Aufnahme von Afghanen"

Italien bekräftigt unterdessen die Ansicht, dass es für EU-Länder eine Pflicht sei, afghanische Flüchtlinge aufzunehmen. Der italienische Verteidigungsminister Lorenzo Guerini gab zugleich nach einem Treffen mit US-Verteidigungsminister Lloyd Austin im Pentagon in Washington zu, dass die Gefahr der Einwanderung von Terroristen nach Europa "ein hohes Maß an Aufmerksamkeit" erfordere. "Europa muss seinen Werten gerecht werden, Italien tut dies", sagte der Verteidigungsminister.

Er betonte dabei, dass Italien bisher etwa 5.000 Flüchtlinge aufgenommen habe. Der Minister sprach sich für eine "Stärkung der europäischen Verteidigung" aus. Der italienische Premier Mario Draghi hatte am Donnerstag Kritik an jenen EU-Ländern, darunter Österreich, geübt, die keine afghanische Flüchtlinge aufnehmen wollen. "Die Rettung der Afghanen hat wieder einmal gezeigt, wie arm die EU bei der Bewältigung der Einwanderungsproblematik ist", kritisierte Draghi. Er erklärte sich zuversichtlich, dass Italien, das den G20-Vorsitz innehat, eine G20-Konferenz zu Afghanistan organisieren kann.

 

Quelle: Agenturen